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Hochschulreform : In der Bologna-Falle

Die eng getakteten Bologna-Studiengänge lassen wenig Zeit für individuelle Betreuung Bild: dapd

Die Frage ist längst nicht mehr, ob die Bologna-Reform gescheitert ist oder nicht, sondern wie sie besser „studierbar“ gemacht werden könnte. Die Studenten machen die Erfahrung, dass ihnen der Bachelor-Abschluss allein wenig nützt.

          Es war das erklärte Ziel der Bologna-Reform, einen europäischen Hochschulraum zu schaffen. Dass Studenten und Hochschullehrer zwischen den Fachbereichen der eigenen Hochschule, zwischen Hochschulen auch nur eines Bundeslandes oder gar europäischer Staaten mühelos wechseln könnten, war eine verlockende Perspektive. Aber die ist allerdings bis heute eine Utopie.

          Denn noch nie war Studieren so provinziell wie im Bologna-Zeitalter. Nicht einmal der Wechsel in ein und derselben Stadt ist möglich, weil die erbrachten Leistungen nicht anerkannt werden. So sind Studenten gut beraten, während ihres Bachelor-Studiums nicht umzuziehen und auch möglichst zum Master an ein und derselben Universität zu bleiben. Denn häufig werden die eigenen Bachelor-Absolventen bei der Zulassung zum Masterstudium bevorzugt. Eine fragwürdige bildungspolitische Neuerung hat die Mobilität enorm erschwert: die Kreditpunkte oder ECTS-Punkte. So sollten etwa in Göttingen erbrachte Studienleistungen mühelos in Oxford anerkannt werden - davon können Studenten bis heute nur träumen.

          Ausgerechnet dieses so einfach erscheinende Transfersystem hat sich längst zum eigentlichen Mobilitätshindernis entwickelt. Selbst wenn Akkreditierungsagenturen von der starren Punkteverteilung einmal abwichen, sorgten die Wissenschaftsministerien sogar in Bayern dafür, dass sie stur eingehalten wurden. In Anbetracht dessen, dass sich ohnehin keine Universität von andernorts erworbenen Leistungspunkten beeindrucken lässt, sondern vielmehr überprüft, was der Bewerber eigentlich kann, könnte einer der Auswege aus der Bologna-Falle in der Abschaffung des Kreditpunktesystems liegen.

          Absurderweise ist nicht einmal das fragwürdige System in den europäischen Staaten vereinheitlicht worden. Während Studenten für den Erwerb eines Leistungspunktes in Deutschland und der Schweiz 30 Stunden benötigen, sind es in Österreich, Italien und Spanien nur 25 Stunden. Für ein angeblich vergleichbares Bachelorstudium mit 180 Kreditpunkten müssen Studenten in Italien 900 Stunden weniger aufbringen als in Deutschland. Welches Land in Europa hat also den Mut, den Abschied von der ohnehin fiktiven Größe der Kreditpunkte einzuläuten und die allgemeine Selbstbeweihräucherung bei Bologna-Konferenzen durch einen weiterführenden Beschluss zu durchbrechen?

          Unerwünschte Nebeneffekte

          Die Frage ist längst nicht mehr, ob die Bologna-Reform gescheitert ist oder nicht, sondern wie sie angesichts ihrer offenkundigen Schwächen besser „studierbar“ gemacht werden könnte. Es gehört zu den unerwünschten Nebeneffekten der Bologna-Reform, dass die eigentlich erwünschte Aufwertung der Lehre das genaue Gegenteil bewirkt hat: Ausgerechnet diejenigen, die eine anspruchsvolle, forschungsorientierte Lehre betrieben, fliehen inzwischen in Forschungsprofessuren oder an „Centers vor Advanced Studies“. Wer sich in der Wissenschaft einen Namen gemacht hat, vermag mit einigem Geschick ein Forschungsstipendium an das andere zu reihen und sich die Lehre weitgehend zu ersparen. So hat die Bologna-Reform im Zusammenwirken mit der Exzellenzinitiative die Professorenschaft zersplittert.

          Die in der Exzellenzinitiative Erfolgreichen erheben sich als privilegierte Großunternehmer der Wissenschaft leicht über die Niederungen der Massenstudiengänge, weil sie die Verteilungsmacht über die Exzellenzressourcen besitzen und sich weitgehend aus der Lehre zurückziehen. Nur wenig schlechter geht es denjenigen, die von den Freiräumen des Elitesegens profitieren. Wer sich aus freier Entscheidung oder Unfähigkeit ausgeschlossen hat, wird mehr oder weniger zum Lehr- und Verwaltungsknecht.

          Ein stiller Boykott

          Einer derart zersplitterten Professorenschaft bleibt kaum etwas anderes als der stille Boykott einer Studienstruktur, die sie nicht gewollt, gegen die sie sich aber mit Ausnahme des Deutschen Hochschulverbandes nicht ernsthaft zur Wehr gesetzt hat. Es wäre verlogen, allzu schwärmerisch von den Massenuniversitäten der siebziger und achtziger Jahre zu reden; auch damals gab es viel Lebenszeitverderb. Aber die eng getakteten Bologna-Studiengänge, die mit entsprechend angepassten Abiturienten aus achtjährigen Gymnasien rechnen, sind keine Lösung. Sie verlängern eher die Schulzeit und bringen nicht die selbständig denkenden, zur Weltdeutung befähigten Absolventen hervor, die dringend gebraucht werden.

          Die Studenten haben längst realisiert, dass sie mit dem vermeintlich berufsqualifizierenden Bachelor wenig anfangen können; deshalb wollen fast alle den Master machen. Damit ist das Studium aber nicht kürzer, sondern genauso lang oder noch länger als vorher. Das hatten sich die Finanzminister ganz anders vorgestellt. So werden die Hürden für das Masterstudium wachsen, wenn der Bachelor nicht als Zwischenprüfung eines konsekutiven Studiengangs gesehen wird. Es wird Zeit, dass sowohl Universitäten als auch Wissenschaftsministerien Ausnahmen von der Bologna-Regel wagen. Der Phantasie dürften dabei keine Grenzen gesetzt sein. Die Bologna-Reform bliebe formal erhalten, aber es könnte wieder Studiengänge geben, die ihren Namen eher verdienten.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          Folgen:

          Quelle: F.A.Z.

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