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Im Gespräch: Andrea Nahles „Wie das Weihnachtsfest des Lebens“

19.12.2010 ·  Sie ist vierzig - und die erste deutsche Spitzenpolitikerin, die mitten in ihrer Karriere ein Kind erwartet. SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles geht nächste Woche in den Mutterschutz. Im Interview spricht sie über ihre späte Chance, Stillen nach der Elefantenrunde und den neuen Wickeltisch im Willy-Brandt-Haus.

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Frau Nahles, Sie gehen morgen in den Mutterschutz, erwarten im Januar Ihr erstes Kind. Wie haben Sie die Schwangerschaft erlebt?

Wie einen Hundertmeterlauf. Ich dachte, das wird ein Marathon. Aber kaum guck' ich mich um, bin ich im achten Monat. Das zeigt, dass es gut gelaufen ist. Es war allen Schauergeschichten über späte Schwangerschaften zum Trotz eine unproblematische Schwangerschaft.

Sie sind jetzt 40 und bekommen Ihr erstes Kind. Warum so spät?

Es hat vorher einfach nicht gepasst. Für die Gründung einer Familie braucht man auch eine gute Partnerschaft. Ich habe immer auf die Chance in meinem Leben gehofft, dass ich mit einem Partner eine Familie gründen kann. Ich habe die Chance erst spät bekommen und freue mich nun umso mehr.

Warum wünschen Sie sich ein Kind?

Ein Kind aufwachsen zu sehen ist für sich genommen schon Glück. Ein Leben zu schenken ist die größte Tat, die man im Leben tun kann. Es ist ein Fest des Lebens. Es ist, wenn man so will, das eigentliche Weihnachtsfest des Lebens. Menschen mit Kindern sind zudem in der Lage, die Welt wieder anders zu betrachten. Eltern müssen sich mit der Gesellschaft ganz anders auseinandersetzen, in der Kita, in der Schule, mit anderen Kindern, anderen Eltern. Ohne Kinder wird man mit bestimmten Problemen nicht mehr konfrontiert. Kinder sind deshalb auch eine Chance, sein eigenes Leben wieder zu öffnen.

Und das auf Dauer.

Kinder zu bekommen hat auch damit zu tun, was für Spuren man im Leben hinterlässt. Der Zirkel des Lebens schließt sich, der bisher unvollendet war. Das war nicht der Grund, ein Kind zu bekommen - aber schön ist es dennoch.

Würden Sie gern noch mehr Kinder haben?

Ich bin jetzt erst einmal rundum glücklich damit, dass ich eines bekomme. Alles andere sehen wir dann. Wer weiß, was für Kräfte das freisetzt, wenn das Kind da ist?

Drei, vier Kinder sollten es schon sein. Wenn Sie diesen Satz jetzt einmal sagen könnten.

(lacht) Ich sage jetzt mal: Geschwister sind toll, aber es geht auch ohne.

Sie haben ja keinen 35-Stunden-Job. Wie wollen Sie das mit einem Kind vereinbaren?

Die Frage stellt sich ja nicht nur mir, sondern allen berufstätigen Müttern. Einerseits habe ich es vielleicht leichter als viele, weil ich das Geld habe, um mir Hilfe zu organisieren. Auf der anderen Seite habe ich sehr wenig Zeit. Als Politiker hat man wahnsinnig ungünstige Arbeitszeiten, die auch das Wochenende vereinnahmen. Ich stelle mir daher vor, dass ich mir in meinem Alltag Inseln schaffe, die ich für meine Familie und mein Kind freihalte. Das klingt simpel in der Theorie, wir müssen sehen, wie es dann in der Praxis gelingt. Das Kind braucht Platz in meinem Leben, es wird ihn einfordern, und ich möchte ihm den auch geben. Für die ersten Monate ist geplant, dass mein Mann Elternzeit nimmt, und wir sind uns einig, dass er die Hauptverantwortung in der Erziehung übernehmen wird. Ich denke, das wird nicht leicht für uns beide, wir müssen austesten, wie das geht, was das emotional bedeutet, wie andere darauf reagieren. Ich glaube, dass es in Deutschland mittlerweile mehr Verständnis dafür gibt als vor zehn, fünfzehn Jahren. Trotzdem sind wir im Vergleich zum Beispiel zu Schweden immer noch kein kinderfreundliches Land und damit auch kein Land, das freundlich ist zu Familien und deren Lebenssituation. Ich sehe da noch viele kaum begangene Pfade.

