07.03.2010 · Seit einer Woche ist der Trierer Bischof Stephan Ackermann Beauftragter für Fälle sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Mit ihm sprach Daniel Deckers über die Schwierigkeiten, in die seine Kirche angesichts immer neuer Fälle steckt.
Bischof Ackermann, seit der vergangenen Woche hat die Deutsche Bischofskonferenz als erste und einzige katholische Bischofskonferenz weltweit einen Beauftragten für Fälle sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Hat sie das nötig?
Wir haben in den letzten Wochen gespürt, dass wir uns diesem Thema stärker widmen müssen als bisher. Das geht nicht nur mit einer Hotline und einem neuen Büro. Die Bischöfe haben der Sorge für die Opfer und dem Bemühen um Prävention ein Gesicht geben wollen.
Die bisherigen Ansätze, etwa die Anwendung der Leitlinien zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs, reichen demnach nicht aus?
Die katholische Kirche in Deutschland ist keine zentral gelenkte und verwaltete Organisation. Sie besteht aus 27 rechtlich selbständigen Bistümern, dazu hunderten von Ordensgemeinschaften, von denen viele, wie die Benediktiner, nicht einmal der Verantwortung der Diözesanbischöfe unterstehen. Meine Aufgabe ist es, die wechselseitige Information der Bistümer untereinander und mit den Orden zu verbessern und die Schritte voranzutreiben, die die Bistümer gemeinsam tun wollen. Das ist in der Tat nötig.
Die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz wurden 2002 beschlossen. Seitdem hat man kaum etwas von ihnen gehört. Warum sollen sie jetzt unter Ihrer Führung präzisiert werden?
Zunächst sollte man festhalten, dass die katholische Kirche in Deutschland die einzige Institution ist, die sich Regeln für Fälle sexuellen Missbrauchs in ihren Reihen gegeben hat. Diese Verfahrensregeln haben sich in den vergangenen acht Jahren durchaus bewährt, gerade auch, was die Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden betrifft. Doch auch wir können lernen. Zu überprüfen ist etwa, ob die Bistümer bei der Prüfung von Vorwürfen noch stärker externe Fachleute hinzuziehen sollten. Außerdem ist zu bedenken, dass sich nicht nur Priester, sondern auch Laien im kirchlichen Dienst an Kinder und Jugendlichen vergreifen können.
Musste das Ausmaß sexuellen Missbrauchs in der Kirche den Bischöfen erst durch eine mehrwöchige öffentliche Debatte bewusst werden?
Die meisten Fälle, die die Öffentlichkeit seit Wochen beschäftigen, haben sich nicht vor Jahren, sondern vor Jahrzehnten abgespielt, etwa die Fälle am Canisius-Kolleg der Jesuiten. Auch die Fälle sexuellen Missbrauchs, die in meinem eigenen Bistum Trier bekannt geworden sind, ereigneten sich nicht in den vergangenen acht Jahren, sondern reichen zum Teil bis in die fünfziger Jahre zurück. Trotzdem haben wir die Dimension insgesamt offensichtlich unterschätzt.
Können Sie erklären, warum viele, die sich heute als Opfer sexuellen Missbrauchs zu erkennen geben, mitunter jahrzehntelang geschwiegen haben?
Im Rückblick muss es verwundern, dass viele Missbrauchsopfer nicht schon unter dem Eindruck der durch die Vorfälle in den Vereinigten Staaten ausgelösten monatelangen Debatte über sexuellen Missbrauch in der Kirche im Sommer 2002 ihr Schweigen gebrochen haben. Dass sie sich heute zu erkennen geben und über das Unrecht, das ihnen widerfahren ist, sprechen wollen, kann ich nur gutheißen. Dass dadurch in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, in der Kirche seien Übergriffe auf Kinder und Jugendliche tagtäglich zu gewärtigen, ist fatal. Aber dieser Eindruck ist falsch.
Im Bistum Regensburg konnte sich vor wenigen Jahren ein wegen sexueller Übergriffe rechtskräftig verurteilter Geistlicher angeblich unbeobachtet wieder Kindern und Jugendlichen nähern, die mutmaßlichen sexuellen Übergriffe mehrerer Benediktiner im Kloster Ettal führten Mitte der neunziger Jahre dazu, dass sie in ein anderes Kloster versetzt wurden. Genau diese Konstellationen wollten die Leitlinien ausschließen - und sie sind doch eingetreten.
Dass es Verstöße gegen die Leitlinien geben kann, ist nicht von der Hand zu weisen. Aber es ist auch unstrittig, dass die Sensibilität für dieses Thema innerhalb der Kirche gewachsen ist und bei Missbrauchsfällen in aller Regel im Rahmen der Leitlinien vorgegangen wurde. Sie sind in der Norm unbestritten. Wie viele Fälle es in den vergangenen Jahren waren, kann ich derzeit nicht genau sagen, weil die Angaben der Bistümer auf entsprechende Anfragen nicht immer miteinander vergleichbar sind. Eine meiner Aufgaben ist es, gemeinsam mit den Spezialisten, die uns beraten, die Erfahrungen sorgfältig auszuwerten, die in den vergangenen Jahren mit dem Regelwerk gemacht wurden. Eines aber kann man jetzt schon sagen: Auch künftig wird die Verantwortung für das konkrete Vorgehen bei den Diözesen und Orden liegen, nicht bei mir oder der Bischofskonferenz. Aber wir müssen stärker zusammenarbeiten. Denn eines ist klar: Wenn nur einer seinen Pflichten nicht nachkommt, fällt das auf alle zurück.
