30.10.2011 · Die meisten beteten ihn an. Dabei war der vorherrschende Zug seiner Politik: Entscheidungsschwäche. Doch Helmut Schmidt hatte es vermocht, seine Selbsteinschätzung ungebrochen weiterzuvermitteln.
Von Volker ZastrowNicht bloß seine Anhänger, auch die Gleichgültigen, ja viele seiner Gegner überfiel es wie ein Grauen vor dem Unbekannten, dem unnötigerweise die Tore aufgetan wurden, und sie warfen die Frage auf, ob es zu rechtfertigen sei, dass man den Mann, der die größte politische Autorität in der Welt besaß und sie in den Dienst des Weltfriedens gestellt hatte, bei lebendigem Leibe zu den Toten werfe." So schrieb der linksliberale Politiker und Journalist Ludwig Bamberger über Bismarcks Entlassung. Ähnlich scholl es aus dem Blätterwald, als gut neunzig Jahre später Helmut Schmidt gestürzt wurde. Der "Spiegel" titelte mit John Teniels berühmter Karikatur "Der Lotse geht von Bord", unter der Lotsenmütze war statt Bismarcks Gesicht das von Schmidt.
Damals, 1982, grassierte in Deutschland die Angst, wie noch nie seit dem Koreakrieg - die Mehrheit glaubte, ein Weltkrieg stehe vor der Tür. Schmidt hatte die Bundesrepublik durch seine doppeldeutige Sicherheitspolitik zum Psychoschlachtfeld gemacht, der "atomare Holocaust" schien allgegenwärtig. Das Lotsenbild spielte darauf an. Doch anders als bei Bismarck glichen die Bewertungen Schmidts einander quer durch das Spektrum der politischen Publizistik
Die meisten beteten ihn an. In den fünfziger Jahren war er durchweg nur als "überdurchschnittlich", "überragend" und hochbegabt beschrieben worden, in den Sechzigern wurde dann aus ihm ein "scharfer Denker", man bewunderte an ihm Lernvermögen, Auffassungsgabe, Gedächtniskraft und Konzentration. Er sei arbeitsam, belastbar, tüchtig, gründlich, gewissenhaft, ordentlich, routiniert, stets gut vorbereitet, bisweilen geradezu arbeitswütig - die Adjektive wiederholen sich hundertfach in Artikeln und Büchern.
Neben dem Fleiß, der in kaum einem Schmidt-Porträt fehlte, hoben die meisten Autoren seine Effizienz hervor, "die schon fast keinen Vergleich mehr kennt" - so etwa Hans-Joachim Noack in der "Frankfurter Rundschau". Und Noack war nicht die Ausnahme. Für Schmidt taugten offenbar nur noch Superlative. Mit seiner "Sachkompetenz" stand er nach dem Urteil von Presse, Funk und Fernsehen unter den Politikern der Bundesrepublik praktisch allein da, nach den ersten Kanzlerjahren bald auch auf der ganzen Welt. Ebendiese Welt liege Schmidt "quasi zu Füßen", meinte einer; und andere rühmten den "globalen Überblick" dieses Kanzlers.
Man sah in ihm einen "Alleskönner" und "Allroundpolitiker", einen Fachmann auf vielen Gebieten. Eigentlich auf allen, die zählten. Und weil dieses Image trotzdem noch unvollkommen war, wurde Schmidt der Öffentlichkeit in den siebziger Jahren zunehmend auch als kunstsinniger und musikalischer Mensch präsentiert. Aber wichtiger war doch, dass er "die Zusammenhänge von Wirtschafts- und Sozialpolitik im Innern auf der einen Seite, Weltwirtschafts-, Weltwährungspolitik und Verteidigungspolitik auf der anderen Seite wie kaum ein zweiter politischer Führer im Westen" überschaute - mit anderen Worten: Schmidt kapierte alles wie sonst keiner. Und so etwas stand nicht nur im "Vorwärts", sondern allenthalben.
