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Hochwasser-Katastrophe : Gummistiefel-Gesellschaft

Bild: Greser&Lenz

Der Hochwasserschutz ist eine Erfolgsgeschichte, so bitter die gegenwärtige Katastrophe auch ist. Nötig sind dafür viele kleine Schritte. Der „Gummistiefel-Gesellschaft“ aber fehlt in der Flut die Geduld. Sie will die große Botschaft.

          Nicht die Natur, nur der Mensch kennt Katastrophen - dieser Satz wird in den Tagen, in denen gegen das Hochwasser gekämpft wird, als Provokation empfunden. Doch das Leid der Menschen in den gepeinigten Regionen schätzt nicht gering, wer daran erinnert, dass Überflutungen mit großen Wassermassen zu natürlichen Kreisläufen gehören. Wichtige Lebensräume wie Auwälder brauchen sie sogar. Daraus folgt nicht, dass der Mensch sich fatalistisch fügen muss; dass er nicht über die Wirkungen von Eingriffen in die Natur, etwa die Versiegelung von Böden, nachdenken darf; dass sein technischer Genius nicht an besseren Warnsystemen und Schutzvorkehrungen arbeiten sollte. Es gilt nur, die Prämisse richtig zu setzen: Der Mensch kann sich nicht aus der Natur herausnehmen.

          In eine Wunschwelt ohne Katastrophen träumen sich angesichts der Schäden, die in der Republik zu beklagen sind, sehr gegensätzliche Kräfte. Ökologische Puristen sehen die hohen Pegelstände der Flüsse als Fanal, wohin es führe, wenn der Mensch sich die Natur untertan machen wolle. Sie sehnen sich nach einem Land, das eine einzige große Auenlandschaft ist, mit dem Menschen als bestem Freund des Bibers.

          Ihr Widerlager bilden Machbarkeitsfanatiker, die glauben, es sei nur eine Frage des Geldes, das Wort Hochwasser aus dem Vokabular der Menschheit zu streichen. Sie denken in großen Dimensionen: Wenn die Deiche nicht hielten, müssten sie eben doppelt, dreifach so hoch gebaut werden, notfalls bis zur Wolkengrenze; wenn die Rückhaltebecken nicht reichten, müsse ihre Zahl so vervielfacht werden, dass Marsbewohner, wenn sie auf die Erde blickten, sich in einer Mondkraterlandschaft wähnten; wenn es nicht anders ginge, müssten Passau und andere gefährdete Städte auf die Zugspitze verlegt werden.

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          Beide haben recht - und beide haben unrecht. Es wird nicht gelingen, einen Endpunkt in der Geschichte der Menschheit zu setzen, die von Fluten begleitet ist. Sie gehören zu den großen Mythen, von der biblischen Sintflut bis zu chinesischen Sagen. Auch durch noch so elaborierte Richtlinien zum „Hochwasserrisikomanagement“ wird es nicht möglich sein, die Naturgewalten auszuschalten.

          Der Homo faber wird es nicht schaffen, dass seine Nachfahren Wasser nur noch als sanft plätschernde Springbrunnen erleben. Das Gegenidyll, in dem der Mensch Flüssen und Seen die Freiheit wiedergibt, um fortan in Eintracht mit ihnen zu leben, wird es auch nicht geben. Die Aufzeichnungen aus früheren Jahrhunderten sprechen eine deutliche Sprache. Das gegenwärtige Leid der Menschen in Passau, Grimma und anderen Orten sollte nicht den Blick darauf versperren, wie unvergleichlich grausamer in vergangenen Jahrhunderten die Fluten zuschlugen, in denen, wie es in einer Chronik heißt, „viele Menschen, Tiere und Ortschaften“ zugrunde gingen.

          Der Hochwasserschutz - eine Erfolgsgeschichte

          Der moderne Hochwasserschutz ist, so paradox es angesichts der gegenwärtigen Verwüstungen klingen mag, eine Erfolgsgeschichte. Schäden an Leib und Leben können, verglichen mit früheren Zeiten, auf ein Minimum verringert werden. 1,6 Milliarden Euro hat allein Bayern seit 1999 in den Schutz investiert; es ist, auch wenn die Bilder aus den Überschwemmungsgebieten verzweifeln lassen, gut angelegtes Geld. Die Rufe, es müsse viel mehr sein, sind in den vergangenen Jahren nicht sehr vernehmlich gewesen, auch nicht von denen, die jetzt wieder einmal ganz genau wissen, was alles versäumt worden sei.

          Den Gefahren des Hochwassers zu begegnen - gebannt werden können sie nicht, weil die Natur sich nicht in Computersimulationen überführen lässt - ist mühsam. Sobald die Fernsehbilder mit Menschen, die aus ihren überfluteten Häusern gerettet werden, archiviert sind, hält sich die Begeisterung der Bürger, in deren Nachbarschaft Deiche und Mauern gebaut werden sollen, in Grenzen. Die Schutzbauten werden rasch zum ästhetischen Ärgernis erklärt.

          Auch die Einsicht, dass der begehrte Bauplatz möglichst dicht an der Flusspromenade oder am Seeuferweg noch einen Preis haben könnte, der sich nicht in der Notarurkunde findet, schwindet, wenn der Regen aufgehört hat und die Sonne scheint. Und auch die Ausweisung von Überschwemmungsgebieten findet in einer Zeit, in der „naturnahes“ Wohnen als schick gilt, nicht immer Applaus. Über die Renaturierung der Isar ist viel gespottet worden; nun sind alle froh, dass München durch die „große Badewanne“, die entstanden ist, vor dem Hochwasser bewahrt wird.

          Im Hochwassergebiet: Passaus Oberbürgermeister Jürgen Dupper (links), Bundeskanzlerin Merkel und der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer.
          Im Hochwassergebiet: Passaus Oberbürgermeister Jürgen Dupper (links), Bundeskanzlerin Merkel und der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer. : Bild: dpa

          Das böse Wort von den Gummistiefel-Politikern, die, sobald die Pegel steigen, gar nicht schnell genug zur Stelle sein könnten, enthält ein Körnchen Wahrheit, allerdings anders, als es die Urheber beabsichtigten.

          Die Politik passt sich einer Gesellschaft an, die im Katastrophenfall von Sondersendung zu Sondersendung eilt - schlechte Nachrichten aber nicht allzu lange hören will. Für beschwerliche Wege mit vielen kleinen Schritten, wie sie der Hochwasserschutz erforderte, fehlt der Gummistiefel-Gesellschaft die Geduld. Sie will die große Botschaft: Ob sie „Zurück zur Natur“ oder „Weg von der Natur“ lautet, ist ihr einerlei.

          Albert Schäffer

          Politischer Korrespondent in München.

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          Quelle: F.A.Z.

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