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Heiligendamm vor dem G-8-Gipfel Das herrliche Seebad - ein Monolog

11.05.2007 ·  Aufgezeichnet von Frank Pergande mit Ölgemälden von Hinnerk Bodendieck

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Nein, Polly, du bleibst jetzt hier. Wir gehen nicht auf die Jagd. Keine Angst, der tut nichts. Ein Dackel mit Stammbaum. Guter Jagdhund. Polly von Wolfbruch. Auf Schwarzwild geht er richtig scharf.

Ich bin mit meinen 78 Jahren nicht mehr so gut zu Fuß. Eine Kriegsverletzung und vor ein paar Monaten eine Operation. Aber zur Jagd gehe ich, klar. Oder besser gesagt: Ich fahre. Mit meinem Lada Niva. Ein russischer Geländewagen, preiswerter als die anderen und genauso gut.

Ein Ort ohne Markt und Mittelpunkt

Wissen Sie, Heiligendamm ist ja gar kein richtiger Ort. Ein richtiger Ort hat einen Markt, eine Kirche, irgendwie einen Mittelpunkt. Wir haben hier das Seebad, das älteste in Deutschland, 1793 gegründet, und zwar schon damals als Ortsteil von Bad Doberan. Lauter historische Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert haben wir hier. War mal sehr mondän, das Seebad. Mit hochherrschaftlichen Gästen. So soll es wieder werden. Und beim Gipfeltreffen der G 8 wird es ja auch schon so.

Privathäuser gibt es in Heiligendamm nur ein paar. In der Gartenstraße und an der Hauptstraße in Richtung Kühlungsborn. Mehr braucht es nicht für uns 480 Einwohner. Ich bin gebürtiger Berliner. Meine Frau Traude habe ich in Heiligendamm kennengelernt, auf dem Schießplatz. Beim Wurftaubenschießen. Ich war nämlich jahrelang Sportschütze und später Trainer, auch für die DDR-Nationalmannschaft. Wir hatten viele internationale Wettkämpfe. Damals vor allem natürlich in den Ostblockländern.

Schützen und Jäger

Den ersten Schießplatz in Heiligendamm gab es schon vor 150 Jahren. Der Schützenverein heute hat 110 Mitglieder. Ich bin das einzige Mitglied aus Heiligendamm selbst. Ein paar deutsche Meister haben wir in unseren Reihen, Landesmeister sowieso. Für Olympia hat es aber nie gereicht.

1964 gab es jedenfalls während der Ostseewoche, wie das damals hieß, einen großen Wettkampf in Heiligendamm. Traude war Sekretärin im Organisationskomitee. So lernten wir uns kennen. Zwei Jahre später wurde geheiratet. Ich zog an die Küste. Erst wohnten wir ziemlich beengt in Kühlungsborn. Als wir nach Heiligendamm zogen, war unser Haus ziemlich das einzige in der Straße. In den alten Villen da hinten, wo die Gartenstraße einen Bogen macht, waren Wohnungen. Heute stehen sie fast alle leer.

Auf der rechten Seite war der Kindergarten, links eine Sporthalle. Die Sporthalle gehörte zur Physiotherapie für das Kurheim. In Heiligendamm wurden in der DDR-Zeit Krankheiten der oberen Luftwege behandelt. Wegen der Seeluft. Aber auch Erkrankungen des Kreislaufs und der Haut. Meine Frau hat erst in der Fachschule für Angewandte Kunst als Sekretärin gearbeitet, dann im Sanatorium.

Alles gehört Anno August Jagdfeld

In der Fachschule waren viele verrückte junge Leute beisammen, Künstler eben. Grafiker, Innenarchitekten, Schmuckgestalter und so wurden da ausgebildet. Gleich nach dem Krieg war die Schule gegründet worden. Die Seifenkistenrennen der Studenten galten als legendär. Damit ist es vorbei.

