11.03.2007 · Hamburgs Sozialdemokratie wirkte immer schick, bürgerlich, liberal. Einen Schöngeist nennt die CDU den Herausforderer. Gewinnt Naumann in einem Jahr nicht die Wahl, sieht es düster aus für die Zukunft der SPD - nicht nur in Hamburg.
Von Wulf SchmieseDie SPD hat eine Kopfwunde. Ganz oben in Deutschland, in Hamburg, blutet sie aus. Soeben wurde sie geklammert - mit Michael Naumann. Er soll der Sozialdemokratie zu altem Ansehen verhelfen. Von ihm, dem frisch beurlaubten „Zeit“-Herausgeber, hängt viel ab für die ganze SPD. Viel mehr, als man in Berlin oder Mainz zugeben will.
Denn Norddeutschlands Sozialdemokraten haben stets die ganze Partei geprägt. Hamburgs Schick und der seiner Bürgermeister strahlte weit. Schafft Naumann es nicht, bei der Bürgerschaftswahl 2008 Regierungschef zu werden, sieht die sozialdemokratische Zukunft düster aus - nicht nur in Hamburg.
Flair der Feine-Leute-Partei
Dort begann auch das lange Leiden der SPD, das schließlich zum Ende von Rot-Grün und der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder führte. 2001 war das, und anfangs hielten es alle für einen Unfall. Der SPD-Bürgermeister - er hieß Ortwin Runde - war abgewählt worden. Es gab eine Mehrheit rechts von Rot und Grün. CDU, FDP und Schill-Partei zimmerten eine Koalition, die schon bald zerbrach. Doch 2004 wählte die absolute Mehrheit der Hamburger CDU. Die SPD wollten sie nicht wiederhaben.
Niemals zuvor hatte es das gegeben. Bis 2001 hatte die SPD 47 Jahre am Stück regiert. Die Hansestadt war immer so rot wie ihr Wappen. Ihre sozialdemokratischen Bürgermeister wirkten so erhaben und thronten so selbstverständlich inmitten der Stadt wie das Rathaus auf seinem Platz. Es regierte nahezu immer ein Sozialdemokrat. SPD und Hamburg waren eins.
SPD löst sich auf wie Kandis in heißem Tee
Eine solche Verbindung aus Land und Partei ist sonst nur der CSU in Bayern gelungen. Hanseaten führten jahrzehntelang die deutsche Sozialdemokratie. Bundeskanzler Helmut Schmidt wie auch Fraktionschef Herbert Wehner saßen für Hamburg im Bundestag. Willy Brandt, geboren in Lübeck, war auch Hanseat. Und die Hamburger Bürgermeister gaben der Malocher-SPD, die sie wegen der vielen Genossen im Ruhrgebiet war, das Flair der Feine-Leute-Partei, weltoffen und liberal.
Max Brauer, Paul Nevermann und Herbert Weichmann hießen die ersten sozialdemokratischen Ersten nach 1945. Als zurückgekehrte Exilanten waren sie weltläufig und sind bis heute bekannte Nachkriegshelden. Die Stadtväter, die nach ihnen kamen, leben alle noch: Peter Schulz, Hans-Ulrich Klose, Klaus von Dohnanyi, Henning Voscherau und Ortwin Runde. Sie prägten ihre Hanseaten-Partei, kämpften mit- und gegeneinander. Seit einigen Wochen verfolgen sie nun täglich, dass Hamburgs SPD sich auflöst wie Kandis in heißem Tee.
Schulz war neben Helmut Kohl Deutschlands jüngster Landeschef, als er 1971 Hamburgs Regierung übernahm. Vor allem war er Hamburgs jüngster Bürgermeister seit 300 Jahren. Heute ist er 76, Typ schmaler Erich Böhme, weißes Resthaar, modische Hornbrille, dunkler Anzug und breiter Krawattenknoten. Seine Anwaltskanzlei liegt direkt am Hafen. Helmut Schmidt wird ihn gleich besuchen. Die beiden sind seit Hamburger Studententagen befreundet.
„Wir müssen Männer von Welt sein“
Schulz galt wie Schmidt immer als SPD-Rechter. Er erfand den Radikalenerlass, der Bundeskanzler Brandt später viel Ärger von links bereitete. Schulz bescherte Hamburgs siegreicher SPD auch ihre erste Niederlage: „Unter meiner glorreichen Führung verloren wir zweistellig“, sagt Schulz und lacht.
