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Veröffentlicht: 28.06.2012, 16:25 Uhr

„Hells Angels“ Keep on rockin’ oder Ende vom Lied?

Das Kapitel Hannover der „Hells Angels“ hat sich aufgelöst. „Kein Trick“ sei das, beteuern die Rocker. Andere vermuten lediglich ein taktisches Manöver.

von , Hannover
© ddp Ein bisschen Frieden: Frank Hanebuth (links) 2010 mit Peter Maczollek (rechts), dem Vizepräsidenten der Bandidos in Europa - in der Mitte der Rechtsanwalt Götz von Fromberg

Kürzer hätte die Pressemitteilung nicht sein können: „Mit dem heutigen Datum, 27.06.2012, hat sich der H.A.M.C. Hannover aufgelöst! Pr-Team 81“. Um 21.28 Uhr wurde der Text am Mittwoch auf die Internetseite „ride-free“ gestellt, die seit dreizehn Jahren aus der Welt der Rocker berichtet und ihren Jahresrückblick auch mal gerne mit Sätzen beendet wie „Also benehmt euch. Und immer das Glas brav austrinken. Support the Kulture“.

Auch die Schilder am Clubheim der Hells Angels in der Badenstedter Straße in Linden sind abgeschraubt - auf der Internetseite des hannoverschen Kapitels der Hells Angels steht nur noch „not available“. Es hat einen halben Tag gedauert, bis das in der Welt der Nicht-Rocker in seiner Tragweite erkannt wurde. Das wohl mächtigste europäische Kapitel der mächtigsten Rockerbande der Welt, Hannover unter Leitung von Frank Hanebuth, hat sich selbst aufgelöst. Damit will das Kapitel vermutlich einem Verbot und damit auch der Einziehung des Vereinsvermögens zuvorkommen. Ein solches Verbot hat erst vor wenigen Tagen der niedersächsische Landtag einstimmig vom Innenminister gefordert unter Bezug auf beständige Hinweise, welche die Motorradgangs mit der Organisierten Kriminalität, mit Rauschgift, Schutzgeld und Waffenhandel, mit Erpressung, Menschenhandel und Zwangsprostitution in Verbindung bringen. Schon im vergangenen September hat die niedersächsische SPD ein Verbot beantragt. Damals hielt Innenminister Uwe Schünemann (CDU), sonst ein Freund entschiedenen Durchgreifens, das für verfrüht.

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Verlässliche Informationen über Strukturen und Abläufe der Rocker sind rar. Auch nach „Rockerkriegen“, Schlägereien und Morden herrscht weiter das Schweigen. Seit ihrer Gründung im JAhr 1948 durch Liebhaber von Harley-Davidson-Motorrädern in Kalifornien halten sich die Mitglieder mit dem geflügelten Totenkopf an der Jacke an die straffe Disziplin. Wer anderen etwas Internes verrät oder mit der Polizei spricht, begibt sich in Gefahr. So wird ein Berliner Gastwirt und Rocker, der zu Monatsbeginn angeschossen wurde - angeblich ein Vertrauter Hanebuths -, von der Polizei bewacht, nachdem er am Mittwoch aus der Berliner Klinik entlassen wurde. Und ein in Kiel mittlerweile verurteilter Rocker, der behauptete, Hanebuth sei in viele, wenn nicht alle wichtigen Entscheidungen der Rocker eingebunden, wurde im Gerichtssaal von einem Zuhörer in Kutte bedroht.

Der Rückzug der hannoverschen Höllenengel kam in Etappen: Einen „Friedensschluss“ zwischen den zwei rivalisierenden Rockergruppen Hells Angels und Bandidos, vor zwei Jahren spektakulär inszeniert vom Anwalt und Freund Hanebuths, Götz von Fromberg, in dessen Kanzlei taten viele als Augenwischerei ab. Dann zogen sich die Hells Angels Ende vergangenen Jahres zurück als Türwächter am Steintorviertel, dem Rotlichtviertel Hannovers. Wer dort die Türen kontrolliere, sagten Kritiker, kontrolliere auch, wer Rauschgift in die Diskotheken und Clubs bringe und damit verdiene. Vorwürfe auch gegen den 47 Jahre alten Hanebuth häuften sich. Der Angeklagte im Prozess in Kiel warf Hanebuth vor, in die Ermordung eines Abtrünnigen irgendwie verwickelt zu sein, was dieser bestreitet. Die Polizei in Kiel will in den nächsten Tagen ihre Suche nach der Leiche, die angeblich in einem Fußboden einbetoniert sein soll, verstärken. Eine großangelegte Durchsuchung der Polizei vor allem in Kiel bezog das Anwesen Hanebuths nördlich von Hannover mit ein - vermummte Sondereinsatzkräfte seilten sich vom Hubschrauber aus auf das Hanebuth-Gelände ab. Ob im Mai beschlagnahmte Unterlagen Brisantes enthielten, ist nicht bekannt. Hanebuth sprach von einer „ungerechtfertigten Hetzkampagne“ durch Politiker und „ahnungslose Journalisten“.

Bedrängt werden die „Hells Angels“ durch ein konzertiertes Vorgehen in anderen Bundesländern. In Baden-Württemberg etwa hatte der Innenminister schon im vorigen Jahr drei Gruppen verboten, zudem gab es Verbote in Flensburg, Berlin, Frankfurt, Kiel, Köln. Bei einer Debatte im Landtag in Stuttgart nannte ein SPD-Abgeordneter die Banden „Kriminelle übelster Sorte“, ein Grüner sagte, die Zeit für Romantik vorbei. In Potsdam und Berlin durchsuchte die Polizei Wohnungen und ein früheres Vereinshaus und fand Waffen und Rauschgift - sechs Beschuldigte sollen Rauschgift „in großem Stil“ verkauft haben.

Der hannoversche Polizeipräsidenten Axel Brockmann befindet nach der Selbstauflösung des Kapitels der „Hells Angels“ in seiner Stadt, Hannover werde „sehr gut ohne sie auskommen“. Die Selbstauflösung sei aber kein Anlass zur Entwarnung, befindet die hannoversche Polizei. Sie werde weiterhin genau beobachten, ob sich Nachfolgegruppen bilden oder einzelne Mitglieder sich anderen Banden anschließen. Der stellvertretende Vorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamte, Bernd Carstensen, sagt, die Selbstauflösung in Hannover beruhe „sicher“ auf taktischen Erwägungen und rechtsanwaltlicher Beratung. Ermittlungsverfahren würden deshalb aber nicht eingestellt; der Staat müsse handlungsfähig bleiben im Kampf gegen das Verbrechen.

Der hannoversche Oberbürgermeister Weil (SPD) lobt die „konsequente Vorgehensweise“ der Polizeidirektion - Hells Angels hätten sich im Steintor-Viertel zeitweise in einer Art und Weise als Ordnungsmacht geriert, die „nicht akzeptabel“ gewesen sei. Polizeipräsident Brockmann gibt an, die Auflösung habe die Polizei überrascht. Erfreulich sei, dass „diese martialischen, bedrohlichen Zeichen“ nun der Vergangenheit angehörten - das könnte die Bereitschaft von Zeugen zur Zusammenarbeit mit der Polizei erhöhen. Die Gefahr, auch der Gründung einer Nachfolgeorganisation, aber sei nicht gebannt. Hanebuth hält dem am Donnerstag entgegen, die Schließung sei „kein Trick, der wird nicht wieder eröffnet in ein paar Monaten.“

Quelle: F.A.Z.

 

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