05.03.2007 · Für die krisengeschüttelte Hamburger SPD wäre Olaf Scholz wohl der ideale Spitzenkandidat gewesen. Doch der zog es vor, in Berlin zu bleiben. Am Ende bleibt nur der altbekannte Joker Voscherau übrig. Von Frank Pergande.
Von Frank Pergande, HamburgNach den turbulenten Tagen in der Hamburger SPD, nach gescheiterter Mitgliederbefragung, nächtlichen Mammutsitzungen und vielen Aufgeregtheiten aller Art, war am vergangenen Wochenende unter den Genossen in der Hansestadt die Zeit des kühlen Rechnens gekommen. Der Landesvorstand war zurückgetreten, der Versuch misslungen, einen Spitzenkandidaten für die nächste Bürgerschaftswahl per Abstimmung aller Parteimitglieder zu finden.
Das war die Lage. Eine neue Lösung musste schnell her, denn zum einen sollen schon auf einem Parteitag am 24. März eine neue Parteiführung und der Spitzenkandidat gewählt werden, zum anderen schadet jeder weitere turbulente Tag dem Ansehen und damit den Chancen der SPD in Hamburg. Und noch einen Grund gab es: Einige der mächtigen Kreisvorsitzenden wollten in den Urlaub und drängten deshalb auf schnelle Entschlüsse.
Merkwürdige Umstände in der Zentrale
Auch die Bundespartei hatte sich eingemischt. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil hatte am Montag und Dienstag der vergangenen Woche versucht, die Krise zu beenden. Das Berliner Ziel dabei entsprach anscheinend dem, was eine schwergewichtige Gruppe auch im Hamburger Landesverband unter allen Umständen erreichen wollte: Mathias Petersen als Spitzenkandidaten verhindern, obgleich er doch sogar Parteivorsitzender ist.
Das war denn auch der Auftrag von Dorothee Stapelfeldt, die gegen Petersen angetreten war. Sie erfüllte ihren Auftrag unter etwas merkwürdigen Umständen. Sie hätte die Mitgliederbefragung verloren, aber die Wahl kam nicht zustande, weil Stimmzettel gestohlen wurden, tausend an der Zahl, und noch dazu aus der Briefwahlurne, die mitten in der SPD-Zentrale gestanden hatte. Die missglückte Wahl bedeutete: beide Kandidaten sind unmöglich geworden. Frau Stapelfeldt sah das, erleichtert, sofort ein, ihr Gegenspieler Petersen jedoch erst am Sonntag, als Henning Voscherau die letzte Hoffnung für die Hamburger SPD geworden war.
Den Joker kennt jeder in Hamburg
Zuvor war überall nach einem Kandidaten gesucht worden. Auch die Bundespartei half. Einmal schon war die Hamburger SPD damit erfolgreich, wenngleich es lange zurückliegt. 1981 war Hans-Ulrich Klose, heute Bundestagsabgeordneter, als Bürgermeister, zermürbt vom Kampf mit den Linken in der Partei, zurückgetreten. Der Nachfolger wurde sozusagen bundesweit gesucht - und in Rheinland-Pfalz gefunden in Form des gebürtigen Hamburgers Klaus von Dohnanyi, der dann fast acht Jahre lang die Stadt erfolgreich regierte.
Diesmal aber klappte es nicht so schön. Es drängte sich kein Kandidat auf. Der ideale hatte sogleich abgesagt: Olaf Scholz, der Hamburger Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion dort, wollte nicht. Aus den Hamburger Reihen selbst wäre nur Michael Neumann in Frage gekommen, der Fraktionsvorsitzende in der Bürgerschaft. Auch der fand seine Arbeit zu toll, um anderes machen zu wollen. Jedenfalls sagte er das offiziell.
