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Bilanz aus Bonn : Hat Deutschland die Klimakonferenz „vermasselt“?

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Kohlekraftwerk in Gelsenkirchen: Der Ausstieg von 20 Ländern aus der Kohleenergie war einer der wichtigsten Beschlüsse der Bonner Weltklimakonferenz im November 2017. Bild: AP

Nach der Weltklimakonferenz in Bonn zieht Bundesumweltministerin Hendricks eine positive Bilanz. Kritiker hingegen zeigen sich enttäuscht über die Verhandlungen.

          Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) hat eine insgesamt positive Bilanz der Weltklimakonferenz gezogen. „Wir haben einen neuen Geist erlebt“, sagte sie am Freitag in Bonn. Immer mehr Entwicklungsländer, Regionen und Städte wollten sich am Klimaschutz beteiligen. Nord und Süd und Arm und Reich arbeiteten enger zusammen. Umweltorganisationen zeigten sich dagegen teilweise enttäuscht.

          Ausdrücklich würdigte Hendricks die „konstruktive“ Rolle Chinas. Zu der von über zwanzig Staaten vereinbarten Allianz für den Kohleausstieg sagte Hendricks, man müsse aufpassen, dass die Atomenergie nicht wieder als klimaverträgliche Energie aufgewertet werde. Mit Blick auf die neue Bundesregierung sagte die SPD-Politikerin, sie glaube nicht, dass Deutschland bis 2030 komplett aus der Kohle aussteigen werde. Die neue Koalition werde vermutlich einen Pfad zum langsamen Ausstieg skizzieren.

          Scharfe Kritik kam von Grünen und Linken. Die Klima-Expertin der Grünen-Bundestagsfraktion, Annalena Baerbock, sagte: „Auf der Klimakonferenz in Bonn hat der Gastgeber Deutschland höchstens mit Lust- und Verantwortungslosigkeit beim Klimaschutz geglänzt.“ Ihr Kollege von den Linken, Lorenz Gösta Beutin, warf der Bundesregierung vor, den Gipfel „vermasselt“ zu haben.

          Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth wies das zurück. Alle Staaten hätten ihre Sichtweisen, wie die Klimaziele des Pariser Klima-Abkommens erreicht werden könnten, in einem Regelbuch zu Papier gebracht. Allerdings seien die Vorschläge teilweise widersprüchlich.

          Greenpeace beklagt zögerliches Handeln

          Das katholische Hilfswerk Misereor zog eine gemischte Bilanz. Positiv hob Klima-Expertin Kathrin Schroeder in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) etwa das Arbeitsprogramm zur Landwirtschaft hervor. Kritisch äußerte sie sich dagegen mit Blick auf die finanzielle Unterstützung von Entwicklungsländern bei Anpassungsmaßnahmen und der Bewältigung der eingetretenen Schäden.

          Der Vizedirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer, sprach im Deutschlandfunk von einer diplomatisch erfolgreichen Konferenz. Die Staaten hätten sich auf die wichtigsten Ausführungsbestimmungen des Pariser Klima-Abkommens geeinigt. Wenn man den Gipfel allerdings an den globalen Herausforderungen messe, zeige sich, dass die Verringerung des CO2-Ausstoßes zu langsam verlaufe.

          Greenpeace und attac sprachen von verpassten Chancen und beklagten einen fehlenden Mut der Staaten, das Pariser Abkommen schnell mit Leben zu füllen. Die Bundesregierung habe die Chance verstreichen lassen, ein deutliches Zeichen für mehr Klimaschutz zu setzen. Deutschland habe seine einstmalige Vorreiterrolle bei der Energiewende längst verloren und sei zum Bremsklotz geworden. Ähnlich äußerte sich Germanwatch.

          Schwammige Regelung für Überprüfung der Klimaschutzpläne

          Der Naturschutzbund NABU sprach mit Blick auf das Regelwerk zum Klima-Abkommen von einer gelungenen Konferenz und würdigte, ebenso wie Oxfam, den sogenannten Talanoa-Dialog. Dieser soll bis 2018 dazu beitragen, dass die Staaten ihre Anstrengungen verstärken, um den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen.

          Die Hilfsorganisation Care sprach von guten Fortschritten in einigen Bereichen wie Landwirtschaft und Geschlechtergerechtigkeit. Anhaltende Spannungen zwischen Entwicklungs- und Industrieländern zeigten aber, dass der „globale Klimavertrag deutlich stärkere Führung und politischen Willen benötigt“. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) kritisierte, die Regeln für die Überprüfung der nationalen Klimaschutzpläne seien sehr schwammig.

          An der Konferenz hatten 25.000 Delegierte aus 197 Nationen unter der Präsidentschaft der Republik Fidschi teilgenommen. Das nächste Treffen findet im Herbst 2018 im polnischen Kattowitz statt.

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