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Holocaust-Unterricht : Mein Opa war kein Nazi

  • -Aktualisiert am

Eine Schulklasse besichtigt das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau in Polen. Bild: Imago

Der Holocaust-Unterricht in Deutschland wird der multikulturellen Realität im Klassenzimmer nicht mehr gerecht. Wie muss der Geschichtsunterricht verändert werden, um Schüler aus Einwandererfamilien besser zu erreichen?

          Mittwochmorgen in einem Gymnasium in Neukölln: Arita turtelt mit Mert, Xezal und Alberina kichern. Die kleine Gruppe Zwölftklässler wartet auf ihren Geschichtskurs. Die Siebzehn- und Achtzehnjährigen wohnen in Berlin, doch ihre Großeltern kommen aus der Türkei, dem Kosovo oder Palästina. Deutsche Wurzeln hat hier niemand – und die meisten auch keine familiären Bezüge zum Nationalsozialismus. Im Geschichtsunterricht ist der Holocaust aber so oft Thema, dass selbst ihre deutschen Mitschüler schon stöhnen: Was geht uns das noch an?

          Mittlerweile hat in Deutschland etwa jeder dritte Schüler mit bis zu 15 Jahren eine Einwanderungsgeschichte. Geht es um Holocaust-Unterricht, wird von Schülern wie Arita und Mert verlangt, Verantwortung für eine Geschichte zu übernehmen, die nicht die ihre ist, und auch nicht die Geschichte ihrer Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern. Ausflüge in KZ-Gedenkstätten sind in vielen Schulen Pflichttermine. Siebzig Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ist der Holocaust immer noch der zentrale Bezugspunkt des historischen Selbstverständnisses Deutschlands. Deutsch ist nur, so könnte man überspitzt formulieren, wer sich an die NS-Greueltaten erinnert und entschlossen Verantwortung für das Vergangene übernimmt.

          Konkurrenz unterschiedlicher Geschichtsbilder

          In deutschen Klassenzimmern konkurrieren jedoch mittlerweile unterschiedliche Geschichtsbilder und Narrative: Hier sitzen Jugendliche aus Ländern wie Polen oder Ex-Jugoslawien nebeneinander, die den Zweiten Weltkrieg aus ihrer jeweiligen Opfer-Perspektive erzählt bekamen. Sie teilen sich die Sitzpulte mit Kindern aus Russland, denen die Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts vor allem als großer, heroischer Vaterländischer Krieg vertraut ist. Neben ihnen sitzen Schüler aus Palästina oder dem Libanon, die dazu neigen, den Holocaust eng mit dem Nahost-Konflikt zu verbinden – etwa durch eine Täter-Opfer-Umkehr: „Die Juden“ seien von den Opfern zu den Tätern geworden.

          „Begegnen Schüler mit Migrationshintergrund dem Holocaust im deutschen Geschichtsunterricht, sind ihre Zugänge sehr unterschiedlich“, sagt Viola B. Georgi, Leiterin des Zentrums für Bildungsintegration der Universität Hildesheim. Manche Jugendliche seien schockiert, wenn sie realisierten, inmitten der ehemaligen Täter-, Mitläufer- und Zuschauergesellschaft zu leben, und sagen sich energisch von der deutschen Geschichte los. Andere verwerfen die deutsche Geschichte mehr oder minder gleichgültig, weil es nicht „die ihre“ ist. Sie treten das negative historische Erbe bereitwillig an und setzen sich mehr oder minder intensiv mit dem Holocaust auseinander.

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          Spagat im Klassenzimmer

          Lehrer sind nur selten auf dieses komplizierte Sammelsurium an unterschiedlichen Biographien, nationalen Narrativen und medialem Halbwissen vorbereitet. Sie stehen vor der Schwierigkeit, den Holocaust so zu vermitteln, dass alle Schüler, egal welcher Herkunft, gleichermaßen für das Thema interessiert und sensibilisiert werden. Sie müssen antisemitischen Ressentiments begegnen und leidenschaftliche Holocaust-Diskussionen moderieren, die durch aktuelle politische Konflikte wie den Nahost-Konflikt oder Islamismus-Debatten zusätzlich aufgeladen wurden. Wie kann dieser Spagat im Klassenzimmer gelingen?

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