Er hätte es vermutlich auch schwer gehabt. Zu jung, zu unbekannt, sagen die einen. Zu konservativ als beurlaubter Offizier der Bundeswehr, sagen die anderen. So blieb am Ende nur der Joker Voscherau. Den Joker kennt jeder in Hamburg, weil in den vergangenen Jahren immer von ihm die Rede war, wenn die SPD über Führungspositionen nachdachte.
Noch immer ehrgeizig
Voscherau, der nach Dohnanyi und bis zu seinem eigenen Rücktritt 1997 Bürgermeister war, ist inzwischen 66 Jahre alt, selbstbewusst wie eh und je, so klug wie eitel, hart, aber zur Not auch ausgleichend, erfahren in der Politik und noch immer ehrgeizig. So gesehen musste die schnelle Kandidatensuche auf Voscherau zusteuern. Petersen rief ihn als Ersten noch in der Nacht an, in welcher der Landesvorstand zurückgetreten war.
Voscherau hat nur zwei Makel, die aber angesichts der Krise kaum aufscheinen: Vor zehn Jahren ist er nach der Bürgerschaftswahl in der Wahlnacht freiwillig zurückgetreten - weil die 38 Prozent für die SPD nicht erreicht worden waren, die er als Mindestziel ausgegeben hatte, und weil ihn die Aussicht schreckte, mit den Grünen in Gestalt der GAL regieren zu müssen.
Rot-Grün als verrückte Pointe?
Die Grünen hat er immer gemieden, 1993 sogar gegen den erklärten Parteiwillen, als er eine rot-graue Kooperation mit der Statt-Partei in die Wege leitete. Die SPD müsste also jetzt mit einem Kandidaten losziehen, der aus der Versenkung kommt und früher mit den Grünen nichts zu tun haben wollte. Die GAL ist aber die Chance für die SPD heute und damit auch für Voscherau: Die Umfragen besagen, dass es gegenwärtig vorbei wäre mit der absoluten Mehrheit der CDU und dass Rot-Grün an die Macht käme.
Aber längst muss sich ein Hamburger Bürgermeister nicht mehr von den Grünen schrecken lassen. Schon Voscheraus Nachfolger Ortwin Runde hat gute Erfahrungen mit der GAL gemacht. Sicherlich wird ein Mann wie Voscherau etwas nachgiebiger, wenn er die Aussicht bekommt, ein zweites Mal Hamburger Bürgermeister zu werden. Das an sich wäre schon eine verrückte Pointe, die Voscherau einen Platz in der Geschichte der Stadt sichern würde.
„Tief im Dreck“
Wenn er der SPD helfen will, muss diese sich allerdings auch wieder an seinen Stil gewöhnen: wie einst Zeus Politik mit der Augenbraue zu machen und ansonsten zu schweigen. Im vergangenen Jahr schwieg er, als immer wieder getuschelt wurde, Voscherau habe Interesse an einer Führungsposition in der SPD. Er schwieg und brachte auf diese Weise den Landesvorsitzenden Petersen in Schwierigkeiten, bis der Voscherau direkt aufrief, sich zu erklären. Voscherau sagte dann auf dem Parteitag, Petersen sei ein guter Kandidat, er selbst wolle es nicht werden und er werde sich jetzt aus der aktiven Politik verabschieden.
Solche Sätze wird er inzwischen bedauern, genau wie seinen Rücktritt ohne Not 1997. Alle sieben Kreisvorsitzenden - fünf von ihnen hatten im Januar mit ihrer Petersen-Kritik die Krise der Partei vom Zaun gebrochen - haben sich zusammen mit Petersen und Frau Stapelfeldt nach kühlem Rechnen am Wochenende für Voscherau ausgesprochen. Weil es keine andere Lösung gab. Voscherau reagierte in einem Hamburger Boulevardblatt mit einer Analyse der Lage der SPD. Von dem Karren war da die Rede, der tief im Dreck stecke. Was der Gerufene aber in dieser Lage am Karren tun will, dazu gab es erst einmal wieder nur Schweigen.
Frank Pergande Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.
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