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Holocaust Wichtiges Rad im Unrechtssystem

27.10.2006 ·  Eine Ausstellung über die Rolle der Reichsbahn beim Holocaust wird zum Politikum. Denn DB-Chef Mehdorn weigert sich beharrlich, die Bilder in den Bahnhöfen zu zeigen.

Von Kerstin Schwenn
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Öffentlicher Druck ist Hartmut Mehdorn nicht unbekannt. Gewöhnlich beruht er auf der Unzufriedenheit mit der operativen Tätigkeit der Deutschen Bahn, speist sich etwa aus dem Protest gegen Preissteigerungen, unpünktliche Züge oder vermeintlich überhöhte Vorstandsgehälter. Daß in diesen Tagen nicht nur das Stichwort „Bahn-Börsengang“, sondern auch die „Holocaust-Ausstellung“ zu Auseinandersetzungen mit der Bundesregierung führt, hatte der Vorstandsvorsitzende Mehdorn vermutlich nicht auf seiner Agenda.

Die deutschfranzösische Journalistin Beate Klarsfeld, seit den sechziger Jahren als „Nazi-Jägerin“ und als diejenige bekannt, die den damaligen Bundeskanzler Kiesinger ohrfeigte, hatte vor geraumer Zeit bei der Bahn um Platz gebeten: Als Kuratorin will sie erreichen, daß die französische Ausstellung, die das Schicksal von 11.000 jüdischen Kindern dokumentiert, die zwischen 1942 und 1944 mit den Zügen der Deutschen Reichsbahn von Frankreich nach Auschwitz deportiert wurden, auch in Deutschland gezeigt wird - und zwar an den Orten des Geschehens, den Bahnhöfen der ehemaligen Reichsbahn.

Nimmt sich der Bundestag des Streits an?

Die französische Staatsbahn SNCF hatte 18 Bahnhöfe für die 150 Fotos der Dokumentation „Mit der Reichsbahn in den Tod“ zur Verfügung gestellt. Mehdorn lehnte die Anfrage mit der Begründung ab, die Bahn wolle eine solche Ausstellung gern in einem Museum oder an ausgewählten Orten im ganzen Land zeigen, nicht jedoch direkt auf Bahnhöfen. Sein Sprecher sagt: „Mit einer Wanderausstellung in verschiedenen deutschen Städten könnten wir im nächsten Frühjahr loslegen.“

Klarsfeld hat längst politische Unterstützung gefunden: Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sowie eine Reihe weiterer SPD-Politiker haben Mehdorn wiederholt aufgefordert, die Deportations-Ausstellung auf den Bahnhöfen zu zeigen. Der Grünen-Politiker Beck droht jetzt, falls Mehdorn sich weiter weigere, die Ausstellung zuzulassen, müsse sich der Bundestag mit der Sache befassen.

Becks Fraktionskollege Montag kritisiert, weder finanzielle noch sicherheitstechnische Gründe dürften dafür herhalten, „unmöglich zu machen, was in französischen Bahnhöfen möglich war“.

„An die gleichen Orte, auf die Bahnhöfe“

Zwischen Tiefensee und Mehdorn, die etwa in der zermürbenden Börsengang-Diskussion bislang Seite an Seite kämpften, soll es darüber einen heftigen Streit bis an die Grenze zur Sprachlosigkeit gegeben haben. So wird von einem Gespräch zwischen Minister und Manager in jüngster Zeit berichtet, in dem Mehdorn bei seinem kategorischen Nein geblieben sei und Tiefensee deshalb wutentbrannt das Zimmer verlassen habe.

Unterschiedliche Auslegungen gibt es nur darüber, ob der Minister sich vorher mit einem Rest automatisierter Höflichkeit aus dem Raum verabschiedet oder aber ob Mehdorn dort noch eine Weile verharrt habe, in dem irrigen Glauben, der Minister benötige eine kurze Pause und kehre sofort wieder zurück.

