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Hessischer SPD-Sonderparteitag 98 Prozent Glückseligkeit

04.10.2008 ·  Andrea Ypsilanti schaut nach vorn. Die Delegierten des Sonderparteitags in Rotenburg fest im Blick, beschwört sie noch einmal den politischen Wechsel in Hessen. Der Leitantrag wird angenommen: Die SPD wird versuchen, eine Minderheitsregierung unter Duldung der Linkspartei zu bilden.

Von Majid Sattar, Rotenburg
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Sie ist an den Ort ihres Anfangs zurückgekehrt. Vor knapp zwei Jahren war Andrea Ypsilanti in Rotenburg an der Fulda zur Spitzenkandidatin der hessischen SPD gewählt worden. Am Samstag lässt sie sich in Nordhessen für ihren zweiten Versuch, Ministerpräsidentin eines Linksbündnisses zu werden, von den Delegierten des Sonderparteitages den Auftrag erteilen, Koalitions- mit den Grünen und Kooperationsgespräche mit der Linkspartei aufzunehmen. Damals hatte der Parteitag das Votum der Unterbezirke überstimmt, die mit YpsilantisRivalen Jürgen Walter in den Wahlkampf ziehen wollten. Heute sitzen beide auf dem Podium, zwischen ihnen nur Norbert Schmitt, der Generalsekretär, nicken sich freundlich zu und loben einander, wo immer Mikrofone zugegen sind.

Bevor sich am Samstagmorgen das Podium füllt, läuft im Hintergrund ein alter Song von U2, der die vergangenen zwei Jahre im Leben der SPD-Vorsitzenden auf den Punkt bringt: „I still haven’t found what I’m looking for“. Andrea Ypsilanti schaut nach vorn. Während ihr Unterkiefer mahlt, wandert ihr Blick langsam von links nach rechts durch die Delegiertenreihen in der Meirotels-Halle. Wird ihr Blick von einem der Genossen erwidert, lächelt sie kurz auf, deutet einen Gruß an, dann wandern ihre Augen weiter – und der Unterkiefer beginnt wieder zu mahlen.

Sie braucht neunzig Prozent - mindestens

Sie macht das minutenlang, während sie die Grußworte über sich ergehen lässt. Jeden Genossen will sie ins Visier nehmen. Das Votum des Parteitages ist ihr sicher, die nicht-öffentlichen Regionalkonferenzen haben ihr diese Gewissheit gegeben. Doch an diesem Tag braucht sie mindestens 90 Prozent, ein Ergebnis jedenfalls, das jeden Skeptiker als esoterischen Sektierer dastehen lässt.

„Dass wir hier in Rotenburg zusammenkommen, ist Zufall. Aber auch Zufälle bergen eine Symbolik“, sagt die Vorsitzende. Sie denkt dabei nicht an Jürgen Walter. Damals habe sie den Genossen gesagt, sie wolle Hessen zurückerobern. „Genau das haben wir getan.“ Sie spricht nun viel in der ersten Person Plural. Folgerichtig soll ihr Weg erscheinen und vergessen machen, dass sie ein wie auch immer geartetes Bündnis mit der Linkspartei ausgeschlossen hatte. Andrea Ypsilanti weiß zudem, dass nichts mehr Selbstbewusstsein ausstrahlt als das freimütige Eingestehen vermeintlicher Fehler. Also sagt sie über ihren ersten Griff nach der Macht im Frühjahr, man hätte einiges „sensibler“ machen können, was die „Willensbildung“ anbelangt. Es dauert nicht lange, da ist sie wieder in der Offensive: Sie beschreibt, warum ein „Politikwechsel“ mit den anderen – den „moralischen Heuchlern“ von der CDU und den „Totalverweigerern von der FDP“ – nicht möglich sei. Eine Mehrheit jenseits von Schwarz-Gelb gebe es nur mit ihrem Kurs.

Drohungen in Richtung der Grünen

Die SPD-Vorsitzende sagt auch, dass die nun folgenden Gespräche mit Grünen und Linkspartei „kein gemütlicher Herbstspaziergang“ würden. Man habe klare Positionen, etwa beim Flughafenausbau. Sie sucht so Jürgen Walter zu umarmen, der später sagen wird, seine Partei werde verhindern, dass der Wirtschaftsstandort Hessen zum Naturschutzgebiet erklärt werde. Das ist durchaus als Drohung zu verstehen. Denn Walter sagt auch, die eigentlich wichtige Entscheidung falle nicht hier in Rotenburg, sondern auf einem Folgeparteitag am 1. November in Fulda, wenn über Koalitions- und Kooperationsvertrag abgestimmt werde.

An diesem Samstag melden sich 32 Genossen in der Aussprache zu Wort – drei von ihnen sprechen gegen den Linkskurs, erinnern an den „Wortbruch“, an die Glaubwürdigkeitsprobleme: Ein Teil des Stimmenzuwachses im Januar gehe auf die klare Absage an die Linkspartei zurück. Zwei von ihnen stammen aus Darmstadt-Dieburg, der Heimat Dagmar Metzgers, deren Standfestigkeit im Frühjahr Andrea Ypsilantis erstes Manöver ins Leere laufen ließ. Sie selbst reiste nicht an die Fulda. Sie wusste, warum: Die drei Kritiker des Linkskurses werden öffentlich des Abweichlertums geziehen.

Wer die Flucht ergreift

Kurz vor zwei Uhr scheint alles gesagt. Der Leitantrag wird bei sieben Gegenstimmen und drei Enthaltungen angenommen. Knapp 98 Prozent stimmen dafür. Norbert Schmitt drückt Andrea Ypsilanti einen roten Blumenstrauß in die Hand, ein Trupp vom Arbeitskreis Sozialdemokratischer Frauen stürmt mit Fahnen und roten Y-Schildern die Bühne, und aus den Lautsprechern erschallt der alte Wahlkampfsong „Die Zeit ist reif“. Die Genossen unten klatschen selig, die Genossen oben schaukeln vergnügt – nur Brigitte Zypries, Nina Hauer und auch Jürgen Walter haben gerade noch rechtzeitig die Flucht ergriffen. Auf bestimmten Bildern, über die die Geschichte erst später richten wird, ist man lieber nicht zu sehen.

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Jahrgang 1970, politischer Korrespondent in Berlin.

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