Die gesellschaftliche Situation ist ja nur die eine Seite, die andere ist die Gefühlslage der Mutter. Sind denn da Karriere und Mutterschaft wirklich vereinbar?

„Warum nicht?“ - würden die Französinnen kollektiv antworten. In Schweden, wo ich Verwandtschaft habe, haben die Ministerinnen alle kleine Kinder. Und niemand stellt dort solche Fragen. Sind die alle so komisch, oder sind wir komisch, dass wir solche Fragen stellen? Ist nicht ein Kind ein Reichtum, ein Zuwachs an Fertigkeiten und Souveränität, etwas, das man im beruflichen Alltag als Kompetenz nutzen kann? Und etwas, das so wertvoll ist für die Gesellschaft, dass die Frage der Prioritäten sich gar nicht stellt? In Deutschland denken die Leute immer zuerst an Auszeiten, Karrierebrüche. Man sollte zusehen, dass man nicht zu lange draußen bleibt, das ist der Druck auf die Frauen meiner Generation. Sie haben bei der vorangegangenen Generation beobachtet, dass die Mütter, die zu lange draußen waren, anschließend keine Beschäftigung mehr bekamen, die ihrer Qualifikation entsprach. Das ist auch heute noch viel zu oft der Fall.

Sie haben ja auch sinngemäß gesagt, Sie hätten Angst, Ihren Job zu verlieren, wenn Sie nach der Geburt mehr als die zwei Monate Mutterschutz aussetzen.

Ich habe überhaupt keine Angst, meinen Job zu verlieren. Aber ich mache mir sehr wohl die gleichen Gedanken wie hunderttausend andere Frauen. Einige mögen das nicht für fein halten, wenn man das anspricht, aber ich habe sehr viele positive Reaktionen bekommen. Manche Frauen schickten mir ganze Lebensläufe, das war zum Teil erschütternd, aber vieles auch ermutigend. Alles nur, weil ich den Druck öffentlich angesprochen habe, dass jede weiß, was das für Folgen haben kann, wenn man zu lange draußen ist aus dem Job.

Sie haben schon gesagt, dass Ihr Job „Begehrlichkeiten“ weckt.

Ich verstehe das als gängige Situation. Im Mutterschaftsurlaub erwächst oft die Sorge, dass die Rückkehr nicht so einfach werden könnte. Sehr viele Frauen haben mir von solchen Erfahrungen berichtet. Ich wusste nicht, dass ich mit meiner Äußerung in ein Wespennest stoßen würde, ich hielt das für eine Selbstverständlichkeit. Doch es gibt offenkundig noch keine befriedete Situation, viele Familien fühlen sich unwohl in diesem Spannungsfeld zwischen Leben und Arbeit.

Ihre Entscheidung, nur zwei Monate auszusteigen, war doch eine Abwägung, wie lange Sie es sich leisten können, weg zu sein.

Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich nach kurzer Zeit wieder zurückkomme. Ich habe ein Wahlamt, und wir haben im nächsten Jahr sieben Landtagswahlen vor uns und zig Generalsekretärsrunden.

Und Sie werden dann vor oder nach den Generalsekretärsrunden Ihr Kind stillen?

Wenn das erforderlich ist, klar. Zu allererst möchte ich aber einmal mein Kind kennenlernen, das steht im Vordergrund. Ich weiß ja noch gar nicht, wie es ist. Mit dem Stillen ist es nicht immer so einfach.

Dass Sie beruflich zurückstecken ist undenkbar?

Denkbar ist vieles, aber bin ich optimistisch: Es wird gehen.

Was heißt das denn genau?

Planen ist immer gut, aber es wird vor allem am Ende auf das Kind und die gesamte Situation ankommen. Man kann eben nicht alles planen.

Können Sie sagen: Das Kind ist krank, ich komme heute nicht zur Arbeit?

Ja. Wenn ich gerade eine Rede im Bundestag halte, wird es vielleicht etwas schwierig. Ich bin aber zuversichtlich. Es gibt ja Kolleginnen im Deutschen Bundestag und überall auf der Welt, die das schaffen.

In Deutschland haben wir ja auch eine Ministerin mit sieben Kindern . . .

Genau: Ich bin ja nicht die erste berufstätige Mutter in einem politischen Spitzenjob.

Und das Modell Sarah Palin, das Kind kommt überallhin mit, ist immer dabei, wäre das nichts für Sie?