Wenn es aber keine Handhabe gegen fahrlässigen Umgang mit möglichen Missbrauchsfällen gibt, öffnet das Regelwerk einem Generalverdacht wie jenem Tür und Tor, dass - so Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger - die Kirche sich nichts rechtstreu verhalte.
Dieser Generalverdacht ist absurd, erst recht aus dem Mund der Bundesjustizministerin, die es eigentlich besser wissen müsste. Unsere Leitlinien drängen darauf, dass die Staatsanwaltschaften ermitteln. Die Praxis in den Bistümern ist entsprechend, auch wenn in Deutschland im Fall mutmaßlicher sexueller Übergriffe keine Pflicht zur Anzeige besteht. Ich bin froh, dass die Ministerin inzwischen nicht mehr unsere Rechtstreue bezweifelt. Über die Kritik an unseren Leitlinien werden wir mit ihr sprechen.
Und wenn die Bundesjustizministerin nur einen Eindruck in Worte gefasst hätte, der in der Bevölkerung weit verbreitet sein könnte?
Dann müssen wir diesem Eindruck entgegentreten. Es haben sich ja auch schon viele ehemalige Absolventen von Schulen in Trägerschaft von Orden und Bistümern gegen pauschale Verdächtigungen gewandt. Es wäre das Schlimmste, wenn die Bürger der Kirche nicht mehr vertrauten und ihre Kinder in Kindergärten, Schulen und Jugendeinrichtungen nicht mehr gut aufgehoben wüssten. Wir müssen alles tun, um verlorengegangenes Vertrauen wiederzugewinnen.
Wie passt der Vorschlag unter anderem der Familienministerin, einen Runden Tisch zum Thema Kindesmissbrauch einzurichten, zu diesem Bestreben?
Sexuelle Übergriffe auf Kinder und Jugendliche sind bis heute weithin ein Tabuthema in der Gesellschaft. Zum allergrößten Teil spielen sie sich im privaten Umfeld ab, und es gibt wohl sehr viele Internate, Sportvereine oder Einrichtungen der Jugendhilfe, in denen es schon Übergriffe gegeben hat. Ich möchte mir nicht anmaßen, die Teilnehmer eines Runden Tisches festzulegen. Aber die entsprechenden Dach- und Fachverbände gehören sicher mit zum Kreis derjenigen, die sich über den Umgang mit dem Risiko sexueller Übergriffe Rechenschaft geben müssen. Im Saarland dienten die Leitlinien der Bischofskonferenz im Übrigen schon dazu, das Kinderschutzgesetz zu überarbeiten. Insofern sind wir also nicht im Hintertreffen, sondern haben vorgearbeitet.
Die Leitlinien regeln das Verfahren bei Verdacht auf sexuelle Übergriffe. Was hat sich in der Kirche in den vergangenen Jahren im Blick auf die Vorbeugung getan, vor allem auf dem Gebiet der Ausbildung der Priester? Auch diese Berufsgruppe sieht sich ja mittlerweile einem Generalverdacht ausgesetzt.
In den Vereinigten Staaten sind in den vergangenen Jahren viele Untersuchungen angestellt worden, um mögliche Zusammenhänge zwischen Zölibat, Homosexualität und Pädophilie zu erhellen. Eines dieser Ergebnisse ist, dass es keinen Zusammenhang zwischen Zölibat und Pädophilie als der krankhaften Neigung zu Kindern oder Ephebophilie als Neigung zur Minderjährigen gibt. Diese Prägungen bestimmen das Leben der Betroffenen viel früher als dass sie als Folge des Zölibatsversprechens angesehen werden dürfen, das ein Mann als Erwachsener ablegt. Umgekehrt müssen wir uns aber der Frage stellen, ob die priesterliche Lebensform krankhaft veranlagte Männer oder auch Homosexuelle in besonderer Weise anzieht. Diesem Thema widmen sich die Ausbildungsverantwortlichen der Bistümer und der Orden seit vielen Jahren. Hier bedarf es einer besonderen Wachsamkeit bei der Eignungsprüfung der Priesterkandidaten.
Können Sie allgemein als seriös angesehene Schätzungen bestätigen, wonach bis zu vier Prozent des Klerus pädophil oder ephebophil sein sollen und - in den Vereinigten Staaten - bis zu 30 Prozent homosexuell?
