18.07.2011 · Die Oberschule sei „unser Vorschlag, das Bildungssystem weiterzuentwickeln“, sagt Annette Schavan im F.A.Z.-Interview. Die Bildungsministerin spricht über pädagogische Konzepte, Bildungsstandards und eine Schule, die für alle attraktiv ist.
Frau Ministerin, der Widerstand der süddeutschen Landesverbände, allen voran Ihres eigenen aus Baden-Württemberg, gegen die vom Bundesvorstand der CDU vorgeschlagene Oberschule ist enorm. Was verstehen Sie eigentlich unter Oberschule?
Das ist unser Vorschlag, das Bildungssystem weiterzuentwickeln angesichts eines deutlichen Rückgangs der Schülerzahlen überall in Deutschland. Wir wollen ein differenziertes Bildungssystem, keine Einheitsschule. Deshalb schlagen wir vor, dieses differenzierte Bildungssystem weiterzuentwickeln.
Welche Abschlüsse soll dann die Oberschule anbieten? Nur den Hauptschulabschluss und den Mittleren Abschluss oder auch ein Abitur?
Wir haben Leitsätze formuliert, keine detaillierten Handlungskonzepte. Ich gehe von Hauptschulabschluss und mittlerem Abschluss aus. Ich weiß aber, dass es Länder gibt, die mit Blick auf die Oberstufe andere Pläne haben.
Würden durch eine Oberstufe an der Oberschule nicht auch in Baden-Württemberg die beruflichen Gymnasien, wo 35 Prozent der dortigen Abiturienten ihre Hochschulreife erwerben, geschwächt?
Das bietet sich für Baden-Württemberg überhaupt nicht an, weil es dort flächendeckend berufliche Gymnasien gibt und überhaupt ein sehr vielfältiges Angebot für die Sekundarstufe II.
Die Baden-Württemberger verstehen trotzdem nicht, dass die CDU an der Hauptschule und dem erfolgreichen Realschulgang nicht mehr festhalten will.
Was heißt „die Baden-Württemberger“? Auch in Baden-Württemberg wünschen sich immer weniger Eltern für die eigenen Kinder einen Platz an einer Hauptschule. Ich habe schon in den letzten Jahren – auch im Landtagswahlkampf – in jeder Veranstaltung darauf hingewiesen, dass wir in den kommenden zehn Jahren vor der großen Aufgabe einer Weiterentwicklung unseres Bildungssystems stehen, die auch zu Veränderungen der Organisation führt. Das ist keine Revolution, das steht im Papier des Bundesfachausschusses Bildung, an dem alle Länder beteiligt sind. Und ich füge hinzu: Niemand muss seine Hauptschule auflösen, aber er muss sie weiterentwickeln. Die Weiterentwicklung hat in Baden-Württemberg mit der Werkrealschule begonnen, in Bayern mit der Mittelschule.
Wie sollen die pädagogischen Konzepte in Zukunft konkret aussehen?
Das pädagogische Konzept der Hauptschule zeichnet sich zum Beispiel durch eine starke Berufsorientierung aus – bis hin zur Zusammenarbeit mit beruflichen Schulen. Das wird auch weiter wichtig sein. Klar ist aber auch: Die Umsetzung ist in den 16 Ländern unterschiedlich. Deshalb werden nie alle das Gleiche tun. Die Erwartung der Öffentlichkeit aber ist, dass das, was getan wird, vergleichbar ist. Die Aufgabe besteht darin, die eigene Tradition weiterzuentwickeln und Sorge dafür zu tragen, dass die Bildungsstandards umgesetzt werden.
Nun gibt es neben dem Schülerrückgang ja ein weiteres Problem: In fünf Jahren werden in den westlichen Flächenländern schon 50 bis 70 Prozent der Schüler aus Einwandererfamilien kommen, wie will die CDU damit umgehen?
Schulen, die heute als soziale Brennpunkte bezeichnet werden, brauchen ein pädagogisches Konzept und eine Ausstattung, die sie attraktiv machen für Kinder aus allen gesellschaftlichen Gruppen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Mischung stimmt. Und wir dürfen keine Schulen abschreiben.
Ist das keine Illusion – eine Schule, die für alle attraktiv ist?
Die Rütli-Schule in Berlin ist ein Beispiel dafür, welche Entwicklung eine Schule nehmen kann, von der das vor wenigen Jahren niemand erwartet hätte. Niemand hat Verständnis für Einwanderungsdebatten, wenn es uns nicht gelingt, Kinder jeglicher Herkunft in deutschen Schulen so zu fördern, dass sie in eine gute Ausbildung oder in ein Studium gelangen. Es ist eine der ersten Aufgaben der Bildungspolitik, dafür zu sorgen. Ich wünschte mir, dass das auch alle 16 Länder so sähen.
Sie haben die Brennpunktschulen in den Leitsätzen als Magnetschule bezeichnet. Wie stellen Sie sich diese Schulen konkret vor?
