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Hans-Dietrich Genscher ist tot : Außenminister der Einheit

  • -Aktualisiert am

Hans-Dietrich Genscher 1927 - 2016. Bild: Henner Rosenkranz

Der frühere Außenminister und FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher ist am Donnerstag verstorben. Das teilte sein Büro am Freitag in Bonn mit. Genscher starb demnach im Alter von 89 Jahren an Herz-Kreislauf-Versagen.

          Fast 23 Jahre lang stand Hans-Dietrich Genscher an der Spitze wichtiger Bundesministerien. Zusammengerechnet mehr als ein Jahr dieser Ministerzeit verbrachte er in Dienstwagen, manchmal auf einem Schiff, oft in Flugzeugen, um im Dienste der Bundesrepublik Deutschland von Verhandlungsort zu Verhandlungsort zu eilen. Dabei versäumte er es selten, in den Nachrichten des Fernsehens präsent zu sein.

          Genscher wurde am 21. März 1927 in Reideburg bei Halle als Sohn eines Syndikus beim Landwirtschaftsverband geboren. Nach dem Besuch der Friedrich-Nietzsche-Oberschule und dem Flakhelfer-Dienst rückte er noch am 6. Januar 1945 zu den Pionieren nach Wittenberg ein. Als Angehöriger der von Walther Wenck geführten 12. Armee, an die Hitler im „Führerbunker“ unter der Reichskanzlei allerletzte und völlig realitätsferne Hoffnungen knüpfte, erlebte Genscher den Wahnsinn der Schlacht um Berlin. Nach kurzer amerikanischer Kriegsgefangenschaft bestand er 1946 in Halle das Abitur, trat der Liberaldemokratischen Partei Deutschlands (LDPD) bei und studierte Rechtswissenschaften.

          Ein Schlüsselerlebnis war 1949 eine Begegnung mit Hilde Benjamin, der „gefürchtetsten Juristin der eben entstandenen DDR“. Sie nahm Anstoß an der LDPD-Mitgliedschaft des Referendars und fragte ihn frostig, was er werden wolle. Er antwortete: „Rechtsanwalt.“ Darauf erwiderte sie: „Das ist gut klug von Ihnen, denn für Leute wie Sie haben wir in unserem Staat keinen Platz.“ Davon überzeugte sich Genscher bis zum 20. August 1952. An jenem Tag verließ er die DDR und baute sich in der Bonner Republik eine neue Existenz auf.

          Außenminister seit 1974

          Gefördert von dem nordrhein-westfälischen FDP-Vorsitzenden Willi Weyer, schaffte Genscher 1965 den Einzug in den Bundestag. Den Parlamentarischen Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion (bis 1969) interessierte die Deutschland- und die Ostpolitik. Nach der Bundestagswahl von 1969 wurde er Bundesminister des Innern im ersten und zweiten (seit 1972) Kabinett Brandt/Scheel. Die „schrecklichste Erfahrung“ auf diesem Posten war im September 1972 die Geiselnahme und Ermordung israelischer Sportler durch arabische Terroristen während der Olympischen Spiele. Genscher bot sich sogar als Ersatzgeisel an. Er gründete später die Antiterroreinheit GSG 9.

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          Nach dem Rücktritt Brandts und der Wahl Scheels zum Bundespräsidenten übernahm Genscher am 16. Mai 1974 das Auswärtige Amt und wurde Vizekanzler – zunächst unter dem SPD-Kanzler Schmidt, dann, nach dem Koalitionswechsel der FDP 1982, unter dem CDU-Kanzler Kohl. Von 1974 bis 1985 war er außerdem Bundesvorsitzender der FDP. Mit Helmut Kohl – wenn auch zeitlich gesehen nach ihm – erkannte er im Herbst 1989 die Chance für einen Durchbruch in der deutschen Frage. Beiden gelang es, die Vorbehalte des Auslands gegen ein vereintes Deutschland abzubauen. Genscher sah im 3. Oktober 1990 die Sternstunde seiner Laufbahn: Heimat und Vaterland waren wieder eins, weil das Ergebnis der Schlussphase der Verhandlungen zwischen den beiden deutschen Staaten auf der einen und den vier Siegermächten des Zweiten Weltkrieges auf der anderen Seite die Mathematik außer Kraft setzte. Es lautete kurz und bündig „2 plus 4 gleich 5“.

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          Rechtzeitiger Abschied aus der Politik

          Gegen Ende seiner Amtszeit wurde Genscher mit den jugoslawischen Nachfolgekriegen konfrontiert. Mit der von ihm betriebenen Anerkennung Kroatiens und Sloweniens vor Weihnachten 1991 handelte sich die Regierung Kohl/Genscher den Vorwurf ein, sie sei in dieser Angelegenheit vorgeprescht. Überhaupt neigte sich damals das Zeitalter der westdeutschen Scheckbuch-Diplomatie dem Ende entgegen. Gesundheitlich seit Jahren nicht mehr auf der Höhe, trat Genscher am 18. Mai 1992 in der Überzeugung zurück, seine nationale Mission erfüllt zu haben. Fast zwei Jahrzehnte hatte er den Auswärtigen Dienst geprägt. Er war ein nicht unumstrittener, zudem Höchstleistungen abverlangender Chef, dem erst im Rückblick der amtliche Glorienschein zuwuchs.

          Prager Botschaft, 1989 : Genscher spricht den berühmten Halbsatz

          Weil Genscher sich frühzeitig und damit rechtzeitig aus der Politik zurückzog, konnte er unbeschädigt und mit besten Umfragewerten als FDP-Ehrenvorsitzender (seit 1992) und Honorarprofessor den Unruhestand genießen. Klaus Kinkel, Genschers Nachfolger als Bundesminister des Auswärtigen und von 1993 bis 1995 FDP-Bundesvorsitzender, setzte sich im Vorfeld der Bundespräsidentenwahl von 1994 dafür ein, dass der „Außenminister der Einheit“ Staatsoberhaupt werden sollte. Doch Genscher glaubte damals wohl, dass seine physischen Kräfte vielleicht für das höchste Staatsamt nicht mehr ausreichten. Seine publizistische Kommentierung der „großen Politik“ und seine Tätigkeit innerhalb der FDP setzte er auch nach seinem Verzicht auf eine weitere Kandidatur für die Bundestagswahl 1998 fort. Sowohl auf dem Berliner als auch auf dem Bonner Parkett blieb er präsent.

          Genscher ist in der Nacht zum Freitag im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in Bonn an Herz-Kreislauf-Versagen gestorben.

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