Meines Wissens liegen für Europa oder Deutschland im speziellen keine seriösen Untersuchungen vor, die diese Schätzungen bestätigen oder widerlegen könnten. In jedem Fall aber gilt, dass ein Priester wie jeder Mensch vor die Aufgabe gestellt ist, seine Sexualität in seine Lebensgestaltung insgesamt Persönlichkeit zu integrieren und zu einer emotional reifen Persönlichkeit zu werden. Das ist auch eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass er in der Lage ist, das Zölibatsversprechen einzugehen. Glaubwürdige Priester sind das beste Argument, das die Kirche hat. Deshalb hat sich die Ausbildung der angehenden Priester in den vergangenen drei Jahrzehnten vor allem in Deutschland erheblich gewandelt. Dass Fragen der Psychologie in die theoretische und praktische Ausbildung einbezogen werden, ist heute ebenso anerkannt wie die Hinzuziehung von Psychologen bei der Auswahl und der Begleitung von Kandidaten.
Angesichts des enormen Priestermangels und einer historisch niedrigen Zahl angehender Priester eine undankbare Aufgabe ...
Priesterausbildung ist nach meiner Erfahrung als ehemaliger Leiter eines der größten Seminare in Deutschland in erster Linie Persönlichkeitsbildung. Als Priester oder Bischof verkündet man ja keine abstrakte Botschaft, immer ist es ein Mensch, der sich anderen Menschen zuwendet. Seelsorge ist in ihrem Kern Beziehung und lebt von personaler Nähe. Diese setzt eine emotionale und psychosexuelle Reife voraus. Daher muss man kritisch und wachsam sein und notfalls auch Bewerber zurückweisen. Wir dürfen uns nicht korrumpieren lassen von den sinkenden Zahlen.
Können Sie sicher sein, dass jeder Bischof in Deutschland diesem Druck gleichermaßen standhält?
Es wäre fatal, wenn es anders wäre.
Welches werden Ihre ersten Amtshandlungen als Beauftragter der Bischofskonferenz für Fälle sexuellen Missbrauchs sein?
Unter dem Eindruck der öffentlichen Debatte der vergangenen Woche haben sich viele Opfer gegenüber den jeweiligen Beauftragten in den Diözesen oder der Orden zu erkennen gegeben. Viele möchten einfach nur sprechen, anderen kann die Kirche womöglich helfen, ihre Erlebnisse zu verarbeiten. Deshalb gilt es zu klären, was für die Opfer getan werden kann. Dazu haben uns viele Fachleute von sich aus ihre Hilfe angeboten. Zudem werde ich persönlich das Gespräch mit Opfern suchen.
Was wird aus den Leitlinien?
Unabhängig von einem Runden Tisch aller Betroffenen wird es eine Zusammenkunft von Fachleuten aus dem Bereich der Kirche, der Wissenschaft und der Justiz geben, mit denen unsere Erfahrungen im die bisherige Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Kirche erörtert wird. Diese Evaluation soll in die Optimierung der Leitlinien münden.
Welche Bestimmungen halten Sie für unbedingt verbesserungswürdig?
Man sollte die Aussagen, das zeigt die Debatte dieser Tage, über die Zusammenarbeit mit den staatlichen Strafverfolgungsbehörden noch präziser fassen und die psychologische Begutachtung von Tätern vor jeglicher Entscheidung über ihre berufliche Zukunft zur Pflicht machen. Wir werden auch Leitlinien für Laien und Ehrenamtliche im kirchlichen Dienst zu formulieren haben.
Halten Sie es aus der Sicht der Opfer für sinnvoll, dass der Bischöfliche Beauftragte, an den mögliche Missbrauchsfälle herangetragen werden, nicht selten Priester und dazu Mitglied der Bistumsleitung ist?
Dieser Umstand hat Vor- und Nachteile. Als Mitglied der Bistumsleitung hat er zum einen unmittelbaren Zugriff auf Akten, die für Dritte aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht einsehbar sind. In Trier haben wir zudem die Erfahrung gemacht, dass Opfer auch das Gegenüber eines Amtsträgers schätzen, damit endlich „die“ Kirche und nicht etwa ein Therapeut einer Beratungsstelle ihre persönliche Geschichte erfährt. Gleichwohl gilt es zu bedenken, dass manch einer vor einem direkten Kontakt mit einem Verantwortlichen der Kirche zurückschreckt. Die Informations-Hotline, die wir noch vor Ostern einrichten werden, wäre in diesen Fällen ein niedrigschwelliges Angebot. Es ist natürlich auch denkbar, in den Bistümern und Ordensgemeinschaften eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens mit der Aufgabe eines ersten Ansprechpartners zu betrauen. Wir werden das noch einmal sorgfältig bedenken.
Wie verhalten Sie sich gegenüber der Forderung, einen Fonds zur Entschädigung von Opfern einzurichten?
Die meisten Opfer, die sich in den vergangenen Tagen und Wochen zu erkennen gegeben haben, sagen, dass sie dieses abscheuliche Kapitel für sich nun als beendet ansehen. In anderen Fällen gilt das, was seit langem gilt: Die Kirche kommt selbstverständlich für mögliche therapeutische Hilfe und deren Kosten auf. Darüber hinaus werden wir alle Einzelfälle prüfen.
Das Gespräch mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann führte Daniel Deckers.