Schmidt war aber nicht bloß ein "scharfer Denker", "brillant" und "überragend", sondern auch, etwa für Hans Reiser, ein "pragmatischer Philosoph". Peter Christian Ludz sah in ihm den Urheber eines philosophischen "Gesamtkonzepts". Weniger aufwendig, aber durchaus eindringlich bewertete "Zeit"-Verleger Gerd Bucerius den Kanzler: "genial".
Ähnlich die zeithistorische Wissenschaft, in der etwa Christian Hacke nach einer Kaskade hohen und höchsten Lobs nachgerade ausgelaugt zum Schluss gelangte: "Helmut Schmidt markiert den Scheitelpunkt deutscher Staatskunst." Angesichts der Vielzahl solcher Einschätzungen gereicht es fast an Frevel, darauf hinzuweisen, dass Helmut Schmidt nach Ludwig Erhard der schwächste Kanzler war, den die Bundesrepublik hatte. Seine Bilanz schwankt zwischen mittelmäßig und miserabel, doch bis heute verhindert sein Image zuverlässig eine genaue und gerechte historische Bewertung seiner Leistungen. Dabei war der vorherrschende Zug seiner Politik: Entscheidungsschwäche.
Freilich wurde auch Schmidt nicht nur als Übermensch geschildert. Er hatte, wie es bei Fontane heißt, "den Fehler, den so viele hätten, und die Schmidts voran: sie red'ten über alles und wüssten alles besser". Damit ging er manchem ordentlich auf die Nerven. Der Fernsehjournalist Ernst Dieter Lueg etwa beklagte Schmidts "geradezu unerträgliches" Selbstbewusstsein: "Er sieht erst sich, dann kommt eine Weile gar nichts, und dann erst spricht er von den anstehenden Problemen", und zwar gewöhnlich so, wie Johann Georg Reißmüller in der F.A.Z. zart ironisch formulierte, als sei von diesen Problemen ein "jedes - vor allem von ihm selbst - eigentlich schon gelöst".
Schmidts Redenschreiber Jochen Thies beobachtete: "Anscheinend brauchte Helmut Schmidt fortwährende Bestätigung und Anerkennung." Und Herbert Riehl-Heyse erkannte in der "Süddeutschen Zeitung" treffend, man habe es bei Schmidt mit einem Fall zu tun, "in dem das Bewusstsein der eigenen Größe von einer extrem dünnen Haut umkleidet ist". Mit dem bloßen Finger könne jeder diese Haut leicht einreißen, "der den Mann nicht genauso einschätzen will, wie er selbst sich mit den Jahren immer nachdrücklicher sieht". Aber mit den Jahren brauchte sich Helmut Schmidt auch immer weniger mit solchen Leuten abzugeben.
Dabei half Schmidt ein Charisma der Vernunft. Er galt buchstäblich als ihr persönlicher "Sachwalter", gar als "Held" oder "Meister des Realen". Die häufigsten Adjektive: unideologisch, sachlich, realistisch, nüchtern, präzise, unsentimental. Die SPD operierte in ihrer auf Helmut Schmidt zugeschnittenen Wahlwerbung mit denselben Stereotypen. Lange stand dabei die Figur des "Krisenmanagers" im Mittelpunkt: Schmidts Amtszeit wurde als Aneinanderreihung sogenannter Krisen begriffen, und das traf sich ausgezeichnet, weil "die Qualitäten des Helmut Schmidt immer dann sichtbar" wurden, "wenn seine Handlungsfähigkeit gefordert war" (Frankfurter Rundschau). Manche wollten sogar, hegelianisch, einen "tiefen Sinn" darin erkennen, dass Krisenmanager und Krise hier wie Topf und Deckel aufeinanderprallten. Schmidt war eben, wie Bernt Conrad in der "Welt" frömmelte, "ein Mann des Notstands, der Bewährung in der Bedrängnis".
