http://www.faz.net/-gpf-10m7j

Horst Seehofer : „Ein bewegender Moment in meinem Leben“

Dem Himmel sei Dank: der neue bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer nach seiner Wahl Bild: dpa

Nach fast vierzig Jahren in der CSU ist Horst Seehofer auf dem Höhepunkt seiner politischen Laufbahn angekommen. Denn in Bayern ist das Amt des Ministerpräsidenten immer noch ein wenig die Fortsetzung der Monarchie mit demokratischen Mitteln.

          Liebhaber der politischen Ikonografie haben am Montag bei der Wahl Horst Seehofers zum bayerischen Ministerpräsidenten Glücksmomente erleben dürfen. Denn die Bilder Seehofers, wie er nach seiner Vereidigung alleine auf der Regierungsbank im Plenarsaal des Maximilianeums Platz nahm, fügten sich aufs beste in die Deutungsmuster, die über den neuen Regierungschef kursieren. Egomane, Simplicissimus, Sphinx: Der Umschreibungen sind viele für den Mann aus Ingolstadt - und sie eint die Verstörung der politischen Klasse, die sich an der Persönlichkeit Seehofers abarbeitet. Es ist die Verstörung, dass Seehofer sich immer wieder den gängigen Zuschreibungen entzieht; dass er in den vergangenen Jahren, wenn er gerade als politischer Autist gegeißelt worden war, sich im nächsten Augenblick als begabter Knüpfer von Netzwerken bewährte; dass er sich stets, wenn ihm das Ende seine politischen Karriere prophezeit wurde, zu neuen Höhen aufschwang.

          Albert Schäffer

          Politischer Korrespondent in München.

          Er ist der große Stoiker in der deutschen Politik. Wer ihn erlebt, wie er auch unter größtem Termindruck Gespräche führt, als habe er alle Zeit der Welt; wie ihn Referenten, die ihn zum Aufbruch drängen, nicht aus der Ruhe bringen können; wie ihn auch Entscheidungszwänge kaum zu berühren scheint - wer ihm in solchen Situationen begegnet, wird sich nur schwer Seehofers Charisma entziehen können, das ihm auch politische Gegner nicht absprechen.

          Eine Karriere, in der nichts selbstverständlich war

          Als im vergangenen Jahr die Boulevardpresse zur großen Hatz auf ihn wegen einer außerehelichen Affäre blies, entzog er sich den eingeschliffenen medialen Mechanismen; er ließ sich Zeit - und teilte dann nur kurz und bündig mit, dass die Familie Seehofer zusammen bleibe. Am Montag, dem Tag seiner Wahl zum Regierungschef, nahm seine Frau Karin auf der Besuchertribüne Platz; auf sie warten nicht einfache repräsentativen Aufgaben, wie die Posse um die Weigerung Marga Becksteins, auf dem Oktoberfest ein Dirndl zu tragen, gezeigt hat.

          Mit dem Schwur des Amtseids wurde Seehofer Nachfolger des bisherigen Ministerpräsidenten Günther Beckstein
          Mit dem Schwur des Amtseids wurde Seehofer Nachfolger des bisherigen Ministerpräsidenten Günther Beckstein : Bild: AP

          Zum stoischen Naturell des 59 Jahre alten Seehofers mag beigetragen haben, dass in seinem Leben nichts selbstverständlich gewesen ist. Nicht selbstverständlich war für den in Ingolstadt geborenen Sohn eines Lastwagenfahrers und Bauarbeiters schon die Verwaltungsprüfung für den gehobenen Dienst - und nicht selbstverständlich waren alle weiteren Karriereschritte: Der Aufstieg zum Geschäftsführer des Planungsverbands und Rettungszweckverbands der Region Ingolstadt, die Wahl in den Bundestag, die Berufung zum Parlamentarischen Staatssekretär im Arbeits- und Sozialministerium, schließlich das Avancement zum Gesundheitsminister im Kabinett Kohl. Wenig erstaunlich, dass Seehofer am Montag auf der Besuchertribüne die Aussprache, die seiner Wahl zum Ministerpräsident vorausging, mit der gewohnten Gelassenheit verfolgte - ja mit einer Entspanntheit, als ginge es gar nicht um ihn, sondern um die Wahl eines Gouverneurs in einem südamerikanischen Staat.