Die Magnetschule orientiert sich an Erfahrungen aus den Vereinigten Staaten. Diese Schulen brauchen eine bessere Personalausstattung, um individuelle Lernförderung zu ermöglichen, und sie brauchen attraktive kulturelle Angebote in Musik, Kunst, Tanz, Literatur. Solche Schulen motivieren die Schüler enorm. Schulen brauchen Partnerschaften – etwa mit Naturwissenschaftlern oder mit Kultureinrichtungen. Magnetschulen dürfen nicht durch ein ständiges Lamento über Schwächen auffallen, sondern müssen Stärken der Kinder entdecken und ihnen die Möglichkeit geben, ermutigende Erfahrungen zu machen.
Zu den Schlüsselfragen bei der Integration ausländischer Kinder gehört die Sprachförderung. Leider ist bisher kaum eines der vielen Modelle auf seine Wirksamkeit überprüft worden. Wird das Bundesministerium für Bildung und Forschung entsprechende Grundlagenforschung finanzieren?
Es dürfen nur solche Modelle dauerhaft eingesetzt werden, von denen wir guten Gewissens sagen können, dass sie Kindern in ihrer Sprachentwicklung helfen. Qualifizierte Anträge zur Sprachförderung werden selbstverständlich bewilligt. Jetzt ist es wichtig, dass sich die Länder in den Beratungen mit uns auf Sprachförderprogramme nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft festlegen, damit wir handeln können.
Wie wollen Sie denn den Dauerkonflikt zwischen Landeszuständigkeit für die Schulpolitik und Kommunen lösen?
Schulpolitik ist das Herzstück der Landespolitik, und das sollte es auch bleiben. Die Bedeutung der Kommunen wird allerdings wachsen. Einige Städte, etwa Stuttgart, Frankfurt oder München, tun enorm viel, ihre Bildungslandschaft voranzubringen. Die Kommunen müssen als Bildungspartner gestärkt werden, ohne dass eine Landesregierung ihre ureigene Verantwortung aufgibt.
Was sagen Sie dann den CDU-Bürgermeistern, die jetzt die Gemeinschaftsschule haben wollen?
Ich verstehe Bürgermeister, die ihre Standorte behalten wollen. Dauerhaft ist eine Schule allerdings nur dann attraktiv, wenn sie auch bildungspolitisch stimmt, wenn sie also differenziert und pädagogisch vielfältig ist und kein Einheitsbrei.
Die CDU wollte sich nie in Strukturdebatten verheddern, mit ihren Leitsätzen hat sie die Strukturdebatte aber selbst heraufbeschworen.
Wer über das Bildungssystem der nächsten zehn Jahre spricht, kann sich das Nachdenken über Strukturen nicht verbieten. Die CDU will keine neuen Etiketten, nicht noch größere Unübersichtlichkeit, sondern mehr Vergleichbarkeit.
Aber noch sind die Bildungsstandards in manchen Ländern nicht mehr als ein Stück Papier.
Wir wären ein großes Stück weiter, wenn die Bildungsstandards schon überall umgesetzt und die Abschlüsse vergleichbar wären. Das würde die Eltern weniger nervös machen und uns so manche Strukturdebatte ersparen. Es hat doch vor allem mit Verunsicherung zu tun, dass nur noch zwei Prozent der Grundschuleltern für ihre Kinder einen Platz an einer Hauptschule wünschen, wie das Institut für Demoskopie in Allensbach festgestellt hat. Davor kann auch ein CDU-Politiker nicht die Augen verschließen. Er muss sich überlegen, wie die Vorzüge der Hauptschule auch im Bildungssystem der Zukunft erhalten werden können.
Es gibt mindestens zwei Landesverbände, die beim Bundesparteitag in Leipzig gegen die Leitsätze der CDU stimmen wollen. Wie wollen Sie Ihre eigenen Parteimitglieder für Ihre Vorschläge gewinnen?
Wir werden fünf Monate Zeit haben für die intensive bildungspolitische Debatte in der Partei und auch bei Bildungskonferenzen eine gemeinsame Strategie für das Schulsystem der nächsten zehn Jahre finden.
Mehrere CDU-Ministerpräsidenten haben sich dagegen gewehrt, sich vom Bund in die Schulpolitik hineinreden zu lassen. Möglicherweise hätten Sie selbst so reagiert, wenn Sie noch Kultusministerin in Baden-Württemberg wären.
Ich habe als Kultusministerin die Bildungsstandards eingebracht und auch durchgesetzt. Der Föderalismus gewinnt an Stärke, wenn er die selbstverständliche Erwartung an Vergleichbarkeit erfüllt. Das sind nicht die Leitsätze der Bundesbildungsministerin oder des CDU-Bundesvorstandes, es sind die Leitsätze der Christlich Demokratischen Union, zu der jeder Ortsverband gehört. Deshalb wird intensiv gestritten, aber am Ende ist entscheidend, dass wir die starke gestaltende bildungspolitische Kraft in Deutschland bleiben.