Und doch: Das reichte alles noch nicht. 1978, etwa zur Hälfte seiner Amtszeit, stand Schmidt auf der Höhe seiner damaligen Popularität. Es wurde üblich, ihn nicht mehr einfach Politiker, sondern "Staatsmann" zu nennen. Oder bildhaft als "Lotsen" beziehungsweise "sturmerprobten Steuermann". Ein gewöhnlicher Balkon, von dem er sprach, verwandelte sich auf dem Zeitungspapier der "Welt" in eine "Kommandobrücke". Der Ausdruck "Staatsmann" wurde für Schmidt in der deutschen Presse flächendeckend benutzt - eine distanziert-ironische Betrachtungsweise blieb dabei fast vollständig auf F.A.Z.-Autoren beschränkt.
Nur ausnahmsweise wurde Schmidt "ein gerüttelt Maß an politischer Anpassungsfähigkeit" nachgesagt (von Hans D. Barbier) oder gar "ein sehr ausgeprägter Sinn für das Opportune" (von Matthias Walden). Vielmehr bestimmten sein Image Geradlinigkeit, Gestaltungs-, Entscheidungs- und Führungswille. Der Kanzler, behauptete etwa Ludolf Herrmann, fühle sich zur Verantwortung geradezu "gedrängt". Dieser Drang wurde von verschiedenen Publizisten, vor allem solchen, die Schmidt nahestanden, nicht etwa als Machtwille beschrieben, sondern als "starker ethischer Grundimpuls", als zwingende Folge von "sittlichen Grundüberzeugungen" und "moralischen Prinzipien". Unentwegt fielen in diesem Zusammenhang die Namen von Schmidts Background-Boygroup Marc Aurel, Karl Popper, Immanuel Kant und Max Weber. Es gab Autoren, die sich nicht entblödeten, den 1918 geborenen Schmidt als Webers (1919 zu Papier gebrachtes) Ideal zu zeichnen.
Die "Leidenschaft, der res publica zu dienen", schrieb Marion Gräfin Dönhoff, erfülle den Kanzler; sie wachse "aus tiefen Dimensionen". Deshalb ging es in Schmidt-Porträts auch immer wieder, Weber folgend, um das Bohren dicker Blätter, pardon, Bretter, "mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich". Selbst politische Gegner sagten Schmidt praktischerweise die Eigenschaften nach, die Schmidt sich zuvor selbst zugeschrieben hatte. So notierte CSU-Mann Theo Waigel: "Helmut Schmidt zählt zu den wenigen deutschen Politikern der Nachkriegsgeschichte, die jene drei Qualitäten in sich vereinigen, die nach Max Weber für einen Politiker entscheidend sind: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß."
Die meisten der Attribute, mit denen Schmidts Vortrefflichkeit publizistisch hochgerüstet wurde, stammen aus seinen eigenen Reden, Artikeln, Büchern und Interviews. Natürlich auch die Steuermanns- oder Lotsen-Metapher einschließlich der zugehörigen "Turbulenzen": "Wir müssen unser Land mit sicherer Hand durch die Turbulenzen hindurchsteuern." Bereits in seinem Max Weber verpflichteten Aufsatz "Politik als Beruf" aus dem Mai 1967 bezeichnete Schmidt den "politischen Führer in einer auf Diskussion angelegten Demokratie" als "Steuermann". Damals forderte Schmidt vom Politiker "Umsicht und Beharrlichkeit, Gelassenheit und Augenmaß, Vernunft und Tatkraft" - wie vom Spieglein an der Wand.
Schmidts großen politischen Erfolg, nämlich Selbst- und Fremdbild zu verschmelzen, kann man mit einem besonders bizarren Beispiel illustrieren: dem vielstrapazierten "Staatsmann". Wie wird man das? Die klare, aber auch eigenwillige Definition präsentierte wiederum Schmidts größter Fan, Gräfin Dönhoff, 1978 in der "Zeit". Sie maß nicht Schmidt am Begriff, sondern den Begriff an Schmidt. Der Kanzler, schrieb sie, "besitzt die drei seltenen Gaben, die einen Staatsmann ausmachen: erstens die Fähigkeit, klar zu analysieren; zweitens das Talent, mit scharfem Blick zu erkennen, was davon in praktische Politik umgesetzt werden kann; und drittens die Beredsamkeit, andere von der Richtigkeit seiner Ansichten zu überzeugen".
