Es war ein kühler Dezemberabend, den letzten Peterwagen hatte ich vor Kilometern gesehen, mitten in der Stadt. Hier draußen gab es nur noch Grünzeug und Gewerbe. Am Straßenrand standen brennende Ölfässer. Um sie herum rote Teufel.
Sie behielten die Straße im Auge. Ihre Straße. Sie brauchten nichts weiter tun, als im Schein des Feuers zu stehen. Ihre Uniform, die Rockerkutte, verschaffte ihnen Respekt. „Red Devils“. Handlanger der Höllenengel. Das hier war nicht nur ihre Straße, das hier war ihre Welt. Und hinter ihnen, am Ende des Weges, befand sich das Klubgelände der Hells Angels von Hannover, das Zentrum ihrer, das Zentrum seiner Welt. Willkommen zur Weihnachtsfeier.
Frank Hanebuth stand vor dem Festzelt. Er schüttelte die Hände, die sich ihm entgegenstreckten. Ein Riese, gebaut wie ein Stier. Er hatte diesen Körper genutzt und geformt. Als Halbstarker war er Rausschmeißer gewesen, dann Schwergewichtsboxer. Vergangene Zeiten. Aber es war nicht diese Größe, diese Masse, die ihn heraushob. Woanders vielleicht, aber hier gab es viele Stiere. Es war auch nicht der Mongolenbart oder die mit geflügelten Totenköpfen aus Messing behangene Kutte. Es war seine Macht. Eine animalische Anziehungskraft.
Die Pranke zur Begrüßung
Er ging ins Zelt, und ich folgte ihm. An der Seite zogen sich Verkaufsstände entlang, für Bier, Rum, Zigaretten; auf den Tischen lagen Pullover, Jacken, Kalender, Boxhandschuhe. Alles mit den Zeichen der Rocker. Flammen, die Zahl 81. 8 für H, 1 für A, Hells Angels. Ein Fanshop.
Hanebuth wischte sich die schwarze Mütze vom Schädel und nahm einen Plastikstuhl. Er setzte sich mit dem Rücken zur Zeltwand, streckte die Beine aus. Ich nutzte diesen Moment, in dem er nicht von anderen Rockern umringt war, und ging auf ihn zu. Er reichte mir seine Pranke und zeigte auf den Stuhl neben sich. „Setz dich“, sagte er.
Er zeigte auf zwei missmutige Rocker, die sich ebenfalls an den Tisch gesetzt hatten. „Die sind auch aus Frankfurt.“ Hanebuth wusste, dass ich in seiner Welt auftauchen würde. Ich hatte seinen Anwalt - einen Mann mit eindrucksvollen Bekannten, darunter Gerhard Schröder und Carsten Maschmeyer, und ebenso eindrucksvollem Fuhrpark, darunter ein Bentley und eine AMG-G-Klasse - gefragt, ob ich zum Weihnachtsfest kommen könnte. Die Antwort: „Herr Hanebuth lässt Ihnen durch mich folgendes ausrichten: Sie können gern als Gast an der Weihnachtsfeier teilnehmen, müssen sich aber vorher bei Herrn Hanebuth anmelden.“ Einfach so sollte ich also nicht erscheinen. Obwohl ich es gekonnt hätte, zumindest laut der Polizei Hannover. Die hatte schon vor Jahren gesagt, auf die Feier der Höllenengel könne auch „Oma Puttlich“ gehen. Das sei schließlich eine öffentliche Veranstaltung. Aber Oma Puttlich kam nicht.
