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Horst Seehofer König unter Kegeln

 ·  In der CSU ist der Kampf um die Zeit nach Horst Seehofer entbrannt. Erfahrene Jäger und Sammler wie Markus Söder haben längst die Witterung aufgenommen. Seehofer ist das nicht entgangen.

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© dpa Nach einer Kabinettssitzung: Bayerns Finanzminister Markus Söder, Justizministerin Beate Merk und Horst Seehofer (v.l.) auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt

Horst Seehofer wird nachgesagt, dass er seine Mitstreiter bestenfalls für Halmaspieler hält, die sich auf ein Schachbrett verirrt haben. Bei seinem vorweihnachtlichen Ausbruch war er wieder einmal ganz König unter Halmakegeln, die er aus dem Spielfeld zu schlagen suchte. Jammern, hier werde nach falschen Regeln verfahren, hätte Markus Söder, Karl-Theodor zu Guttenberg und Peter Ramsauer wenig geholfen: In der CSU bestimmt zurzeit Seehofer, was gespielt wird - die Frage ist nur, wie lange noch.

Denn die Schmähworte, mit denen Seehofer seine Gefolgsleute bedachte, sind verlässliche Zeichen, wie es um ihn steht. In der CSU ist längst der Kampf um die Zeit nach Seehofer entbrannt, umso mehr, als sich abzeichnet, dass die schier ewige Regierungszeit der Partei noch einmal verlängert werden könnte, mit oder ohne die FDP. Nicht, weil die CSU so glänzt, sondern weil SPD, Grüne und Freie Wähler ein so jämmerliches Bild abgeben.

Es dürfte nach dem 15. September, dem Wunschtermin der CSU für die Landtagswahl, einiges zu verteilen geben - und deshalb haben erfahrene Jäger und Sammler wie Söder die Witterung aufgenommen, was dem nicht minder versierten Seehofer nicht entgangen ist. Ihm muss niemand erläutern, was es bedeuten würde, wenn Söder das bayerische Finanzministerium, das er gegenwärtig verwaltet, gegen den Vorsitz der CSU-Landtagsfraktion eintauscht. Die Fraktion ist die Herzkammer der CSU: Das hat schon Theo Waigel schmerzlich erfahren, als er Edmund Stoiber das Amt des Ministerpräsidenten überlassen musste - und das musste auch Stoiber erfahren, als die Abgeordneten argwöhnten, sie seien nur noch Vollzugsgehilfen seiner Beamten in der Staatskanzlei. Mit Söder an der Fraktionsspitze hätte Seehofer einen Gegenspieler, der eine besondere Freude daran hätte, ihn mit Halmafiguren schachmatt zu setzen.

Söders Feueratem

Die Etikettierung Söders als einen Mann mit „charakterlichen Schwächen“, den „pathologischer“ Ehrgeiz antreibe und dessen Fähigkeiten sich in „Schmutzeleien“ erschöpften, entsprang nicht einer Laune Seehofers oder adventlichen Genüssen, wie manche mutmaßen. Auch nicht einer individuellen Disposition zum gehobenem Zynismus, den Söder wiederum für eine Charakterschwäche halten könnte. Sie zielte darauf, einen Rivalen zu erledigen, bevor dieser zum entscheidenden Sprung ansetzen kann. Der Ausgang dieses Manövers, nämlich dass sich seither die CSU-Landtagsfraktion um Söder schart, lässt allerdings zweifeln, ob Seehofer noch weiß, welches Spiel gespielt wird. Er muss die Erfahrung machen, dass viele Halmakegel gerade auf einem Schachbrett, zumindest einem politischen, des Königs Tod sein können.

