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Veröffentlicht: 28.10.2014, 19:08 Uhr

Krawalle in Köln Chronik eines angekündigten Exzesses

Auf den Gewaltexzess von Hooligans aus ganz Deutschland am vergangenen Sonntag war die Polizei nicht ausreichend vorbereitet. Sie hat die radikale Szene unterschätzt – und Hinweise auf Ausschreitungen offenbar ignoriert.

von Olaf Sundermeyer, Köln
© dpa Offiziell trug die Aktion der Hooligans am Sonntag in Köln den Titel „Gemeinsam gegen Salafisten“.

Es war noch in der Nachmittagssonne, gegen halb drei am Sonntag vor dem Kölner Hauptbahnhof, als zwei Polizisten ein Gespräch unter Kollegen führten. „Mach dir mal keine Gedanken“, sagte der Ältere zu dem Jüngeren und schaute dabei auf eine vierstellige Zahl von Hooligans: „Die machen nichts, nur wenn sie von Linken angegriffen werden. Da kannst du dir sicher sein. Das habe ich oft genug erlebt.“ Darauf erwiderte der jüngere Kollege: „Das wollen wir hoffen.“ Dass einige Hooligans den eineinhalb Stunden später einsetzende Gewaltexzess von langer Hand geplant hatten, konnte die Beamten nicht wissen.

Schon seit längerer Zeit hatten sich die aus ganz Deutschland angereisten Hooligans über das Internet organisiert – mit dem Ziel, „etwas gegen Salafisten zu tun“. Zunächst geschah dies in einem nichtöffentlichen Internetforum mit dem Titel: „Deutsche, die sich was trauen“. Rund 120 Teilnehmer hetzten dort unter Ausschluss der Öffentlichkeit gegen alles Muslimische in Deutschland. Als das Internetforum Anfang des Jahres von Unbekannten gehackt und Inhalte daraus veröffentlicht wurden, flogen die Initiatoren der Gruppe auf: Sie kamen aus dem Hooliganmilieu in Baden-Württemberg, von wo aus am Sonntag viele Gewalttäter nach Köln gereist waren.

Die Polizei nahm Online-Hinweise nicht ernst

Erst nachdem das Hooligan-Netzwerk öffentlich wurde, entschlossen sich deren Teilnehmer als Initiative „Hooligans gegen Salafisten“ auf die Straße zu gehen – in Essen, Mannheim und Frankfurt. In Dortmund demonstrierten Ende September schließlich 350 Hooligans und wurden von der Polizei eher mit Gelassenheit beobachtet. Für die Hooligans waren die Treffen eine Form der Selbstvergewisserung – eine Antwort auf die Frage, ob die Zusammenkunft von gewaltgeneigten Fans aus ursprünglich verfeindeten Lagern gelingen kann. Schon bei diesen Treffen war klar, dass die Hooligans mehr wollten. Das sprachen einige der Hooligans in Dortmund laut aus, später auch im Internet, für jedermann lesbar.

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Bis zu den Ausschreitungen in Köln bekannten sich allein in dem sozialen Netzwerk Facebook rund 40.000 Nutzer zu der Initiative, 7000 Nutzer zeigten Interesse, an der Demonstration in Köln teilzunehmen. Am Donnerstag vor der Demonstration wurde die Gruppe von Facebook geschlossen. Über interne Foren läuft die Kommunikation seither trotzdem weiter. Die für gewöhnlich gut informierten Antifa-Gruppen warnten, dass Köln vor dem seit Jahren größten Aufmarsch von Rechtsextremen in Westdeutschland stehe.

Die Polizei verwies diese Hinweise in das Reich der Propaganda und bereitete sich auf eine Demonstration mit 1000 bis 1500 Teilnehmern vor – mit ebenso vielen Polizisten. Zur gleichen Zeit ging die Polizei in Nordrhein-Westfalen noch davon aus, dass es bundesweit nur vierhundert rechtsextreme und gewaltbereite Fußballfans gebe, wie ein Mitte Oktober von der zentralen Informationsstelle Sporteinsätze CIS in Düsseldorf veröffentlichter Bericht festgestellt hatte. Dieser Wert hatte sich aus der CIS-Datei der bundesweit polizeilich erfassten Rechtsextremen ergeben.

Ohne Hitlergruß oder Hakenkreuz kein Neonazi

Während am Sonntag die beiden Polizisten vor dem Hauptbahnhof plauderten, standen zwei erfahrene Fanarbeiter der Bundesliga auf Gleis 11 und bewerteten den Auftrieb ganz anders: „Wenn das mal gut geht“, sagte der Eine. „Da haben wir sie alle zusammen, die versammelte rechte Hooliganschaft, die immer so schön kleingeredet wird“, erwiderte der andere. Seit Jahren hatten Vereine und deren Geschäftsführungen geleugnet, dass ein Problem mit Rechtsextremen und gewaltbereiten Fußballanhängern in der Bundesliga existiert – offenbar um ihre Marken zu schützen.

Auch die Polizei war nicht aktiv geworden, weil sich ihr Handeln stets an Straftatbeständen orientieren muss: Ein Neonazi, der im Fußballstadion keinen Hitlergruß oder Hakenkreuz zeigt, wird nicht als solcher erkannt. Auch deshalb hatte die Polizei die rechtsextremen Fans und ihre politische Motivlage lange Zeit nicht im Blick.

Nur in wenigen Bundesligavereinen, die wegen ihrer rechtsextremen Anhänger in der Öffentlichkeit kritisiert worden waren, ändert sich diese Haltung seit rund zweieinhalb Jahren – etwa bei Borussia Dortmund, Dynamo Dresden und Eintracht Braunschweig. Zwar gibt es in der Polizei sogenannte „szenekundige Beamte“, die das Gewaltpotential einzelner Gruppen beobachten und zu Auswärtsspielen mitreisen. Einige von diesen Beamten verfolgten das Geschehen in Köln vom Rande aus. Einen Blick für extreme politische Einstellungen ihrer Klientel haben diese Polizisten aber nur selten. Tatsächlich sind sie für solche Fragen nicht zuständig – sondern der Verfassungsschutz.

Quelle: wahlrecht.de
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