Ein Mann brachte Gläser, eine Flasche Rum und Cola, stellte sie vor Hanebuth ab. Der schenkte ein, vier Finger breit Rum, vier Finger breit Cola. „Kalt, oder?“, fragte er in die Runde. „Irgendwie bin ich müde.“ Zu sehen war das nicht. Nach und nach setzten sich weitere Rocker an den runden Tisch. Nicht irgendwelche, sondern die Chefs der „Charter“ und andere Altgediente. Sie sprachen nicht viel. Alles Männer mit Lebenserfahrung, mit Einfluss, mit Bäuchen und grauem Haar. Sie waren gewohnt, dass man ihnen gehorchte, ihnen folgte, und sie trugen das Emblem der Hells Angels, den geflügelten Totenkopf, voller Stolz - und nicht nur auf ihren Westen. Auch Ringe, Ketten, Gürtelschnallen, selbst Tattoos im Gesicht schrien hinaus, wer sie waren.
Die Anhimmlung Hanebuths
Sie fragten nicht, wer ich war. Sie sahen, dass ich neben Hanebuth sitzen durfte. Das genügte. Die Männer, die uns bedienten, hießen „Prospects“, Anwärter. Sie luden Plastikteller mit Schaschlik, Salat und Fladenbrot auf dem Präsidententisch ab. Die Rocker griffen zu. Ich nicht. „Willst du wirklich nichts essen?“, fragte Hanebuth. „Nein, danke“, sagte ich. Mich hielt das dumpfe Gefühl zurück, nicht der zu sein, den die Prospects bedienen wollten. Jeder von ihnen sah aus, als ob er boxte oder Eisen pumpte.
Hanebuth hieb mir auf die Schulter, herzlich wie ein Harley-Starrrahmen. „Iss was“, sagte er. „Das ist gutes Fleisch, eine Woche eingelegt.“ Ich aß was. Immer wieder kamen Männer an unseren Tisch, beugten sich zu einem der Chefs herab, fragten leise, ob noch etwas benötigt werde. Sie brachten neue Gläser, neue Getränke, sie räumten die leeren Teller ab. Einer stand stets im Schatten Hanebuths, allein für ihn da.
Die Prospects leben dafür, irgendwann einmal Vollmitglied der Hells Angels zu sein: Member. Sie hatten für den reibungslosen Ablauf der Party zu sorgen. Sie mussten herbeischaffen, was immer nötig war, die Autos der Member einparken und alle Wünsche erfüllen, sollten sie noch so abwegig klingen. Zwei bis drei Jahre dauert die Probezeit. Aber es dauert schon eine Weile, Prospect zu werden. Vorher ist man „Hangaround“ und davor „Supporter“, Unterstützer. Die Hells Angels sind militärisch organisiert. Nach dem Essen drehte Hanebuth eine Runde über das Festgelände. Draußen liefen Männer aus ganz Deutschland herum. Auch Skandinavier waren gekommen, Luxemburger und Türken. Sicherlich weit mehr als tausend. Die meisten trugen Rockerkutten, nicht alle mit dem Logo der Hells Angels, sondern auch befreundeter Clubs und Unterstützerclubs wie die Red Devils. Die „Supporter“ trugen keine Kutten. Sie gehören nicht zu den Hells Angels, sie himmeln sie an: junge Männer mit geschorenen Schädeln und Muskelhaufen, viele Kampfsportler darunter. In jedem Gangsterrapvideo hätten sie eine gute Figur gemacht. Ihre Gang: „Support 81“.
Flammen im Himmel
Rocker wärmten sich am Ölfassfeuer, aßen Fischbrötchen, tranken Glühwein und ließen sich von der Musik der Coverrockbands beschallen. Hanebuth lief durch einen Torbogen, auf dem „Angels Place“ stand, und setzte sich auf eine Bierbank. Er saß ganz am Rande, in einer Ecke - und doch war er omnipräsent. Über den Köpfen spannte sich ein Banner, zwanzig Meter lang, in helles Licht getaucht. In der Mitte ein Rocker mit Sonnenbrille, Mongolenbart und Kutte auf einer Harley. Unverkennbar Hanebuth. Dahinter eine Phalanx von Bikern mit dämonischen Fratzen. Flammen steigen in den Himmel.