In der CSU herrscht jedenfalls Klarheit, wem die Stunde schlägt. Die Ruhe, die um die zweite Option für die Zukunft der Partei herrscht, um Ilse Aigner, wird nicht lange halten. Seehofer, den Feueratem Söders im Nacken, wird sich beeilen, zumindest sie am Rand des Spielbretts zu halten. Die Bundeslandwirtschaftsministerin ist allerdings eine noch gefährlichere Gegnerin als Söder. Sie wird mit dem Pfund, dass sie eine Berliner Karriere zugunsten Münchens aufgibt, zu wuchern wissen; greift sie nach dem Fraktionsvorsitz, werden Seehofer Hilferufe, doch bitte „Glühwürmchen“ nicht für eine Supernova zu halten, nicht helfen. Auch Söder, so sehr ihn die Landtagsabgeordneten gegenwärtig hochhalten, weil sie selbst schon oft von Seehofer niedergehalten wurden, wird dann das Nachsehen haben. Aigner ist Vorsitzende des CSU-Bezirks Oberbayern, der Region, in der Wahlen gewonnen oder verloren werden; das werden die Abgeordneten zu beherzigen wissen.

Die eigentliche Schräglage erhält Seehofers Spielbrett freilich nicht so sehr durch die Prätendenten; sie gibt es in allen Parteien zu allen Zeiten. Was die Lage für ihn so bedrohlich macht, dass ihm der Mund übergeht mit Schmähungen, ist das machtpolitische Gespür seiner Partei. In der CSU nimmt die Angst zu, dass die Partei nur begrenzte Zeit mit den Haken, die Seehofer schlägt, Schritt halten kann. Eben noch für die Kernenergie, dann gegen sie; eben noch für die Wehrpflicht, dann gegen sie; eben noch für die Studiengebühren, dann gegen sie - die Liste lässt sich fortsetzen. Es wird zwar für möglich gehalten, dass Seehofers Ausbrechen ins Konträre der CSU am 15. September eine Mehrheit der Mandate beschert und sie das Wort „Koalition“ zumindest in München wieder aus ihrem Vokabular streichen kann; doch der Wunsch, danach innezuhalten und zu einer im besten Wortsinne konservativen Politik wieder zurückzukehren, ist unüberhörbar.

Dankbarkeit ist keine politische Kategorie

Niemand wird das deutlicher vernehmen als Seehofer selbst. Niemand dürfte auch besser als er wissen, dass Dankbarkeit keine politische Kategorie ist. Die CSU stand nach dem Verlust der absoluten Mehrheit 2008 vor einem Abgrund; mit einem weniger wendigen, weniger für Stimmungen empfänglichen, weniger nervösen Frontmann als Seehofer hätte sie vielleicht unter der Flagge der Prinzipientreue ein oder zwei Schritte nach vorne unternommen. Allein für das Kunststück, geborgte Milliarden in die angeschlagene Landesbank zu pumpen und den Bayern weiter zu erzählen, es werde ohne neue Schulden gewirtschaftet, sollte ihm die CSU ein Denkmal in ihrer Landesleitung errichten; es müsste ja nicht von außen sichtbar sein. In kommunikativer Sicht erwies sich Seehofer in den vergangenen Jahren als Großmeister; ob er dabei Halma- oder Schachfiguren bewegte, ist lässlich.

Wann Seehofer dann selbst glaubte, seine mediale Darstellung sei die Wirklichkeit, lässt sich ziemlich genau datieren: „Das können Sie alles senden!“ Es war der Punkt erreicht, in dem sich erwies, dass Seehofer alles für ein einziges großes Spiel hält - ein Spiel, das jeden Tag von neuem beginnt. Ein Spiel, in dem man seine Mitstreiter in einer Weise schmähen kann, dass auch der treueste CSU-Anhänger zu der Überzeugung gelangen muss, eine Gurkentruppe vor sich zu haben. Ein Spiel, in dem man Tage später wieder herzliches Einvernehmen mit den Düpierten inszenieren kann, als gäbe es keine vergnüglichere Gesellschaft. Man kann ein solches unbedingtes Vertrauen in den Augenblick auch als letzten Versuch verstehen, das gute alte Konzept der Volkspartei am Leben zu erhalten. Einer Volkspartei, in der alle zu Hause sind, die Halmaspieler und die Schach-Großmeister. Vielleicht dauert es ja nicht mehr lange, bis Seehofer wissen lässt, dass die Halmaspieler die wahren Schachspieler sind - und umgekehrt.

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Jahrgang 1957, politischer Korrespondent in München.

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