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Horst Seehofer „Ein bewegender Moment in meinem Leben“

28.10.2008 ·  Nach fast vierzig Jahren in der CSU ist Horst Seehofer auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn angekommen. Denn in Bayern ist das Amt des Ministerpräsidenten immer noch ein wenig die Fortsetzung der Monarchie mit demokratischen Mitteln.

Von Albert Schäffer, München
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Liebhaber der politischen Ikonografie haben am Montag bei der Wahl Horst Seehofers zum bayerischen Ministerpräsidenten Glücksmomente erleben dürfen. Denn die Bilder Seehofers, wie er nach seiner Vereidigung alleine auf der Regierungsbank im Plenarsaal des Maximilianeums Platz nahm, fügten sich aufs beste in die Deutungsmuster, die über den neuen Regierungschef kursieren. Egomane, Simplicissimus, Sphinx: Der Umschreibungen sind viele für den Mann aus Ingolstadt - und sie eint die Verstörung der politischen Klasse, die sich an der Persönlichkeit Seehofers abarbeitet. Es ist die Verstörung, dass Seehofer sich immer wieder den gängigen Zuschreibungen entzieht; dass er in den vergangenen Jahren, wenn er gerade als politischer Autist gegeißelt worden war, sich im nächsten Augenblick als begabter Knüpfer von Netzwerken bewährte; dass er sich stets, wenn ihm das Ende seine politischen Karriere prophezeit wurde, zu neuen Höhen aufschwang.

Er ist der große Stoiker in der deutschen Politik. Wer ihn erlebt, wie er auch unter größtem Termindruck Gespräche führt, als habe er alle Zeit der Welt; wie ihn Referenten, die ihn zum Aufbruch drängen, nicht aus der Ruhe bringen können; wie ihn auch Entscheidungszwänge kaum zu berühren scheint - wer ihm in solchen Situationen begegnet, wird sich nur schwer Seehofers Charisma entziehen können, das ihm auch politische Gegner nicht absprechen.

Eine Karriere, in der nichts selbstverständlich war

Als im vergangenen Jahr die Boulevardpresse zur großen Hatz auf ihn wegen einer außerehelichen Affäre blies, entzog er sich den eingeschliffenen medialen Mechanismen; er ließ sich Zeit - und teilte dann nur kurz und bündig mit, dass die Familie Seehofer zusammen bleibe. Am Montag, dem Tag seiner Wahl zum Regierungschef, nahm seine Frau Karin auf der Besuchertribüne Platz; auf sie warten nicht einfache repräsentativen Aufgaben, wie die Posse um die Weigerung Marga Becksteins, auf dem Oktoberfest ein Dirndl zu tragen, gezeigt hat.

Zum stoischen Naturell des 59 Jahre alten Seehofers mag beigetragen haben, dass in seinem Leben nichts selbstverständlich gewesen ist. Nicht selbstverständlich war für den in Ingolstadt geborenen Sohn eines Lastwagenfahrers und Bauarbeiters schon die Verwaltungsprüfung für den gehobenen Dienst - und nicht selbstverständlich waren alle weiteren Karriereschritte: Der Aufstieg zum Geschäftsführer des Planungsverbands und Rettungszweckverbands der Region Ingolstadt, die Wahl in den Bundestag, die Berufung zum Parlamentarischen Staatssekretär im Arbeits- und Sozialministerium, schließlich das Avancement zum Gesundheitsminister im Kabinett Kohl. Wenig erstaunlich, dass Seehofer am Montag auf der Besuchertribüne die Aussprache, die seiner Wahl zum Ministerpräsident vorausging, mit der gewohnten Gelassenheit verfolgte - ja mit einer Entspanntheit, als ginge es gar nicht um ihn, sondern um die Wahl eines Gouverneurs in einem südamerikanischen Staat.

In der Leichtigkeit des Seins

Mit amüsierter Miene verfolgte Seehofer, wie sich der Vorsitzende der SPD-Fraktion, Maget, pflichtgemäß abmühte, ihm die Legitimation für das Regierungsamt abzusprechen. Wohl oder übel musste Maget zwar zugeben, dass nach der Landesverfassung die Wahl Seehofers rechtlich möglich sei - sie legt als einzige Voraussetzung für das höchste bayerische Regierungsamt die Vollendung des vierzigsten Lebensjahrs fest; aber es bleibe dabei, dass Seehofer für die bayerischen Bürger am 28. September nicht zur Wahl gestanden habe. Und vollends in Heiterkeit verfiel Seehofer, als Maget ihn an Podiumsdiskussionen erinnerte, bei denen sie gemeinsam gegen ordnungspolitische Vorstellungen der FDP gestritten hätten - jener Partei, mit er nun als Koalitionspartei regieren wolle.