Früher war dieses Gelände eine heruntergekommene Autowerkstatt. Und ganz früher eine Ziegelei. Der Schlot ragt immer noch in den Himmel. Als Hanebuth noch jünger war, mittlerweile geht er auf die fünfzig zu, waren sie den Schornstein hochgeklettert, als Mutprobe. Aus der Werkstatt hatten Hanebuth und seine Männer vor siebzehn Jahren ihr Klubhaus gemacht. Sie haben alles neu gemacht, eigenhändig, viele der Jungs, sagt Hanebuth, sind Handwerker. Damals hießen sie noch „Bones“, hatten die Knochenhand auf dem Rücken getragen. 1999 waren die Knochen zu Höllenengeln geworden. Seither ist Hanebuth führendes Mitglied eines internationalen Konzerns.
Im Zelt waren inzwischen neue Rocker an den Tisch gekommen. Als Hanebuth zurückkam, wurde ihm sofort Platz gemacht. „Ich habe Sodbrennen. Hast du was da?“, fragte Hanebuth seinen „Sergeant“. Der sagte: „Ich frag mal die Jungs“ und lief los. Einige Minuten dauerte es, dann kam er zurück, warf seinem Präsidenten eine Pillendose zu. „Wie viele muss ich nehmen?“ - „Eine.“ Der dicke Rocker neben ihm, größer noch als Hanebuth, sagte: „Gib mir auch mal eine.“
Blond, jung, schön
Eine Frau betrat das Zelt und schwebte auf Hanebuth zu. Blond, jung, schön. „Schatzi“, rief Hanebuth, gab ihr ein Küsschen. Hanebuths Freundin. Sie drehte nach der Begrüßung ihre eigenen Runden, eine Gefährtin im Schlepptau. Wo immer sie ging und stand, wurde ihr Platz gemacht. Eine Wache begleitete sie.
Als ich an den Tisch zurückkam, war ein Stuhl frei. Nicht mehr neben Hanebuth, sondern gegenüber. Ich überlegte, ob ich mich dort hinsetzen durfte, und entschied: Es wird schon nichts passieren. Auf der Kutte des grauen Rockers neben mir stand „President Bonn“. Er beugte sich zu mir und fragte: „Was bist denn du für ein Rocker?“ Meine Antwort, ich komm von der Zeitung, gefiel ihm nicht. „Dann such dir einen anderen Tisch“, sagte er. Hanebuth hatte das beobachtet. „Lass mal“, sagte er. „Der darf hier sitzen. Stellt euch doch mal vor.“ Auf den fragenden Blick des Bonners reagierte Hanebuth mit Grinsen und Schulterzucken. „Nichts für ungut“, sagte der Bonner zu mir. Reden wollte er trotzdem nicht.
Ein anderer „president“, aus dem Norden, quittierte meine Anwesenheit mit einem lapidaren „Ich bin nicht da“. Damit waren die Fronten geklärt. Später trank er mit Hanebuth südafrikanischen Rotwein aus dem Promiladen Sansibar Sylt. Die Flasche hatte Hanebuth aus einer Präsent-Schatzkiste gezogen. Für Korkenzieher und Weingläser hatten Prospects gesorgt, wie Zauberer.
Immer mehr Männer betraten das Zelt. Viele stammten aus Berlin. Wie auf Kommando drängten sie sich hinein, als sei draußen eine Absperrung zur Seite geschoben worden. Es war Zeit für die Audienz. Hanebuth erhob sich, grüßte jeden einzeln, schüttelte Hände, klopfte Schultern. Danach verließen die Männer wieder das Zelt, alles verlief sich. Irgendjemand im Gedränge hinter mir zwickte mich in die Taille, ganz zart, wie man es bei einem Kind tut. Ich drehte mich um. Es war Hanebuth. Er war schon wieder unterwegs, zurück zu seinem Platz.
