Die Rede von Inge Deutschkron vor dem Deutschen Bundestag war deshalb so gut, weil sie zwischen Erinnerung und Gegenwart keinen Raum ließ. Was nach 1933 geschehen ist, kann kein Historiker besser vermitteln. Nur so verliert das Unfassbare seine Unfassbarkeit. Das unterscheidet die Reden der Opfer und Zeitzeugen von Gedenkreden, die auf die Übersetzung, auf die „richtigen Worte“ angewiesen sind, die mit Erinnerung eigentlich nichts zu tun haben, sondern mit der Bewertung und Erinnerung der Erinnerung. In Deutschland ist daraus allzu oft, ob in West oder Ost, ein Erziehungsritual geworden.
Wenn es aber immer weniger Zeugen gibt, die unmittelbar erzählen können, was andere nur zum Akt ihrer „Betroffenheit“ machen können, wie wird die „Ewigkeit des Grauens“, wie Norbert Lammert die zwölf Jahre der Nazi-Diktatur nannte, auch zur Ewigkeit der Erinnerung? Überlässt man diese Frage Historikern, Politikern, Didaktikern und Geschichtsphilosophen, mithin den Verwaltern unserer „kollektiven Erinnerung“, wird eine Kultur, wie sie Frau Deutschkron im Bundestag pflegte, von Jahr zu Jahr mehr untergehen. Es muss schon unmittelbare Erfahrung hinzukommen; das sind die Gespräche mit Kindern und Jugendlichen über die eigenen Erinnerungen, über die Erinnerungen - oder das Nicht-erinnern-Wollen - der Eltern, über die Erlebnisse, die ein Verständnis für diese Vergangenheit wecken. Das ist wesentlich richtungweisender, als aus Anlass der Jubiläumsdaten die Geschichte in ein Grusel- und Kuriositätenkabinett zu verwandeln.
Nur kurz flackerte am Mittwoch die Frage auf, ob angesichts der Versäumnisse im Kampf gegen einen neonazistischen Terror nicht auch die „Bewältigung“ der Vergangenheit versagt oder zumindest Lücken habe.
Dass es Leute gibt, die Gedenktage nur mit Verachtung oder Hohn begleiten, wird nicht darauf zurückzuführen sein, dass die deutsche Erinnerungskultur fehlgeleitet oder zu schwach ist.
Achtzig Jahre nach der „Machtergreifung“ Hitlers verführt das Unfassbare mehr denn je zum Irrtum der Faszination. Auch dagegen hilft nur die Kraft der alltäglichen Erinnerung, nicht die Keule der Erziehung. Die seltsame Entschuldigung, im Bundestag sei an einem Werktag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gedacht worden, weil der Gedenktag auf einen Sonntag gefallen war, ist deshalb, aber nur so gesehen, ein gutes Zeichen.