2000 zog die Schule nach Wismar. Am Haus steht der alte Name noch dran. Jetzt sitzt dort die ECH. Das heißt Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm. Die gehört Anno August Jagdfeld. Eigentlich gehört hier alles Anno August Jagdfeld, all diese alten Villen aus dem 19. Jahrhundert. Genauer gesagt, gehören sie der Fundus-Gruppe. Die handelt mit Immobilien. Das Adlon in Berlin gehört dazu. Und eben Heiligendamm.

Die beiden Villen hier heißen Haus „Eikboom“ und Haus „Adlon“. Früher haben da Ärzte gewohnt. Der Direktor vom Sanatorium lebte in einer der Villen. Aber das verfällt jetzt hier alles. Ein Stück dahinter erstreckt sich mein Jagdgebiet. Da in der Wiese stehen viele Schweine, sage ich Ihnen. Davor sehen Sie jetzt ein Stück von dem berühmten Zaun, der während des G-8-Gipfels Heiligendamm umschließen soll. Fünfzehn Kilometer lang! Heißt offiziell technische Sperranlage. Gewaltig, was?

Der Zaun

Der Zaun fängt an der Jemnitzschleuse an, die nur so heißt und eigentlich ein Wehr ist. Gerade wurde das Wehr erneuert – technisch war das sehr interessant, ich habe da gern zugeschaut.

Polizei steht schon seit Wochen am Zaun. Wenn ich rausfahre in mein Jagdgebiet, musste ich schon ein paar Mal meinen Jagdschein vorweisen. Wenn der Gipfel ist, kommt an dieser Stelle niemand mehr durch. Für uns Bewohner gibt es nur zwei Aus- und Eingänge in Richtung Süden, nach Bad Doberan und nach Hinter Bollhagen.

Die Sache mit den Sicherheitsleuten

In der DDR-Zeit war ich sogar Jagdleiter. Ich habe eine Waffenkammer bei mir zu Hause. Ich war nicht in der Partei, aber vertrauenswürdig – als Nationalmannschaftsleiter bei den Jagdsportschützen. Wenn der Gipfel hier ist und es passiert ein Wildunfall, soll ich mich darum kümmern, hat man mir gesagt. Ein Gewehr darf ich mitnehmen und eine Kurzwaffe. Aber ich soll um Gottes willen alles gleich wieder wegschließen.

So war es auch schon im vergangenen Jahr, als George W. Bush hier zwei Tage gewohnt hat. Bei seinem Besuch in Stralsund und der Grillparty in Trinwillershagen. Da gab es zwar keinen Wildunfall, aber etwas Komisches ist mir passiert: In der Gartenstraße tauchte ein Wohnmobil auf. Sah ziemlich verwahrlost aus. Da wohnten zwei drin, die sahen genauso merkwürdig aus. Ich rufe also die Polizei an. Na, da waren es zwei von den Sicherheitsleuten.

Über den Zaun denken die Leute in Heiligendamm sehr unterschiedlich, das muss man sagen. Einmal traf ich einen, der früher eine hohe Funktion bei der Partei hatte, also der SED. Der sagte: „Die haben alle nur Dreck am Stecken und müssen sich deshalb vor den Leuten verstecken.“ Ich habe ihm geantwortet: „Erich Honecker in Wandlitz hatte auch einen großen Zaun drum herum. Hat der auch so viel Dreck am Stecken gehabt?“ Da hat er nichts mehr gesagt.

Villa an Villa: Die Perlenkette

Aber lassen wir mal den Zaun. Das hier ist die Perlenkette. So heißen die Villen entlang der Doktor-Vogel-Straße. Vogel war der Leibarzt vom Herzog. Er war es eigentlich, der damals das Seebad gegründet hat. Genannt wird immer nur der Herzog Friedrich Franz. Auch auf dem großen Findling mit der Inschrift, auf den Sie am Ende der Perlenkette treffen, zwischen Hotel und Seepromenade. Der Stein stand da schon immer. Auch zu DDR-Zeiten. Jetzt sollte er ein paar Meter verschoben werden. Zum Glück hat man davon Abstand genommen. Die Älteren unter uns wussten, dass Herzog ein adliger Titel ist. Die Schüler aber konnten nichts damit anfangen. Herrschaftliche Schichten standen nicht im Lehrplan drin, höchstens als Bourgeoisie.

