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Kommentar : Mischt Grundschüler!

Schüler der Marie-Curie-Grundschule in Frankfurt am Main lesen in der neuen Schulbibliothek. Bild: dpa

Beim Lesen sind die Leistungen deutscher Grundschüler ins Stocken geraten. Sie lernen nicht mehr, was sie können sollten – weil die soziale Durchmischung fehlt.

          Kürzlich sollten die Kinder einer Grundschulklasse einer deutschen Großstadt einen Text über Piraten vorlesen. Vielmehr wollten sie, vor allem die Jungs. Sie rissen sich um die Rolle des Piratenkapitäns und die seiner Mannschaft. Das Problem war nur: Viele verstanden die Wörter nicht. Sie hatten keine Ahnung, was ein „Mast“ ist oder was „alle Mann an Deck“ bedeuten sollte.

          Zwar hatten sie eine Vorstellung davon, was ein Anker ist, sie verstanden aber nicht, was es heißt, ihn zu „lichten“. Sie wussten, was ein Kapitän macht, aber nicht, was die Piraten meinen, wenn sie „Moin, Käpt’n“ sagen. Am Willen mangelte es nicht, aber am Wortschatz.

          Das führt direkt zu den Ergebnissen der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung, die jüngst vorgestellt wurden. Seit 2001 untersuchen Bildungsforscher alle fünf Jahre, wie gut Grundschüler lesen können. Alle Kinder müssen dieselben Texte lesen und dazu verschiedene Fragen beantworten.

          Die repräsentative Studie wird in Ländern auf der ganzen Welt durchgeführt, in Europa, im Nahen Osten, in Amerika und Russland. Die Wissenschaftler vergleichen dann die Ergebnisse der Länder untereinander und stellen sie außerdem denen früherer Jahre gegenüber. Und in diesem Vergleich schneidet Deutschland nicht mehr so gut ab wie einst.

          Die Leistungen deutscher Grundschüler stocken

          2001 gehörte Deutschland noch zur Spitzengruppe. Nur in wenigen Ländern beherrschten Grundschüler das Lesen so gut. Nun steht Deutschland zwar immer noch besser da als der internationale Durchschnitt, ist aber knapp unter den Mittelwert gefallen, den die EU-Länder erreichen. Das hat nicht damit zu tun, dass die Grundschüler hierzulande schlechter lesen. Ihre Fähigkeiten sind in den vergangenen fünfzehn Jahren gleich geblieben. Aber in dieser Zeit haben andere Länder aufgeholt, darunter solche, von denen man es kaum erwartet hätte, zum Beispiel Russland, Ungarn oder die Slowakei. Warum sind die Leistungen deutscher Grundschüler ins Stocken geraten?

          Ein Grund dafür dürfte die Zuwanderung sein. So ist der Anteil der Grundschüler, von denen entweder ein Elternteil oder beide aus dem Ausland kommen, von 2001 bis 2016 um die Hälfte gestiegen. Diese Kinder können im Schnitt schlechter lesen als Klassenkameraden mit deutschen Eltern. Einige haben noch Schwierigkeiten mit den Verben, andere mit den Artikeln. Manche haben vielleicht im Kindergarten Deutsch gelernt, zu Hause wird aber nur Türkisch, Arabisch oder Russisch gesprochen.

          Wenn die Kinder dann zum ersten Mal in die Schule gehen, kennen sie viele Wörter nicht – wie im oben genannten Beispiel. Das stellt sie vor große Probleme. Alle Wörter, die ihnen unbekannt sind, müssen die Kinder mehrmals lesen, erst die Buchstaben, dann die Silben, dann das ganze Wort. Es kann ihnen passieren, dass sie am Ende des Satzes nicht mehr wissen, was am Anfang stand.

          Ein Zuhause mit vielen Büchern gibt Kindern Vorsprung

          Diese Schwierigkeiten haben nicht nur Kinder von Einwanderern, sondern alle, die aus sozial schlechter gestellten Familien kommen. Auch ihnen fehlt oft der Wortschatz, der nötig ist, um beim Lesen mitzuhalten. Das führt zum zweiten Grund für das enttäuschende Ergebnis der Untersuchung: Noch nie war der Abstand zwischen Kindern aus gutsituierten Familien und aus weniger gutsituierten in Deutschland so groß.

          Die Studie zeigt, dass Kinder, deren Eltern zu Hause mehr als hundert Bücher stehen haben, einen Riesenvorsprung gegenüber allen anderen besitzen. Im Schnitt sind sie mehr als ein Schuljahr weiter als Kinder, deren Eltern wenig lesen – ihnen fehlt der Zugang zu Bildung. Die Eltern haben keine Erfahrung mit Büchern und sind unsicher. Sie wissen oft nicht, wie sie ihren Kindern helfen sollen. Manche sehen sich außerstande, ihnen etwas vorzulesen. Sie haben es eben noch nie gemacht.

          Diese Unterschiede gibt es zwar auch in anderen Ländern. In kaum einem aber ist der Abstand zwischen leistungsstarken und leistungsschwachen Kindern größer als hierzulande. Privatschulen und fehlende soziale Durchmischung haben das Problem in den vergangenen Jahren verstärkt. In den Großstädten sind Schulen entstanden, in die fast nur noch Kinder aus sozial schwachen Familien gehen. In manchen liegt der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund 75 Prozent höher als ihr Anteil im Stadtteil insgesamt. Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder auf andere Schulen und nehmen dafür hohen Aufwand in Kauf.

          Die Politik muss anerkennen, dass Schüler in vielen Grundschulen nicht mehr das lernen, was sie können sollten. Das ist ein Nachteil fürs Leben. Ein Problem, das sich nur durch bessere soziale Mischung beheben lässt. Deshalb sollten die Länder nicht nur einen Bezirk festlegen, in dem die Kinder zur Schule gehen müssen, sie sollten auch strenger darüber wachen, dass sich die Eltern dem nur in Ausnahmefällen entziehen können. Das sind sie den Kindern schuldig.

          Morten Freidel

          Redakteur in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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          Quelle: F.A.S.

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