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Hells Angels Weihnachten unter Engeln

Hunderte Rocker sind gekommen, sie trinken Glühwein, essen Schaschlik und hören Rockmusik. Ort des Geschehens: das Klubhaus der Hells Angels in Hannover. Der Gastgeber: Frank Hanebuth.

© dpa Bearbeitung F.A.S.-Grafik Vergrößern Frank Hanebuth

Es war ein kühler Dezemberabend, den letzten Peterwagen hatte ich vor Kilometern gesehen, mitten in der Stadt. Hier draußen gab es nur noch Grünzeug und Gewerbe. Am Straßenrand standen brennende Ölfässer. Um sie herum rote Teufel.

Sie behielten die Straße im Auge. Ihre Straße. Sie brauchten nichts weiter tun, als im Schein des Feuers zu stehen. Ihre Uniform, die Rockerkutte, verschaffte ihnen Respekt. „Red Devils“. Handlanger der Höllenengel. Das hier war nicht nur ihre Straße, das hier war ihre Welt. Und hinter ihnen, am Ende des Weges, befand sich das Klubgelände der Hells Angels von Hannover, das Zentrum ihrer, das Zentrum seiner Welt. Willkommen zur Weihnachtsfeier.

Frank Hanebuth stand vor dem Festzelt. Er schüttelte die Hände, die sich ihm entgegenstreckten. Ein Riese, gebaut wie ein Stier. Er hatte diesen Körper genutzt und geformt. Als Halbstarker war er Rausschmeißer gewesen, dann Schwergewichtsboxer. Vergangene Zeiten. Aber es war nicht diese Größe, diese Masse, die ihn heraushob. Woanders vielleicht, aber hier gab es viele Stiere. Es war auch nicht der Mongolenbart oder die mit geflügelten Totenköpfen aus Messing behangene Kutte. Es war seine Macht. Eine animalische Anziehungskraft.

Die Pranke zur Begrüßung

Er ging ins Zelt, und ich folgte ihm. An der Seite zogen sich Verkaufsstände entlang, für Bier, Rum, Zigaretten; auf den Tischen lagen Pullover, Jacken, Kalender, Boxhandschuhe. Alles mit den Zeichen der Rocker. Flammen, die Zahl 81. 8 für H, 1 für A, Hells Angels. Ein Fanshop.

Hanebuth wischte sich die schwarze Mütze vom Schädel und nahm einen Plastikstuhl. Er setzte sich mit dem Rücken zur Zeltwand, streckte die Beine aus. Ich nutzte diesen Moment, in dem er nicht von anderen Rockern umringt war, und ging auf ihn zu. Er reichte mir seine Pranke und zeigte auf den Stuhl neben sich. „Setz dich“, sagte er.

Hells Angels Abzeichen © dpa Bearbeitung F.A.S.-Grafik Vergrößern Das Abzeichen der Hells Angels Hannover

Er zeigte auf zwei missmutige Rocker, die sich ebenfalls an den Tisch gesetzt hatten. „Die sind auch aus Frankfurt.“ Hanebuth wusste, dass ich in seiner Welt auftauchen würde. Ich hatte seinen Anwalt - einen Mann mit eindrucksvollen Bekannten, darunter Gerhard Schröder und Carsten Maschmeyer, und ebenso eindrucksvollem Fuhrpark, darunter ein Bentley und eine AMG-G-Klasse - gefragt, ob ich zum Weihnachtsfest kommen könnte. Die Antwort: „Herr Hanebuth lässt Ihnen durch mich folgendes ausrichten: Sie können gern als Gast an der Weihnachtsfeier teilnehmen, müssen sich aber vorher bei Herrn Hanebuth anmelden.“ Einfach so sollte ich also nicht erscheinen. Obwohl ich es gekonnt hätte, zumindest laut der Polizei Hannover. Die hatte schon vor Jahren gesagt, auf die Feier der Höllenengel könne auch „Oma Puttlich“ gehen. Das sei schließlich eine öffentliche Veranstaltung. Aber Oma Puttlich kam nicht.

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Ein Mann brachte Gläser, eine Flasche Rum und Cola, stellte sie vor Hanebuth ab. Der schenkte ein, vier Finger breit Rum, vier Finger breit Cola. „Kalt, oder?“, fragte er in die Runde. „Irgendwie bin ich müde.“ Zu sehen war das nicht. Nach und nach setzten sich weitere Rocker an den runden Tisch. Nicht irgendwelche, sondern die Chefs der „Charter“ und andere Altgediente. Sie sprachen nicht viel. Alles Männer mit Lebenserfahrung, mit Einfluss, mit Bäuchen und grauem Haar. Sie waren gewohnt, dass man ihnen gehorchte, ihnen folgte, und sie trugen das Emblem der Hells Angels, den geflügelten Totenkopf, voller Stolz - und nicht nur auf ihren Westen. Auch Ringe, Ketten, Gürtelschnallen, selbst Tattoos im Gesicht schrien hinaus, wer sie waren.

Die Anhimmlung Hanebuths

Sie fragten nicht, wer ich war. Sie sahen, dass ich neben Hanebuth sitzen durfte. Das genügte. Die Männer, die uns bedienten, hießen „Prospects“, Anwärter. Sie luden Plastikteller mit Schaschlik, Salat und Fladenbrot auf dem Präsidententisch ab. Die Rocker griffen zu. Ich nicht. „Willst du wirklich nichts essen?“, fragte Hanebuth. „Nein, danke“, sagte ich. Mich hielt das dumpfe Gefühl zurück, nicht der zu sein, den die Prospects bedienen wollten. Jeder von ihnen sah aus, als ob er boxte oder Eisen pumpte.

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