Die Perlenkette gehörte auch zum Sanatorium. Nur hier das Haus „Bischofsstab“, früher „Fritz Reuter“, war Hotel. Gehörte zum DDR-Reisebüro. Es gab daneben noch ein zweites. Das hieß „Max Planck“. Das Haus steht auch noch. In den Kolonnaden da, dem Bau mit den Säulen davor, waren oben Wohnungen. Unten gab es einen Milch- und einen Buchladen, ein Geschäft für Stoffe und Kleidung und das Schwanen-Café. Das Café war da noch bis Anfang des Jahres. Da zog der Wirt aus. Bernd Walter heißt er. Anno August Jagdfeld wird ihn gut entschädigt haben. Die erste Villa in der Reihe war die Villa „Perle“, in der DDR-Zeit „Maxim Gorki“.

Abgerissen: Die Villa „Perle“

Villa „Perle“ wurde wegen des Gipfels abgerissen. Da soll die Tribüne für die Journalisten stehen. Die Villa war baufällig. Anno August Jagdfeld will sie originalgetreu wieder aufbauen. Ob das wirklich passiert? Fragen Sie mal Hannes Meyer. Der hat seine Zweifel. Er ist Architekt und Vorsitzender der Bürgerinitiative „Pro Heiligendamm“. Mit Jagdfeld streitet er sich dauernd herum. Er meint sogar, Jagdfeld sei laut Vertrag nicht einmal verpflichtet, Villa „Perle“ wieder aufzubauen. Nach dem Gipfel sollen noch zwei weitere Villen abgerissen werden.

Ja, es gibt manchen Streit. Zum Beispiel beim Stichweg über das Hotelgelände hin zur Seebrücke. Den wollte das Kempinski-Hotel nicht. Aus propagandistischen Gründen haben sie mit rot-weißen Pfählen den Weg so markiert, dass jeder einsehen sollte: Das geht so nicht, das ist eine Belästigung der Hotelgäste. Na ja, man hätte den Weg auch anders führen können, an den Kolonnaden entlang. Aber inzwischen haben die Stadtvertreter in Bad Doberan zugestimmt, den Weg zu entwidmen und dem Hotel zu geben. Man kommt schon jetzt nicht mehr so ohne weiteres durch.

Streit über Grundstücke

Auch über den Kleinen Wohld gibt es Streit. Das ist das Küstenwäldchen westlich vom Seebad. Da liegt das Alexandrinen-Cottage. Anno August Jagdfeld will es für sich privat restaurieren. Deswegen wurde der Küstenweg gesperrt. Und der Wald, der zur Forstwirtschaft gehört, soll Jagdfeld auch übereignet werden. Jagdfeld wiederum hat dafür am Strand einen Steg gebaut. Der ist jetzt Teil eines europäischen Küstenwanderweges. Es wird so getan, als hätte es den schon immer gegeben. Aber das ist Quatsch.

Ich war für die SPD Stadtverordneter, sogar eine Zeitlang Fraktionsvorsitzender. Wir haben uns damals für Anno August Jagdfeld eingesetzt und ihm viele Steine aus dem Weg geräumt. Ich kenne ihn sehr gut. Er hatte uns Stadtvertreter auch schon mal in das Hotel eingeladen. 25 Leute. Da wurde uns dann ein Modell des künftigen Heiligendamm gezeigt. Der Abend muss Tausende gekostet haben. Wir haben es so gelegt, dass dann keine Abstimmung war. Das wäre denn doch zu doll gewesen.

