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Bedeutung von Politikern : Helmut Kohl als Maßstab

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Prägte eine Ära: Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl Bild: Frank Röth

Politische Ereignisse lösen sich zunehmend von den Personen, die für sie verantwortlich sind. Zu Unrecht. Altkanzler Helmut Kohl ist das beste Beispiel dafür, wie ein einzelner Politiker Geschichte schreiben kann. Ein Gastbeitrag.

          Die deutsche Einheit währt nun mehr als ein Vierteljahrhundert. Der Bundespräsident hat zu Recht am Tag der Deutschen Einheit auf die Erfolge, die in diesen 25 Jahren erzielt wurden, hingewiesen. Zweifelsfrei reden wir über eine Epoche europäischer Geschichte. Dennoch, ein Punkt verwundert. Der Name Helmut Kohl fiel in der Rede des Bundespräsidenten nicht. Vor kurzem haben die wichtigen und richtigen Worte zum Tode Helmut Schmidts jedoch jedermann noch einmal in Erinnerung gerufen, welch prägende Rolle die deutschen Bundeskanzler in ihrer Zeit und weit darüber hinaus spielen.

          Der Autor Roland Koch war von 1999 bis 2010 Ministerpräsident Hessens und Landesvorsitzender der CDU.

          Wenn man sich vertieft mit der Berichterstattung und auch der aktuellen Geschichtsschreibung beschäftigt, fällt diese überraschende Unterlassung der Einordnung von Kohls Rolle häufiger auf. Wir sollten aufpassen, dass daraus nicht eine bewusste oder unbewusste Verfälschung der Gewichte in der jüngeren deutschen Geschichte wird. Helmut Kohls persönliche Entscheidungen und sein über ein langes politisches Leben erworbenes internationales Vertrauen waren historische Bedingungen, ohne die es nicht zur Einheit in Freiheit gekommen wäre.

          Dieses Urteil gilt ebenso für den Einstieg in die politische Union Europas und die gemeinsame europäische Währung. Damit wird niemandes Beitrag geschmälert, nicht der mutigen Bevölkerung in der ehemaligen DDR und nicht von wichtigen nationalen und internationalen Spitzenpolitikern. Aber im Mittelpunkt der europäischen Geschichte der letzten zwei Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts steht eben Kohl. Nachträgliche Geschichtsbewertung kann ihn nicht zur Randfigur machen.

          Handelnde Personen verlieren an Bedeutung

          Dennoch gibt es Aspekte, die diese Sorge begründen. Die moderne Geschichtsschreibung hat sich in den letzten Jahren mehr und mehr darauf kapriziert, politische Ereignisse von der Bedeutung handelnder Personen zu lösen und milieu- und konstellationsbedingten Entwicklungen die dominante Bewegungsenergie für geschichtliche Veränderungen zuzuweisen. Die individuelle Rolle handelnder Personen wird bestenfalls als unterstützend bewertet.

          Diesen Personen wird positiv angerechnet, wenn sie Stimmungen aufnehmen und nutzbar machen, ihnen wird aber nicht zugetraut, mit der visionären Kraft ihrer Ideen und der Überzeugungskraft ihrer Person entscheidende Weichenstellungen zu initiieren. Ich halte diese Position nach wie vor für fragwürdig. Sie unterschätzt den Einfluss persönlicher Beziehungen bei politischen Entscheidungen und minimiert zugleich die Verantwortung Handelnder für die zeitgeschichtliche Entwicklung, weil sie ja wissenschaftlich bestätigt den Rahmen ihrer Umgebung beim besten Willen nicht sprengen können.

          Als Helmut Kohl 1983 unmittelbar nach dem konstruktiven Misstrauensvotum Neuwahlen anstrebte, suchte er vor allem eine Mehrheit für die umstrittene militärische Antwort auf die sowjetische Aufrüstung, an der sein Vorgänger mit gescheitert war. Kohl gewann und prägte eine Ära. Sein fast besessenes Eintreten für eine europäische Friedensordnung und die Vision einer einheitlichen Währung als einzig realistischer Garant für eine unumkehrbar friedliche Entwicklung hin zu einer Europäischen Union war nicht Umständen und Milieus geschuldet, sondern ganz speziell seiner Mission als Mitglied der hoffentlich letzten Generation, die Krieg am eigenen Leib erlebt hatte. Hätte er nicht unabgestimmt und ganz in seiner alleinigen persönlichen Verantwortung den Zehn-Punkte-Plan zur deutschen Einheit dem überraschten Deutschen Bundestag und der Welt präsentiert, hätten diejenigen die Oberhand bekommen, die sich in Ost und West mit der deutschen Zweistaatlichkeit eingerichtet hatten.

          Politik wird in einer realen Umgebung mit einer unendlichen Zahl von Zwangspunkten gestaltet. In den Fragen des Tages genügt es oft, ihnen einfach zu folgen. Weichenstellungen zeichnen sich aber oft gerade dadurch aus, dass die Zwänge mit großem eigenem Risiko von einzelnen Persönlichkeiten aufgesprengt werden. Genau dafür werden politische Führer gewählt und bezahlt. Darauf muss hingewiesen werden, sonst wird die Lehre von der geradezu sich selbständig entwickelnden Geschichte zum Alibi für allerlei Anpasserei.

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          Selbst manche, die das vorher Gesagte im Prinzip teilen, werden dennoch einwenden, die Rolle Helmut Kohls müsse wegen seiner offensichtlichen Fehler in der Finanzierung seiner Partei anders gesehen oder zumindest anders dargestellt werden. Dem widerspreche ich. Als einer derjenigen, die ohne jede eigene Beteiligung damals politisch beinahe gescheitert wären, bin ich mir über die Tragweite der Handlungen und Ereignisse jener Jahre vielleicht noch bewusster als andere. Im Verhältnis zu den historischen Verdiensten Helmut Kohls taugen sie jedoch nicht zur Relativierung oder zur Reduzierung der Darstellung seiner Rolle in den Betrachtungen von heute und morgen. Er verlor den Ehrenvorsitz der CDU zwar zu Recht. Aber ich stelle selbstkritisch fest: Er hätte ihn nach einigen Jahren wieder verliehen bekommen müssen.

          Ohne direkte Bezugnahme auf Kohls Persönlichkeit ist die jüngere deutsche Geschichte nicht redlich zu erklären. Sein Lebenswerk der friedlichen Einheit Deutschlands und Europas ist ohne seine persönliche Geschichte nicht erklärbar. Wir sollten es auch nicht versuchen. Nicht nur aus Dankbarkeit, die der Anstand gebietet, sondern auch als Maßstab, damit die Zukunft gelingt.

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