          In der Leichtigkeit des Seins

          Mit amüsierter Miene verfolgte Seehofer, wie sich der Vorsitzende der SPD-Fraktion, Maget, pflichtgemäß abmühte, ihm die Legitimation für das Regierungsamt abzusprechen. Wohl oder übel musste Maget zwar zugeben, dass nach der Landesverfassung die Wahl Seehofers rechtlich möglich sei - sie legt als einzige Voraussetzung für das höchste bayerische Regierungsamt die Vollendung des vierzigsten Lebensjahrs fest; aber es bleibe dabei, dass Seehofer für die bayerischen Bürger am 28. September nicht zur Wahl gestanden habe. Und vollends in Heiterkeit verfiel Seehofer, als Maget ihn an Podiumsdiskussionen erinnerte, bei denen sie gemeinsam gegen ordnungspolitische Vorstellungen der FDP gestritten hätten - jener Partei, mit er nun als Koalitionspartei regieren wolle.

          Weitere Themen

          Der letzte Dienst für Deutschland?

          Kampf um Regierungsbildung : Der letzte Dienst für Deutschland?

          Merkel, Seehofer und Schulz sind durch die Wahlergebnisse gleichermaßen geschwächt – und müssen gleichzeitig wie nie zuvor um stabile Verhältnisse kämpfen. Es könnte ihre letzte Schlacht in politischer Verantwortung werden. Ein Kommentar.

          Opposition für nächste Wahl disqualifiziert Video-Seite öffnen

          Venezuela : Opposition für nächste Wahl disqualifiziert

          Bei den Wahlen am Sonntag haben in Venezuela die regierenden Sozialisten viele Siege gefeiert. Viele Oppositionsparteien hatten niemanden zur Wahl aufgestellt, um diese zu boykottieren. Nun sollen sie laut Präsident Nicolas Maduro von der politischen Landkarte verschwinden.

          Zweifel am guten Willen

          Koalitionspoker : Zweifel am guten Willen

          Vor dem Gespräch mit der SPD an diesem Mittwoch gibt sich die CDU ungewohnt mild, die CSU hingegen eher scharf. Besonders in Bayern freuen sich nicht alle auf die vierte große Koalition.

          Trump und Bannon werfen sich in „Schlacht von Alabama“ Video-Seite öffnen

          Wahl um Senatssitz : Trump und Bannon werfen sich in „Schlacht von Alabama“

          Es ist eine Richtungsentscheidung: Im erzkonservativen Südstaat Alabama liefern sich der Demokrat Doug Jones und der Republikaner Roy Moore eine Schlammschlacht um einen frei werdenden Senatssitz. Präsident Trump unterstützt Moore, obwohl der frühere Richter minderjährige junge Frauen vor Jahrzehnten sexuell belästigt haben soll. Seine Anhänger ficht das nicht an.

          Topmeldungen

          Kampf um Regierungsbildung : Der letzte Dienst für Deutschland?

          Merkel, Seehofer und Schulz sind durch die Wahlergebnisse gleichermaßen geschwächt – und müssen gleichzeitig wie nie zuvor um stabile Verhältnisse kämpfen. Es könnte ihre letzte Schlacht in politischer Verantwortung werden. Ein Kommentar.

          Senats-Wahl in Alabama : Amerika ist so gespalten wie nie zuvor

          In Alabama haben fast drei Viertel der weißen Männer und rund zwei Drittel der weißen Frauen für den umstrittenen Roy Moore gestimmt – die Afroamerikaner gaben zu 90 Prozent dem Demokraten Jones ihre Stimme. Nie war der Graben tiefer, der mitten durch Amerika geht.

          Mies bezahlte Piloten : Frontalangriff auf das System Ryanair

          Beim größten Billigfluganbieter in Europa bahnt sich der erste Arbeitskampf seit 30 Jahren an. Denn Ryanair beutet seit Jahren systematisch seine Piloten aus – anders als Easyjet und Co.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.