Doch 1974 langte das dennoch allemal zum Weiterregieren. Schulz aber war nicht der richtige Typ dazu, sagt er heute. „Die politischen Tätigkeiten des Ersten Bürgermeisters beschränken sich eben nicht auf das Gebiet zwischen Norderstedt und Harburg. Wir müssen Männer von Welt sein - und das war ich wohl nicht genug.“
Was Schulz meint, wurde schon 1952 in der Präambel von Hamburgs Verfassung festgeschrieben: „Die Freie und Hansestadt Hamburg hat als Welthafenstadt eine ... besondere Aufgabe gegenüber dem deutschen Volke zu erfüllen. Sie will ... eine Mittlerin zwischen allen Erdteilen und Völkern der Welt sein.“
Diese Mischung aus Vornehmheit, Kaufmannsstolz und Provinzialität liebt auch Schmidt an seiner Heimat. Hamburg sei für ihn die „großartige Synthese einer Stadt aus Atlantik und Alster, aus Buddenbrooks und Bebel, aus Leben und Lebenlassen“, schwärmte er 1962 als Innensenator. Die Regierenden verkörperten das, und die Wähler dankten es ihnen von Urnengang zu Urnengang.
„Bilderbuchbürgermeister der Hansestadt“
Hans-Ulrich Klose erbte 1974 das Bürgermeisteramt von Schulz. Wie sein Vorgänger ist auch er kein gebürtiger Hamburger. „Die feine Stadt färbt den Typus ihrer Regierenden stark. Wir Zugereisten wurden oft die überzeugtesten Hamburger“, sagt Klose heute. Mit fast siebzig Jahren sitzt er als eher konservativer SPD-Außenpolitiker im Bundestag und wundert sich über manche „linke Fehleinschätzung“, die ihn als Hamburger Bürgermeister seinerzeit populär machte.
Klose errang 1978 die absolute Mehrheit zurück und stritt dann dem linken Zeitgeist entsprechend gegen Kernkraft, Nato-Nachrüstung und Schmidt. Der damals noch mehrheitlich rechten Partei war das zu forsch, weshalb Klose 1981 sein Amt hinwarf.
Geholt wurde nun einer, den Schulz wie Klose noch heute als „Bilderbuchbürgermeister der Hansestadt“ loben: Klaus von Dohnanyi; 1928 geboren in Hamburg, gebildet in der ganzen Welt, einer der ganz wenigen sozialdemokratischen Aristokraten. „Naumann kommt diesem Bild recht nah“, sagt Schulz.
Machtspiel vermiest die „Freude an der Politik“
Dohnanyi war der Gentleman-Typ mit Silber an den Schläfen und Dünkel im Blick, von dem es in Union und FDP einige gab, in der SPD aber nur ihn. Allein deshalb schon glänzte er, der Solitär Dohnanyi, weit über Hamburg hinaus. „Den Typ des intellektuellen Vordenkers gab es doch nicht nur in Hamburg“, wehrt Dohnanyi ab und nennt die wenigen Gegenbeispiele: Adolf Arndt, Carlo Schmid, Horst Ehmke. „Aber was stimmt“, sagt er nickend: „Hamburgs Sozialdemokratie wirkte über Jahrzehnte magnetisch auf liberale Sozialdemokraten, wie auch ich einer bin. Wähler in ganz Deutschland sahen das ähnlich. Die hanseatische SPD galt als liberal und bürgerlich-verlässlich.“
Galt! Dohnanyi, der nobel in bester Harvestehude-Lage an der Außenalster residiert, sieht seine abgemagerte Partei wahrlich auf den Hund gekommen. Schon er habe früher oft drohen müssen: „Freunde, das könnt ihr dann allein machen“, wenn „linke Spinner“ ihm das Regieren erschwerten. Nun aber sei für „Denker und Macher die Parteiarbeit schlicht unattraktiv“ geworden. „Heute vermiest das kleine Machtspiel von Funktionären die Freude an der Politik“, sagt der Grand Old Man.
Fair fügt er an: „Das gilt aber nicht nur für die SPD.“ Aber eben auch und besonders in Hamburg, wo ein aufzehrender Machtkampf um die Spitzenkandidatur die verbliebenen 12.000 von einstmals mehr als 50.000 Parteimitgliedern fassungslos machte. „Wir müssen wieder die liberale, eher skandinavisch orientierte SPD werden, als die Hamburgs SPD über Jahrzehnte galt“, wünscht sich Dohnanyi. Doch er zweifelt, ob das so schnell gehen kann nur durch das Aufstellen des „sehr repräsentablen“ Naumann.