Die echten Hells
Am Tisch scherzte er: „Mich haben sie ja in frühzeitigen Ruhestand versetzt. Hartz V. Fünf Mille im Monat.“ Die Rocker prusteten. Das Jahr war für Hanebuth, den „König des Steintorviertels“ in Hannover, nicht gut gelaufen. Die Polizei hatte Razzien in seinen Läden durchgeführt, der Präsident der Zentralen Polizeidirektion in Hannover war ins Landwirtschaftsministerium abkommandiert worden, weil er in Hanebuths Bar Bier getrunken hatte, ein anderer hochrangiger Polizist hatte der Bevölkerung abgeraten, ins Steintorviertel zu gehen. Hanebuths Schäferhunde waren aus seiner privaten Festung ausgebrochen und hatten fünf Menschen verletzt; die Polizei erschoss die Tiere. Im November hatte Hanebuth wegen der „ungerechtfertigten Hetzkampagne“ durch „ahnungslose Journalisten und zahlreiche Politiker“ seinen Rückzug als „Sicherheitskoordinator“ im Steintorviertel verkündet. Seine Bordelle aber behielt er.
Nach einem weiteren Glas Wein lief Hanebuth zum Klubhaus und stieg auf das Podest, wo eine verwaiste Stripteasestange aufragte. Die Männer drängten durch die Tür, neben der ein altes Filmplakat hing. „Die wilden Schläger von San Francisco“ mit Jack Nicholson. „Die wahre, brutale und erbarmungslose Geschichte der ,echten Hells Angels’. Sie lieben nur sich selbst und ihre donnernden Maschinen.“
Affa - Angels forever, forever Angels
Wer nicht mehr in den Raum passte, starrte auf eine Leinwand im Hof, die das Geschehen auf der Bühne übertrug. Dort wippte Hanebuth im Takt der Beats und brüllte ins Mikrofon. „Affa“. Angels forever - forever Angels. „Affa“ kam es aus Hunderten Kehlen zurück. Hanebuth ehrte die Männer, die fünf und zehn Jahre Hells-Angels-Member waren. Er rief zwei Prospects auf die Bühne, die an diesem Abend zu Membern wurden - keine Hannoveraner, sondern Rheinländer.
Dann war es Zeit für die traditionelle Weihnachtsansprache des Präsidenten. Hanebuth ließ das Jahr Revue passieren. Das schwerste Jahr seit Bestehen sei es in Hannover gewesen. Eine Hetzkampagne der Medien und der Politik hätten sie aushalten müssen. Aber sie würden „keinen Zentimeter weichen“. Er und die anderen Hells Angels würden für ihre Jungs einstehen. Unverwüstlich. Die Hells Angels würden wachsen, „egal ob es der Obrigkeit passt oder nicht“.
Vor mir nickte einer, sagte zu den Männern um sich herum: „So ist es. Genauso ist es. Hört da gut zu.“ Das taten sie. Sie hingen an den Lippen Hanebuths, sogen seine Worte in sich auf. Der Präsident sprach von Respekt, von Prinzipien und von Eiern. Das sei es, was einen Höllenengel ausmache. Am Ende schrie er wieder „Affa“, noch lauter kam es dieses Mal zurück. Bald darauf verabschiedete ich mich von Hanebuth. An der Straße brannten noch immer Feuer, standen noch immer Teufel.
Stärke zeigen, Ordnung schaffen ...
Ingo Schultze-Schnabl (isschnabl)
- 26.12.2011, 18:35 Uhr
Liebe Mitforisten
Ivo Gömöry (heymanheyman)
- 26.12.2011, 13:35 Uhr
Deja vu
Ingo Schultze-Schnabl (isschnabl)
- 26.12.2011, 10:43 Uhr
Hochnotpeinlich,
Cornelia Franke (LaraKhan)
- 25.12.2011, 23:04 Uhr
Alle Macht geht vom Staate aus!
Andrea Anders (PetraMeyer)
- 25.12.2011, 22:41 Uhr