19.06.2009 · Die Ministerin für Bildung und Forschung, Anette Schavan (CDU), beharrt trotz der Studentenproteste auf der Notwendigkeit des Bologna-Prozesses. Statt Kritik fordert sie den „Blick über den Tellerrand“. Allerdings gibt sie im Interview zu: man kann bei den Bachelor-Studiengängen nachbessern.
Anette Schavan (CDU), Bundesministerin für Bildung und Forschung, beharrt trotz der Studentenproteste auf der Notwendigkeit des Bologna-Prozesses. Allerdings gesteht sie im Interview die Möglichkeit von Nachbesserungen bei den Bachelor-Studiengängen ein.
Frau Ministerin, Sie haben die Ziele des sogenannten Bildungsstreiks als „gestrig“ bezeichnet. Wie haben Sie das gemeint?
Die Forderung, auf den Bologna-Prozess zu verzichten, finde ich „gestrig“. Er ist in einer Welt, die immer internationaler ausgerichtet ist, ohne Alternative. Allerdings wird die Reform erst dann wirklich überzeugen, wenn sie auch gut umgesetzt wird. Es gibt Schwachstellen. Dazu gehört die Fixierung auf sechs Semester bei den Bachelor-Studiengängen ebenso wie mancher „alte Wein in neuen Schläuchen“. Deshalb sollten wir den Streik jetzt auch als Chance sehen, Erfahrungen auszuwerten und Korrekturen vorzunehmen. Deshalb lade ich die Studierenden, die Hochschulrektorenkonferenz, den Hochschulverband und die Wissenschaftsminister der Länder zu einer Konferenz am 7. Juli ein.
Die Protestierenden würden den Vorwurf, zu wenig in internationalen Dimensionen zu denken, energisch zurückweisen. Die Studenten sagen ja gerade, sie wollten Auslandssemester machen, die Bologna-Strukturen ließen ihnen aber keine Zeit mehr dafür.
Auslandssemester werden am ehesten da möglich, wo Universitäten internationale Kooperationen vereinbaren. Das ist wichtig. Auslandserfahrungen haben an Bedeutung gewonnen. Deshalb sollte jede Universität interessante Angebote durch solche Kooperationen machen. Die internationale Reputation unserer Hochschulen trägt zur Attraktivität der Angebote bei.
Die Studenten beziehen sich in ihrer Argumentation gegen Bologna und für Humboldt auf ein sehr hehres Ideal von Bildung, gerade so, als würde sich jeder, wenn er nur die Zeit dazu hätte, durch das Gesamtwerk Immanuel Kants wühlen. Ist das heuchlerisch?
Diejenigen, die die Proteste organisiert haben, beschäftigen sich vermutlich eher weniger mit Bildungstheorien als vielmehr mit der Durchsetzung der Interessen der Gruppen und Verbände, die hinter ihnen stehen. Dass Bildung vor allem Selbstzweck ist, gilt entgegen dem Klischee von der Ökonomisierung ja nach wie vor, und die deutschen Universitäten sind auch heute noch Schatztruhen für jeden, der intellektuell interessiert ist. Der Anspruch, nicht nur auf Credit points fixiert zu sein, muss die eigene Einstellung zum Studium prägen. Dass das auch im jetzigen System möglich ist, zeigt ein Blick über den Tellerrand. Die neuen Strukturen müssen jedenfalls nicht mit einer Überforderung einhergehen.
Es sind ja nicht nur die üblicherweise verdächtigen Geisteswissenschaftler, die unzufrieden sind. Gerade Mediziner und Juristen laufen gegen Bologna Sturm. Und zwar nicht nur Studenten, sondern auch Professoren.
Mediziner und Juristen wenden ja vor allem ein, dass der sechssemestrige Bachelor in ihrem Fach nicht praktikabel sei. Auch deshalb ist diese zeitliche Fixierung hinderlich für die Umsetzung. Da brauchen wir zwingend mehr Spielraum, also auch achtsemestrige Bachelor-Studiengänge. Aber auch unter den Juristen gibt es viele, die die Umstellung wünschenswert finden und bereits an Konzepten arbeiten. Die Vorstellung, dass der bisherige Weg in Deutschland allen anderen in der Welt überlegen ist, finde ich nicht haltbar.
Manche glauben, dass Studium nicht nur der Ausbildung, sondern der Bildung in einem umfassenden Sinne dienen solle. Dazu gehöre auch, dass man sich hin und wieder verlieren dürfe: in Büchern oder ein halbes Jahr in Paris. Sind Sie auch dieser Auffassung?
Natürlich darf man das und sollte es auch. Nur muss, wer sich ein halbes Jahr in Paris verlieren will, sich entweder im Studium verlieren oder diese Zeit nicht zwangsläufig Studium nennen. Manchen gelingt beides...
Die Protestierenden sagen, Studium sei geradezu ein Menschenrecht, das vom Staat gewährleistet werden müsse. Deswegen wenden sie sich auch gegen Studiengebühren. Können Sie das nachvollziehen?
Studiengebühren sind ein vergleichsweise kleiner Betrag, den die Studenten zur Finanzierung ihrer Ausbildung leisten. Mit Blick auf Gleichaltrige, die früher Steuern bezahlen und etwa für eine Meisterprüfung selbst bezahlen müssen, halte ich das für gerecht. Ich bin allerdings der Meinung, dass wir den weiteren Ausbau eines Stipendiensystems brauchen. Der Bund ist hier vorangegangen. Es gibt mehr Stipendien und das Bafög wurde um zehn Prozent erhöht. In Nordrhein-Westfalen versucht die Landesregierung gerade, ein Stipendiensystem aufzubauen, von dem ich hoffe, dass es Unterstützung bei den Unternehmen und Alumni-Vereinen findet.
Geschieht denn im Blick auf die Finanzen genug?
Gerade wurden 18 Milliarden Euro über die drei Wissenschaftspakte und elf Milliarden Euro über das Konjunkturpaket II für das Bildungs- und Wissenschaftssystem beschlossen. Eine so hohe Investition hat es in 60 Jahren Bundesrepublik noch nicht gegeben.
Sie selbst sind mit einer Arbeit über das Thema Gewissensbildung promoviert worden. Was bringt das?
Die Erfahrung, dass Wissenschaft bildet.