Unaufgeregt begründet Tiefensee seine Haltung damit, daß der Nationalsozialismus eine „vom Alltag getragene Diktatur“ gewesen sei. Deshalb gehöre die Ausstellung zur Deportation jüdischer Kinder mit Zügen „an die gleichen Orte, auf die Bahnhöfe“. Mehdorn dürfe nicht den Eindruck erwecken, daß die Bahn versuche, das Thema von einer breiten Öffentlichkeit - mehrere Millionen Reisende täglich - fernzuhalten.

„Unmoralische Resistenz aufgeben“

Der Verkehrsminister will das Klarsfeld-Projekt nun mit Hilfe des Hamburger Mäzens Jan Philipp Reemtsma vorantreiben. Der Initiator der umstrittenen Wehrmachtsausstellung hat angeblich unter der Bedingung zugesagt, daß die Ausstellung auf Bahnhöfen stattfindet.

Mehdorn hat unterdessen seine Ablehnung bekräftigt. Das Thema sei „viel zu ernst, als daß man sich brötchenkauend und in Eile auf dem Weg zum Zug damit beschäftigen“ könne, sagte er vor wenigen Tagen in einem Zeitungsinterview.

Die Sprecherin der SPD-Fraktion für Kultur und Medien, Monika Griefahn, forderte die Bahn auf, „ihre unbegründete und unmoralische Resistenz“ gegenüber der Ausstellung aufzugeben. Die Polemik des Bahnchefs, die Ausstellung vertrage sich nicht mit dem hektischen Klima auf Bahnhöfen, sei gänzlich unangebracht und nicht nachvollziehbar. Die Bahn solle vielmehr an der Aufarbeitung ihrer Geschichte mitwirken.

Wichtiges Rad im System

Mehdorn hat indes in dieser Hinsicht ein gutes Gewissen: Die Bahn habe sich mit den Untaten der Vergangenheit immer wieder befaßt, betont er. Im Nürnberger Eisenbahn-Museum, das jährlich 200.000 Menschen besuchen, dokumentiert eine Abteilung die Geschehnisse während des Nationalsozialismus. Die Deutsche Reichsbahn war in der Tat ein wichtiges Rad im System: Sie organisierte unter anderem den Transport der Juden über die Gleise von den Konzentrations- in die Vernichtungslager. Und sie verdiente an den Transporten: Dem Deutschen Reich wurden 4 Pfennig je Transportkilometer und Person in Rechnung gestellt.

Die Bahn selbst stellt in einem ihrer „Themendienste“ fest: „Die Einordnung in den NS-Staat hatte die unmittelbare Beteiligung des Staatsbetriebes am Zweiten Weltkrieg und an den Verbrechen des Regimes zur Folge. Dokumente, Bilder und filmisch festgehaltene Berichte von Zeitzeugen belegen, daß weder der Vernichtungskrieg im Osten noch die Deportation von Millionen Juden in die Vernichtungslager ohne die Transporte der Reichsbahn möglich gewesen wären.“ Dasselbe gelte für die Transporte von Fremd-und Zwangsarbeitern.

Deshalb beteiligte sich die Deutsche Bahn vor einigen Jahren auch an dem mit Milliardenbeträgen dotierten Fonds zur Entschädigung ehemaliger NS-Zwangsarbeiter. Außerdem errichtete sie auf dem Berliner Deportationsbahnhof Grunewald das Denkmal „Gleis 17“ zur Erinnerung an die jüdischen Opfer. Ihre Auszubildenden werden geschult in einer „Initiative gegen rechte Gewalt“. Aus all diesen Aktivitäten schließt Mehdorn, es gebe an der Ausstellungsabsage „nichts zu skandalisieren“. Der Bahnchef will sich nichts vorschreiben lassen. Der Streit jedoch ist noch nicht ausgestanden.

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Jahrgang 1963, Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

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