Vergleiche mit Sarah Palin tun mir insgesamt weh. Und besonders dieser. Nein, das Kind hat seine eigenen Rechte und soll nicht in die Öffentlichkeit gezerrt werden. Ein Kind braucht verlässliche Strukturen und frische Luft. Das kann ich hier im Büro nicht gewährleisten. Ich sehe das nicht so eng, klar kommt das Kind mal mit, aber ich will das nicht zur Regel machen.

Also liegt hier beim nächsten Interview nicht Ihre Tochter auf der Krabbeldecke?

Nein, ich denke nicht. Aber wer weiß, vielleicht will ich sie Ihnen auch zeigen? (lacht) Für alle Fälle gibt es demnächst einen Wickeltisch hier im Willy-Brandt-Haus.

Sie sind in einem Dorf in der Eifel aufgewachsen. War Ihre Mutter Hausfrau?

Sie war eine der ganz wenigen Frauen bei uns im Dorf, die gearbeitet haben, und auch noch Vollzeit. Ich bin bei meiner Oma und meiner Tante groß geworden, zusammen mit meinem Bruder und drei Cousinen: Großfamilie. Für mich war es völlig normal, dass meine Mutter arbeitete. Erst als ich in die Schule kam, merkte ich, dass die anderen Mütter den ganzen Tag zu Hause blieben. Als ich acht war und meine Großmutter starb, blieb meine Mutter berufstätig und arbeitete halbtags. Das war eine sehr wichtige Erfahrung für mich. Ein Kind braucht feste Bezugspersonen, aber aus meinem eigenen Erleben weiß ich, dass das nicht unbedingt immer die Mutter sein muss. Vielleicht bin ich deshalb etwas gelassener.

Sie haben mit Ihrem Mann entschieden, dass Sie - auch wenn Sie schon vierzig sind und die Wahrscheinlichkeit, ein behindertes Kind zu bekommen, höher ist - keine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen. Warum?

Eine solche Untersuchung bedeutet, dass man auch mit dem Ergebnis leben muss, dass man möglicherweise ein behindertes Kind bekommt. Daher muss man sich vorher fragen: Was würden wir dann tun? Mein Mann und ich waren uns einig, dass wir gar nichts tun würden. Dann brauche ich aber keine solche Untersuchung, die ja auch Risiken für das Kind in sich birgt. Wir haben sehr klar gesagt: Auch wenn wir nicht das perfekte Kind haben werden, nehmen wir es so an, wie es ist. Darauf haben wir interessanterweise nicht wirklich positive Reaktionen bekommen. Man wurde eher angeschwiegen.

Gab es Kritik an Ihrer Entscheidung?

Nicht direkt, aber der nachdrückliche Hinweis darauf, dass ich vierzig bin, ist oft gefallen.

War es schwierig, Ihre Haltung durchzustehen?

Ich hatte im fünften Monat schlechte Blutwerte, die auch oft vorkommen, wenn Kinder behindert sind. Ich war dann sehr dankbar, als einige Menschen mir versicherten, dass es nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit für eine Behinderung des Kindes bedeutet. Wenn ich nicht diese Freunde gehabt hätte und eine klare ethische Grundposition, dann wäre ich wohl ganz schön in Aufregung geraten. Andere Frauen haben mir dann erzählt, solche Sorgen hätten ihnen die halbe Schwangerschaft verhagelt.

In Deutschland ist eine Schwangerschaft von Anfang an mit Untersuchungen und Kontrollen verbunden, als ob Schwangersein eine Krankheit wäre. Geht angesichts eines solchen Sicherheitsdenkens nicht der unbefangene Umgang mit der Schwangerschaft und die Freude auf das Kind verloren?

Das wäre sehr schade, aber diese Gefahr sehe ich auch. Die Deutschen haben grundsätzlich ein großes Sicherheitsbedürfnis. Und in einer Zeit, wo wir immer weniger Kinder haben, wird das einzelne Kind unheimlich kostbar. Das ist bei mir ja genauso. Ich werde sicher keine zehn Kinder mehr kriegen. Und am Ende habe ich auch alle möglichen Untersuchungen gemacht und hätte ein schlechtes Gewissen gehabt, wenn ich da was ausgelassen hätte. Da bin ich wohl auch eine richtige Deutsche (lacht).

Die freien Hebammen streiken derzeit, weil ihre Berufshaftpflicht so hoch geworden ist, dass sie kaum noch rentabel arbeiten können. Sie haben sie unterstützt. Kommt es dazu, dass Geburten außerhalb des Krankenhauses nicht mehr möglich sein werden?