Die Hamburger SPD hält Voscherau für maßlos eitel
Auch Dohnanyis Nachfolger Henning Voscherau ist skeptisch. Er übernahm 1988 die Bürgermeisterwürde, weil Dohnanyi nach 20 Jahren Politik etwas anderes machen wollte. „Michael Naumann ist ein glanzvoller und vorzeigbarer Kandidat“, sagt Voscherau zwar, „ein Glücksfall für die SPD in dieser Lage.“ Voscherau selbst, 65 Jahre alt wie Naumann, hätte noch Anfang der Woche dieser Glücksfall sein können. Aber er wollte nicht. Er ist fertig mit dieser Hamburger SPD, die ihn für maßlos eitel hält und nur aus nackter Personalnot zurückerflehte.
Voscherau verachtet weite Teile der Kader. „Es geht gar nicht immer um echte inhaltliche Widersprüche, sondern manchmal geht es um unterschiedliche Menschenschläge, die aneinander vorbeireden.“ So umschreibt er den tiefen Graben in seiner Partei. Es gehe „im schillerschen Sinne um den Gegensatz zwischen ,Brotgelehrtem' und ,philosophischem Kopf'. Beide wollen das Beste, aber verstehen einander nicht. Diesen Gegensatz symbolisiert Helmut Schmidts provozierende Aussage: ,Wer Visionen hat, gehört zum Arzt.'“
Das sollte schon bei Schmidt heißen: Ein Teil der SPD spinnt. „In Hamburg hielt sich beides die Waage durch das eiserne Dreieck aus Bürgermeister, Fraktionsvorsitzendem und Parteichef“, sagt Voscherau. „Jetzt ist die SPD im siebten Jahr ohne Orientierung durch den Bürgermeister. Dadurch geriet etwas aus dem Lot.“ Doch Voscherau sagt, nun gebe es mit Naumann zumindest „Chancen, das wieder zu ändern“. Hamburgs Erste Bürgermeister seien in der Regel Realisten mit praktischer Vernunft gewesen, nie ideologische Eiferer. „Das machte die Sozialdemokratie insgesamt bis in bürgerliche Schichten hinein wählbar. Und es strahlte natürlich über die Stadtgrenzen hinaus.“
„Wir bewegten uns auf jedem Kontinent“
Voscheraus „Schmerzgrenze“ war erreicht, als 1997 nur noch 38 Prozent der Hamburger SPD wählten. Er gab beleidigt ab an Ortwin Runde, seinen soliden linken Finanzsenator, der im Gegensatz zu ihm gern mit den Grünen regieren wollte. Der Ostfriese Runde, zwinkernd-freundlich mit Schnauzbart, war optisch kein Patrizier und hanseatischer Edelmann, wenn auch alle Vorgänger durchaus mit Achtung seinen analytischen Verstand loben.
Runde übersah die gefühlte Angst der kleinen Leute vor zunehmender Kriminalität in Hamburg, weshalb sie dann 2001 den Richter Schill gnadenlos wählten. Heute sitzt der 63 Jahre alte Runde im Bundestag, stopft dänischen Tabak in seine Pfeife und vernebelt damit sein kleines Abgeordnetenbüro. „Der Einfluss von Hamburgs SPD auf die Bundespolitik war enorm“, erinnert er sich. „Denn Hamburgs Bürgermeister galten als reale Globalisierer. Wir bewegten uns auf jedem Kontinent.“
Durch das Kaufmännische der Stadt, wo die Handelskammer und die Börse an das Rathaus gebaut sind, „hat der Wettbewerb immer modernes Denken in der Politik verlangt“. Dazu habe tiefes Verständnis für die stolze Arbeitnehmerschaft gehört. „Wer den Hafen, das pochende Herz Hamburgs, kennt, der weiß, was Produktion heißt.“
Zu etepetete sogar für Hamburg
Auch Naumann sagt, er kenne Hamburg, weil er dort seit 1971 mit Unterbrechungen gelebt habe. Er kenne auch die Politik, weil er zwei Jahre Kulturstaatsminister in Berlin war. Reicht das? Jeder von den SPD-Spitzenmännern vor ihm hatte das Bürgermeisteramt übernommen, während ihre Partei regierte.
Sie alle waren zuvor Senator gewesen, kannten das Tarieren des eisernen Dreiecks aus jahrelanger Mitarbeit. Nur Dohnanyi war neu in Hamburgs Politik, aber als jahrelanger Bundestagsabgeordneter, Staatssekretär, Bundesbildungsminister und schließlich rheinland-pfälzischer SPD-Chef ein erfahrener Parteistratege.
Die CDU des Ole von Beust hat als Naumanns Schwäche seine Eleganz ausgemacht: zu etepetete sogar für Hamburg. Schöngeist und Bohemien nennen sie ihn. Ein Politiker aus Liebhaberei sei er, Laie und Möchtegern. Beust kennt sich da aus. Über Jahre war er selbst so beschrieben worden - von der ewig regierenden SPD.