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Im Gespräch: Karl-Theodor zu Guttenberg : „Wir müssen weiter mit Verlusten rechnen“

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„Der Sommer wird eine harte Belastungsprobe für uns alle bedeuten.” Bild:

Afghanistan wird sich nach den Worten von Verteidigungsminister Guttenberg (CSU) nie absolut stabilisieren lassen. Im Interview mit der F.A.Z. blickt Guttenberg gleichzeitig auf die Zeit nach einem Truppenabzug. Auch dann könnten Geheimdienste und Spezialkräfte eingesetzt werden.

          Herr Minister, zeigt die Affäre um General McChrystal nicht, dass sich viele Beteiligte nur noch für den Fall eines Scheitern der Afghanistan-Mission absichern wollen?

          Wir nehmen jede Diskussion aufmerksam wahr. Und es sind Debatten, die nicht nur in den Vereinigten Staaten geführt werden. McChrystal stand für eine Strategie, die in der Kontinuität jetzt auch fortgeführt werden soll. Er hat sich nach meiner Einschätzung nicht lediglich in Sicherheit gebracht, für seine Auswechslung gab es andere Gründe. Der Artikel in der Zeitschrift „Rolling Stone“, auf den die Führung im Weißen Haus reagiert hat, mag wohl der wesentliche gewesen sein.

          McChrystal soll zuvor ein sehr pessimistisches Bild von der Lage in Afghanistan gezeichnet haben. In angelsächsischen Medien wurde spekuliert, dass das der wahre Grund für seine Ablösung gewesen sei.

          Aus den persönlichen Gesprächen mit McChrystal habe ich dafür keine Anzeichen. Die waren immer von großer Entschlossenheit geprägt. Es ist aber richtig, dass sich tatsächlich manches verzögert. Für die Operation in Mardschah wurden Ergebnisse früher erwartet, und gleiches gilt für die Operation in Kandahar. Beide sind nicht unwichtig. Es bleibt aber dabei, dass die Ausbildung der afghanischen Polizei und Armee Vorrang hat. Dazu werden auch wir weiterhin unseren Beitrag leisten. Aber natürlich bedarf es auch einer spürbaren und nachhaltigen Kooperation auf afghanischer Seite. Sehr viele Chancen hierfür hat Afghanistan nicht mehr.

          Wie ist die Entwicklung im Norden, wo die Bundeswehr Verantwortung trägt?

          Sehr unterschiedlich. In einigen Gebieten hat sich die Lage in den letzten Monaten oder Jahren positiv entwickelt. Dort kommen wir dem Ziel einer Übergabe in Verantwortung immer näher. In anderen Gebieten hat sich die Lage verschärft. Ich gehe sogar von einer weiteren Verschärfung in den Sommermonaten aus. Dazu zählt besonders Kundus, aber auch die Region ganz im Westen des deutschen Verantwortungsbereichs, wo die Norweger ein Wiederaufbauteam (PRT) haben. Das zeigt, dass wir teilweise noch einen weiten Weg zu gehen haben, bis auch nur ein Mindestmaß an Sicherheit erreicht ist.

          Müssen wir mit Verlusten rechnen?

          Ja, wir müssen, so bitter diese Aussage auch ist, weiter mit Verlusten und Verwundeten rechnen. Der Sommer wird eine harte Belastungsprobe für uns alle bedeuten. Wir stehen kurz vor den afghanischen Parlamentswahlen, und an den Hot Spots nimmt die Gewalt zu.

          Werden Sie das innenpolitisch durchstehen?

          Wir müssen weiterhin deutlich machen, wozu dieser Einsatz dient und welche Ziele realistisch erreichbar sind und welche nicht. Wesentlich ist doch: Von Afghanistan darf keine Gefährdung der internationalen Gemeinschaft mehr ausgehen – das Nichterreichen anderer Wünsche, auch von Traumbildern, wird man wohl mehr und mehr und klarer in Kauf nehmen müssen. Wie etwa die Illusion von einer Idealdemokratie in Afghanistan. Für Illusionen dürfen wir weder unsere Soldaten noch Polizisten oder zivile Helfer diesen Gefahren aussetzen.

          Wann also ist das genannte Ziel erreicht?

          Es ist noch nicht erreicht, aber wir sind auf dem Weg dahin, und auch dieser Weg ist mit großen Gefährdungen verbunden. Allerdings wären die Gefährdungen und Risiken, die nach einem sofortigen Komplettabzug entstehen würden, noch größer. Wir sollten aber den Anspruch haben, allerspätestens im nächsten Jahr mit der Übergabe in Verantwortung zu beginnen und das nicht aus fadenscheinigen Gründen auf die lange Bank schieben lassen. Aber ich bleibe dabei: Es wäre ein Fehler, sich auf ein Enddatum festzulegen.

          Abzugsdebatten werden auch bei anderen in der Nato geführt.

          Sollte sich tatsächlich die Situation ergeben, dass beispielsweise einer der größeren oder der größte Bündnispartner aus welchen Gründen auch immer beschleunigt Afghanistan verlässt, ist hier eine Koordination unbedingt erforderlich. Es ist deutlich zu machen, dass es nicht einen geben darf, der alleine und verlassen das Licht ausmacht.

          Was kommt nach einem Abzug der internationalen Truppen?

          Wir müssen uns schon jetzt Gedanken machen über Nachsorgeelemente. Da sollten wir durchaus auch impulsgebend sein. Wenn man dauerhaft keine Gefährdung für die internationale Gemeinschaft wünscht, beinhaltet das auch die internationale Koordination des Einsatzes von Nachrichtendiensten und Spezialkräften.

          Was hätten diese Kräfte dann zu tun?

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