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Im Gespräch: Erika Steinbach „Die Familie soll stigmatisiert werden“

Erika Steinbach spricht über Exhibitionismus, Urbanität und Ole von Beust. Außerdem versucht die CDU-Politikerin zu erklären, wo die CDU sich noch dezidiert von den anderen Parteien unterscheidet.

© Wresch, Jonas Vergrößern Erika Steinbach: es liege eigentlich in der Natur des Menschen, ein Mitläufer zu sein

Frau Steinbach, Ihr Parteifreund Ole von Beust hat an dieser Stelle vergangene Woche verlangt, die Union müsse sich den urbanen Realitäten stellen und Abschied von den konservativen Positionen nehmen, die zum Beispiel Sie vertreten.

Ole von Beust hat ja noch nicht einmal in seinem eigenen Laden das geschafft, was er von anderen verlangt. Er blendet seine eigene politische Vita aus. Die Hamburger CDU ist durch die Schill-Partei regierungsfähig geworden. Das war nun wirklich keine linke Bewegung. Darin hat sich aber urbaner Unmut gesammelt. Und der war eher rechts. Der Abstieg der Hamburger CDU begann mit der schwarz-grünen Koalition und dem Verrat der CDU an der eigenen Schulpolitik.

Die frühere Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth hat zuletzt sinngemäß gesagt, in der Union gebe es zu viele Karrieristen. Opportunisten könnte man auch dazu sagen.

Karrieristen gibt es nicht nur in allen Parteien, sondern auch in allen Berufssparten. In unserer Bundestagsfraktion sehe ich auch bei den Jüngeren leidenschaftliches Engagement. Etliche davon sind ja auch im Berliner Kreis. Das Motiv, dort Karriere zu machen, sehe ich nicht, eher gibt es die gegenteilige Sorge.

Weil es sich dabei um stramm Konservative handelt?

Mit dieser Vokabelkombination kann ich nichts anfangen. Die CDU ist singulär in dem, was in ihr zusammenkommt: das Christlich-Soziale, das Liberale, das Konservative. Deswegen engagiere ich mich mit anderen in der Partei, dass diese Programm-Trias nicht geschleift wird.

Volker Kauder hat gesagt, das Christliche sei das wichtige, nicht das Konservative.

Allen, die das behaupten, sei unser CDU-Programm in Erinnerung gerufen. Zudem: Christlich und konservativ schließen sich nicht aus. Unsere drei Wertesäulen sind auf einem christlichen Fundament gegründet.

Was verstehen Sie denn unter konservativ?

Ich schütte in der Wüste einen Eimer schmutziges Wasser erst weg, wenn ich einen mit sauberem daneben stehen habe.

Das Betreuungsgeld ist sauberes Wasser?

Es ist eine angemessene Reaktion auf die Tatsache, dass der Bund vier Milliarden Euro für den Krippenausbau zur Verfügung stellt. Sie gründet im Vertrauen auf die Familie. Natürlich hätte man auch sagen können: Wir lassen von allem komplett die Finger.

So wird Konservatismus in Amerika verstanden.

Wir haben das nicht gesagt. Stattdessen haben wir die Wahlfreiheit für Eltern gestützt. Auch das ist konservativ. Wenn man Geld für den Krippenausbau gibt, dann sollen die, die ihre Kinder fürsorglich zu Hause betreuen, wissen, dass wir das sehr achten. Im Übrigen stehen da im Monat 100 Euro beziehungsweise 150 Euro zu 1.000 Euro pro Krippenplatz. Mehr als eine Geste ist das ja nicht. Uns war es aber wichtig, deutlich zu machen: Es ist das gute Recht einer Mutter zu entscheiden, ich will mein Kind selbst betreuen.

Diese Positionen werden erfolgreich öffentlich diskreditiert. Bis weit in die Union hinein.

Ein Teil der CDU hat sich leider in diesen Sog begeben. Ich jedenfalls glaube, dass ein Kleinstkind bei einer festen Bezugsperson, und das ist in der Regel die Mutter, besser aufgehoben ist als in einer Krippe mit noch so guten Erziehern, die aber vier, fünf oder sechs von diesen Kleinstkindern zu betreuen haben.

Die Kanzlerin sieht das offenbar anders. Sie hat großmütig mitgeteilt, sie wolle Frauen nicht an den Pranger stellen, die sich wenigstens ein paar Jahre selbst um ihre Kinder kümmern. Besten Dank, kann man da nur sagen.

Angela Merkel ist da aber bewusst missverstanden worden. Sie steht zum Betreuungsgeld und wollte deutlich machen, dass sie es nicht akzeptiert, wenn Frauen, die zu Hause bleiben und sich um ihre Kinder kümmern, dafür angegriffen werden.

Was halten Sie von dem Argument, dass es manchen Kindern ganz guttut, schnell der Obhut ihrer Eltern entzogen zu werden?

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Veröffentlicht: 19.11.2012, 10:43 Uhr