Die Welt als Bühne - und mag es auch nur die kleine Bühne eines Landesparlaments sein: Dieser Daseinszugang Seehofers hat in den vergangenen Jahrzehnten vielen auch in seiner eigenen Partei nicht gefallen. Er mag durch die schwere Krankheit, gegen die er sich vor wenigen Jahren behaupten musste, in seiner Leichtigkeit des Seins bestärkt worden sein - gestützt auf die Einsicht, dass es in der politischen Arena glücklicherweise meist nicht um die letzten Wahrheiten geht.

Den üblichen Trennungen enthoben

Die Phalanx der Oppositionsführer im Landtag - neben Maget können nun auf Grund der Kräfteverhältnisse auch Hubert Aiwanger von den Freien Wählern und Sepp Daxenberger von den Grünen diese informelle Berufsbezeichnung für sich beanspruchen - gab am Montag ihr Bestes, ins öffentliche Gedächtnis zu rufen, dass sich Seehofer immer als Bundespolitiker verstanden habe, dessen Platz in Berlin sei. Seehofer verfolgte diese nicht unzutreffende Erinnerungsarbeit mit ironischem Mienenspiel, hatte er doch schon auf dem CSU-Parteitag, der ihn zum neuen Parteivorsitzenden bestimmte, deutlich gemacht, dass er sich der gängigen Aufteilung in Landes- und Bundespolitiker enthoben fühlt - wie weiland schon Franz Josef Strauß. Seehofers Entlassung aus dem Amt des Bundeslandwirtschaftsministers am Montag zur morgendlichen Stunde durch Bundespräsident Köhler umwehte nicht ein Hauch des Abschieds aus Berlin; die politische Welt eines CSU-Vorsitzenden und bayerischen Ministerpräsidenten endet nicht am Weißwurst-Äquator.

Freundlich plaudernd stand Seehofer dann während der Auszählung der Stimmen unter den Abgeordneten - die Tiefpunkte, die sich in seiner politischen Vita auch finden, mit dem Rückzug im Jahre 2004 aus der Führung der Unionsfraktion im Bundestag im Streit um die Gesundheitsprämie, vulgo Kopfpauschale genannt, dürften ihn immunisiert haben gegen künstliche Aufgeregtheiten. Auch wenn dieser Montag selbstverständlich kein gewöhnlicher Tag in seinem Leben war, wie das Leuchten in Seehofers Gesicht zeigte, als die durchaus komfortable Mehrheit bei seiner Wahl zum Ministerpräsidenten bekannt gegeben wurde, mochte auch numerisch betrachtet nicht das volle Stimmpotential der Koalitionsparteien CSU und FDP ausgeschöpft worden sein.

Ironische Distanz zu sich selbst

Und es war mehr als Rhetorik, als Seehofer danach davon sprach, dass diese Wahl ein bewegender Moment in seinem Leben gewesen sei. Nach fast vierzig Jahren in der CSU, nach 28 Jahren im Bundestag und dreizehn Jahren in der Bundesregierung sei er nun auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn angekommen - dass in Bayern das Amt des Ministerpräsidenten immer noch ein wenig die Fortsetzung der Monarchie mit demokratischen Mitteln ist, musste Seehofer gar nicht als Beleg anführen.

Es war nicht nur eine personelle Zäsur an diesem Montag im Landtag - es war auch ein Einschnitt in der politischen Kultur, als Seehofer nach seiner Wahl zum ersten Mal als Ministerpräsident an das Rednerpult des Landtags trat. Denn Seehofer sprach frei - und fand sofort die Balance zwischen der Würde des Augenblicks und der Lust an der parlamentarischen Auseinandersetzung. Elegant ging er darauf ein, dass Maget die Charakterisierung Seehofer als „Reservekandidaten“, den nur das Wahldebakel der CSU in die Landespolitik verschlagen habe, als kleine Pressschau mit allerlei giftigen Zitaten ausgestaltet hatte.

Das Verlesen von Zeitungsartikeln werde künftig nicht ausreichen, ließ er Maget wissen. Es war ein Seehofer, der auch in seiner bislang größten politischen Stunde nicht die ironische Distanz zu sich selbst verlor. Nein, es werde nicht gefeiert, ließ es vor dem Plenarsaal wissen; er werde nach der Übergabe der Amtsgeschäfte durch den bisherigen Ministerpräsident Beckstein seiner Familie noch seinen neuen Arbeitsplatz in der Staatskanzlei zeigen - und dann werde er mit der Arbeit beginnen. Am Donnerstag soll sein neues Kabinett vereidigt werden - bis dahin dürften die Telefonleitungen der Staatskanzlei gut ausgelastet sein, vom Mobiltelefon Seehofers ganz zu schweigen.

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Jahrgang 1957, politischer Korrespondent in München.

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