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Im Gespräch: Gesundheitsminister Bahr (FDP) : „In der Pflege ist zuerst die Familie gefordert“

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Ein Junger kümmert sich um die Alten: Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) Bild: dapd

Gesundheitsminister Daniel Bahr spricht im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den Kampf gegen die Demenz, das Geld für eine Reform und das Selbstbewusstsein der FDP.

          Immer mehr Menschen in Deutschland sind darauf angewiesen, dass sie jemand pflegt. Gibt es in Ihrer Familie einen solchen Fall, Herr Bahr?

          Mein Großvater war ein Pflegefall, daher kenne ich die Sorgen vieler Familien. Durch einen Schlaganfall war er auf Hilfe angewiesen. Bis dahin hatte er allein in Kiel gelebt, wir holten ihn nach Münster. In einer Gesellschaft, die immer mobiler wird, wird bisweilen vergessen, dass eine Familie auch in schwierigen Zeiten füreinander da sein muss.

          Millionen Menschen warten auf eine Reform der Pflegeversicherung. Was planen Sie?

          Wir werden die Familien und Angehörigen von pflegebedürftigen Menschen entlasten, denn sie sind oft überfordert. Ein pflegender Angehöriger muss Auszeiten nehmen können. Wer Kurzzeitpflege in Anspruch nimmt, bekommt derzeit kein Pflegegeld. Das wird nicht verstanden. Auch möchte ich, dass die Menschen die Pflegeleistungen stärker nach ihren Bedürfnissen wählen können und nicht ein starres Angebot vorfinden. Bisher geht es in der Pflege vor allem um die körperliche Gebrechlichkeit. Jetzt müssen wir endlich etwas tun, um auch demenziell Erkrankte besser zu versorgen.

          Wann sind Sie denn mit Ihrer Reform so weit?

          Die Pflegereform soll im ersten Halbjahr des nächsten Jahres in Kraft treten.

          Wer sollte die Hauptlast bei der Pflege tragen: der Staat oder die Familie?

          Die Familie ist der Kern der Gesellschaft. Mir geht es in der Pflege um den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Wenn ein Angehöriger pflegebedürftig wird, ist zuerst die Familie gefordert. Die Gesellschaft muss sie unterstützen und stärken.

          Die Bundesregierung tut doch alles, damit Frauen berufstätig sein können. Dabei sollen noch Kinder großgezogen werden. Und jetzt fordern Sie, dass die Familien auch die alten Eltern pflegen. Ja was denn noch?

          Nicht jeder hat Kinder, aber alle haben Eltern. Vereinbarkeit von Familie und Beruf bezieht sich nicht nur auf Kinder, sondern ebenso auf die Pflege alter Menschen. Menschen, die pflegebedürftig werden, wollen so lange wie möglich zu Hause bleiben. Keiner geht gerne ins Heim. Deshalb müssen wir ambulante Pflege und neue Wohnformen, wie betreutes Wohnen, stärken. Die Arbeitgeber können durch flexiblere Arbeitszeiten einen Beitrag leisten.

          Immer mehr Familien beschäftigen ausländische Pflegekräfte aus Osteuropa oder Asien, um die kaum bezahlbare Rund-um-die-Uhr-Pflege zu ermöglichen. Das ist oft jenseits der Legalität. Können Sie da einen Ausweg bieten?

          Ich will reguläre Pflege nicht auf den Preis von Schwarzarbeit drücken. Ich will Dumpinglöhne auch nicht legalisieren. Es gibt heute schon die Möglichkeit, Kräfte aus dem Ausland legal zu beschäftigen. Das gilt es zu stärken.

          Bei aller Leistung der Familien wird das für den Staat doch ganz schön teuer. Wie viel Geld fehlt denn?

          Die Pflege wurde seinerzeit als Teilkasko-Versicherung geschaffen. Das wird auch so bleiben. Wer erwartet, dass die Politik daraus eine Vollkasko-Versicherung macht, der hat Ansprüche, die für die Gesellschaft nicht finanzierbar sind.

          Klingt nicht nach großen Veränderungen.

          Doch. Die Versorgung demenziell Erkrankter zu verbessern und Familien zu helfen, sind in der Pflege zentrale Zukunftsaufgaben. Dazu muss dann auch die Finanzierung passen.

          Woher soll denn das zusätzliche Geld kommen?

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