Das könnte so kommen. Ich persönlich werde ins Krankenhaus gehen. Ich möchte aber, dass Frauen die Möglichkeit haben zu wählen, wie und wo sie ihr Kind zur Welt bringen. Leider hat sich in Deutschland auf diesem Feld eine Amerikanisierung eingeschlichen, dass hohe Schadensersatzansprüche gegen die Hebamme geltend gemacht werden, wenn etwas bei einer Geburt passiert. In den Vereinigten Staaten hat das dazu geführt, dass es keine freien Hebammen mehr gibt. Deswegen erwarte ich von Herrn Rösler, dass den freien Hebammen in Deutschland eine kollektive Versicherungslösung ermöglicht wird.

In den vergangenen Wochen haben wir eine kontroverse Debatte über die Präimplantationsdiagnostik erlebt. Es geht darum, ob Eltern, die durch Erbkrankheiten belastet sind, einen Embryo vor der Einpflanzung untersuchen lassen können. Wie ist Ihre Haltung dazu?

Ich bin für ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik. Denn ich glaube nicht, dass die geplante Begrenzung auf Ausnahmen auf Dauer Bestand hat. Ich finde diese Ausnahmen zwar menschlich nachvollziehbar, und es ist sehr schwierig, gegen solche schlimmen Einzelfälle mit grundsätzlichen Bedenken zu argumentieren. Aber es geht für mich um die Frage: Hat der Mensch das Recht, das auszusortieren, was er an vermeintlichen Erbkrankheiten erkennen kann, und nur vermeintlich gesunde Embryonen einzusetzen? Ich halte eine solche Auswahl für unethisch.

Sie sind sich einig mit der Bundeskanzlerin?

In diesem Fall ja. Die Haltung in dieser Frage ist höchstpersönlich und quer durch die Parteien sehr unterschiedlich. Ich vertrete meine Position, auch um ein Bewusstsein dafür zu schärfen, worauf wir zusteuern. Wenn sich alles nur noch in Labors mit weißen Kitteln und kleinen Reagenzgläsern abspielt, dann geht schnell die Sicht darauf verloren, dass es sich hier um eine Grundfrage des Menschseins und dessen Wertigkeit handelt.

Hat sich Ihre Haltung zu PID durch die Schwangerschaft verändert?

Nein. Aber ich erlebe, dass sich die allgemeine Bewertung von behindertem Leben in den vergangenen Jahren schon durch das verändert hat, was heute möglich ist. Als eine Freundin vor ein paar Jahren ein Kind mit einer kleinen Fehlbildung bekommen hat, fragte eine junge Ärztin sie darauf: Ja, haben sie sich denn nicht genetisch beraten lassen? Eine solche Haltung macht mir Sorgen. Wenn man die Möglichkeiten schafft, entsteht auch ein - vielleicht nur unterschwelliger - Druck in dem Sinne: Heute muss doch niemand mehr ein behindertes Kind bekommen. Menschen mit Eigenheiten werden dann nicht mehr akzeptiert.

Wir reden jetzt über das Verbot der PID, das sind bisher wenige Fälle im Jahr. Abtreibungen sind, wenn eine Behinderung vorliegt, bis zum Ende der Schwangerschaft möglich, bei anderen Indikationen natürlich früher auch.

Es geht in allen diesen Fragen um gesellschaftliche Kompromisse. Es ist nicht möglich, diese Fragen ethisch einwandfrei zu lösen. Bei der Spätabtreibung habe ich daran mitgewirkt, dass es gesetzlich nun eine dreitägige Bedenkfrist gibt. Aber trotzdem beschwert mich die Vorstellung von Spätabtreibungen weiter. Letztlich stößt die Politik bei ethischen Fragen an ihre Grenzen. Die individuelle Abwägung und Verantwortung bleibt.

Mit Kindern umzugehen ist nicht immer einfach. Sie sind laut, anstrengend, fordernd. Meinen Sie, dass Ihre enge Zusammenarbeit mit Sigmar Gabriel Ihnen bei Ihrer neuen Aufgabe helfen wird?

(lacht) Ich denke, zwanzig Jahre Politik haben mich auf diese Aufgabe gut vorbereitet.

Mit der SPD-Generalsekretärin sprachen Christiane Hoffmann und Markus Wehner.

Quelle: F.A.S.
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