04.07.2009 · Dass er eine politische Künstlernatur sei, hört Horst Seehofer gerne. Bei aller Eingebundenheit in seiner Partei ist er immer ein Einsamer, ein Solitär, ein Losgelöster geblieben. An diesem Samstag wird Seehofer sechzig Jahre alt.
Von Albert SchäfferDas in der CSU kursierende Wort, er sei eine politische Künstlernatur, hört Horst Seehofer gerne. Es kennzeichnet ihn besser als die vielen anderen Etiketten, die ihm angeheftet werden - vom Herz-Jesu-Sozialisten bis zum Populisten - und die die politische Persönlichkeit des CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten eher verdunkeln als erhellen. Seehofer ist bei aller Eingebundenheit in seiner Partei ein Einsamer, ein Solitär, ein Losgelöster geblieben - ein Politiker, der seine eigenen Wege erprobt und sich tradierten Mustern entzieht.
In die Münchner Staatskanzlei ist er im vergangenen Jahr mit kleinem Gepäck eingezogen, ohne Beraterstäbe und Zirkeln von Vertrauten. Es wäre kaum überraschend, wenn er sie auch eines plötzlichen Tages so verlassen würde, einen kleinen Abschiedsgruß auf dem Schreibtisch hoch über dem Hofgarten hinterlassend. Schon einmal, im Jahr 2004, als er die Union in der Gesundheitspolitik auf falschem Kurs sah und als stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag zurücktrat, hat er ein gewichtiges Amt mit Nonchalance aufgegeben. Wer ihn danach traf, erlebte einen Seehofer, der sich über die politischen Nachrufe amüsierte, die auf ihn verfasst wurden.
Mit Schweigen empfangen, unter Applaus verabschiedet
Zu Seehofers spielerischer Leichtigkeit mag beitragen, dass aus der Perspektive des Kindes, das in Ingolstadt in die Familie eines Lastwagenfahrers und Bauarbeiters geboren wurde, alle späteren Lebensstationen als unwirklicher Traum erscheinen müssen. Schon der Aufstieg zum Beamten im gehobenen Dienst im Landratsamt war ein Aufbruch in Kontinente, die im familiären Lebensbuch nicht vorgezeichnet waren. Vollends in andere Galaxien ging es im Jahr 1980 mit der Wahl in den Bundestag. Seehofer wurde rasch zu einer wichtigen sozialpolitischen Stimme im Parlament, diente Arbeitsminister Blüm als Parlamentarischer Staatssekretär, bevor er im Jahr 1992 Gesundheitsminister im Kabinett Kohl wurde.
In diesem Amt glänzte er mit einer Fähigkeit, die er nicht verloren hat und die mindere politische Begabungen sprachlos zurücklässt: Seehofer kann Versammlungen, die ihn mit feindseligem Schweigen empfangen, meist unter Applaus verlassen. Seine Osmose mit ganz unterschiedlichen Zuhörern mag begünstigen, dass er zwar die geläufigen Mechanismen der Macht beherrscht, letztlich aber Distanz zur üblichen politischen Betriebsamkeit ausstrahlt. Es ist eine Fremdheit, die mitunter seine Verbündeten verstört, Seehofer aber Sympathien über seine Partei hinaus erschließt. Sie hat ihn auch, als er im Jahr 2005 zum Landwirtschaftsminister im Kabinett Merkel berufen wurde, davor bewahrt, allzu sehr zwischen die Mahlsteine der Agrarlobbyisten zu geraten.
Dankbarkeit ist keine politische Kategorie
Seehofer beansprucht für sich eine Autonomie, die zumindest im Grundsätzlichen selten in Beliebigkeit umschlägt. Bei aller tagespolitischen Beweglichkeit steht er auf einem christlich geprägten Wertekanon; dazu gehört, dass die Volksparteien über die Suche nach Mehrheiten nicht die Belange von Minderheiten vergessen dürfen. Seine augenblickliche Stärke in der CSU rührt auch daher, dass er die konservativen, liberalen und sozialen Traditionsstränge seiner Partei zusammenzuführen sucht.
Gerade Seehofer weiß, dass Dankbarkeit keine politische Kategorie ist. Dass es ihm gelungen ist, der CSU wieder Stärke einzuhauchen und ihr eine Stimme in Berlin zu geben, wird vergessen sein, sollte der Erfolg bei der Bundestagswahl ausbleiben. Eigenschaften, die gerade noch als Tugenden gefeiert wurden, würden dann als Defizite gegeißelt - und Seehofers Satz, die Wahrheit liege in der Wahlurne, zur Waffe gegen ihn geschmiedet werden. Nach dem guten Abschneiden der CSU bei der Europawahl überwiegen gegenwärtig die Jubelrufe; doch niemand muss Seehofer sagen, dass das eine Momentaufnahme ist. An diesem Samstag wird er sechzig Jahre alt.