Und immer wieder Ärger mit Jagdfeld

Anno August Jagdfeld ist trotz allem gut für Heiligendamm. Sehen Sie nur mal das Hotel. Ein herrlicher Anblick! Ist eine feine Sache geworden. Wie sahen die Häuser aus in der DDR-Zeit! Das schöne Kurhaus erkannte man gar nicht mehr als solches. Unser Sponsor vom Sportschützenverein lädt einmal im Jahr dorthin ein. Einmal durfte ich mit, als unser Präsident krank war. Ich bin nämlich erster Vizepräsident. Das Essen allein kostet 65 Euro pro Person. Und die Zigarre 25 Euro. Eine Zigarre! Du meine Güte. Allein die Anzünderei mit der Gasflamme war schon eine Sensation. Immer wieder wedeln, dann endlich wurde sie kredenzt. Na, ich rauche nicht. Einmal war ich auch privat im Kempinski, in der kleinen Baltic-Bar. Zum Eisessen. Zehn Euro. Ist schon teuer. Aber das Eis hat wirklich geschmeckt! Herrlich! Das mit dem Bezahlen war ganz kompliziert. Und mit dem Trinkgeld. Ich musste mich erst einmal bei der Kellnerin erkundigen, wie das funktioniert mit dem Trinkgeld.

Mich ärgert nur, dass von der ECH immerzu neue Forderungen kommen. Es kann doch nicht sein, dass ich hier ein Stück nach dem anderen für Anno August Jagdfeld abzwacke, wenn er sagt: Das brauche ich noch, und das brauche ich noch. Solche Planung hätte längst gemacht sein müssen. Ich habe den Stadtvertretern gesagt: Dem könnt ihr nicht immerzu zustimmen. Nicht der Entwidmung der Doktor-Vogel-Straße und nicht der Geschichte mit dem Kleinen Wohld. Soll Anno August Jagdfeld doch erst einmal die Villen wiederherstellen, die ihm seit Jahren gehören. Dann lässt sich über die nächsten Schritte reden. Aber wenn ich alles aus der Hand gebe, dann habe ich auch keine Mittel mehr, eigene Forderungen durchzusetzen.

Leere Versprechen

Wir haben Jagdfeld Ackerland verkauft, das er zu Bauland gemacht hat. 150 sogenannte Stadtvillen sollten dort entstehen. Bis heute gibt es keine. Und mit dem Golfplatz wird es wohl auch nichts mehr. Sie nehmen jetzt den in Wittenbeck. Das ist ein Dorf gleich um die Ecke. Dort gibt es 18 Löcher. Jetzt wird er auf 27 ausgebaut. Ich denke, Anno August Jagdfeld hätte auch mehr die Einheimischen einbeziehen sollen. Viele Baufirmen haben Aufträge von ihm bekommen, klar. Aber er hätte den Einheimischen auch Planungsarbeiten geben sollen, dem Herrn Meyer etwa.

Ich bin von Beruf Feinmechaniker und habe später noch meinen Ingenieur für Kraftwerksanlagen gemacht. Ich war erst auf der Warnow-Werft in Rostock und später im Wohnungsbaukombinat. Nach der Wende habe ich noch in einem Architektenbüro mitgearbeitet. Das war so ein Erbe aus dem Kombinat. Wir haben auch Hotels geplant, in Rostock zum Beispiel.

Ich kann verstehen, dass das Grand Hotel von Architekten gebaut werden sollte, die so etwas vorher schon mal gemacht haben. Aber all die vielen Nebenbauten. Da muss es nicht unbedingt ein Architekt aus New York sein. Aber wir können es nicht ändern. Es ist eben so.

Noch einmal gutgegangen

Passen Sie auf, wenn Sie jetzt wieder in die Gartenstraße einbiegen. Hier fährt der Molli, unsere Schmalspurbahn. Molli dampft zwischen Bad Doberan und Kühlungsborn hin und her. Wir hier in Heiligendamm sind die Streckenmitte.

Da vorn ist gleich der Bahnhof, auch ein historisches Gebäude. Vor drei Jahren bin ich, als ich in die Gartenstraße abbiegen wollte, gegen die Dampflok gefahren. Mein Lada wurde gegen den Baum da geschleudert. Das Auto war hin. Dem Dackel ist nichts passiert. Auch nicht der Lok. Ich bin erst im Krankenwagen wieder zu mir gekommen. Na, ist ja noch mal gutgegangen.

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