Diese Beschreibung, die auch Eingang in die zeithistorische Literatur gefunden hat, stammte jedoch mitnichten von der Gräfin, sondern wieder mal von Schmidt selbst. Schmidt hatte sie in dem bereits erwähnten Aufsatz "Politik als Beruf" gegeben, nur etwas knapper formuliert. Dort hieß es über den politischen "Steuermann": "Er braucht die Fähigkeit zur umfassenden Analyse, zur Lagebeurteilung. Er braucht die Befähigung zum Entschluss. Er bedarf der Fähigkeit zur überragenden Argumentation." Das sind genau jene "drei seltenen Gaben", die Schmidt später von Dönhoff und in ihrem gewaltigen Gefolge angeheftet wurden.
Schmidt erwähnte übrigens darüber hinaus seinerzeit noch eine vierte Qualifikation, nämlich die "langjährige Ausbildung durch eigene Erfahrung" in der Verwaltung - was wohl später zu kleinkariert erschien und außerdem nicht als seltene Gabe durchgegangen wäre. Doch schon 1966 hatte Schmidt im Gespräch mit dem Journalisten Günter Gaus ebenfalls jene Gaben beschrieben; diesmal allerdings noch nicht als Rüstzeug des politischen Steuermannes, sondern bloß als seine eigenen.
Gaus hatte gefragt: "Was sind nach Ihrer Selbsteinschätzung Ihre vorherrschenden Eigenschaften, Herr Schmidt?" Und hinzugefügt, Schmidts Fähigkeiten seien gelegentlich mit militärischen Talenten gleichgesetzt worden. Schmidt wehrte die Frage zunächst als "zudringlich" ab, sagte aber dann: "Ich glaube schon, dass manches von dem, was ein Militär braucht, bei mir vorhanden ist: rasches Urteil über eine Lage, rasches Erkennen der Lage und Beurteilung dessen, was aus ihr entstehen kann, Entschluss, dieser Lage oder ihrer Entwicklung abzuhelfen, und dann auch das Vermögen, den Entschluss durchzusetzen." Das Anforderungsprofil an einen Offizier der preußischen Armee, dem Schmidt durchaus entsprach. Und so wurde daraus ein abhakgerechter Kriterienkatalog für Staatsmänner.
Schmidt hatte es vermocht, seine Selbsteinschätzung ungebrochen weiterzuvermitteln. Insofern übertraf er in der Tat alle Kanzler vor und bisher jeden nach ihm. Eine entscheidende Rolle spielten dabei in Hamburg ansässige Leitmedien, vor allem die "Zeit", die seine Karriere über drei Jahrzehnte unterstützt und ihn nach dem Ende seiner Kanzlerschaft folgerichtig zum Herausgeber berufen hatte. Damals trat, wie Gräfin Dönhoff schrieb, "der wichtigste Staatsmann Europas ab", sein Abgang bedeutete laut Hermann Rudolph eine Zäsur, "nichts Geringeres als eine Veränderung der politischen Landschaft der Bundesrepublik". Der Nachfolger Helmut Kohl wurde, wiederum fast unisono, als "provinzieller Pfälzer" abgetan. Wer damals, wie etwa Arnulf Baring, öffentlich erwog, Kohl könne womöglich die Fortsetzung von Schmidts Politik mit bescheideneren persönlichen Mitteln offenstehen, bekundete schon Optimismus. Die meisten glaubten eh, als Politiker sei Helmut Schmidt das Maß aller Dinge. "Helmut Kohl ist nicht mehr als ein Helmut Schmidt zweiter Klasse", lautete denn auch Ralf Dahrendorfs frühes Fazit. Das stellt sich, wieder drei Jahrzehnte später, doch ein wenig anders dar. Aber Schmidt ist immer noch "Zeit"-Herausgeber, dank einer anderen seltenen Gabe: ein wacher Geist in hohem Alter.
Volker Zastrow Jahrgang 1958, verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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