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Guttenbergs Dissertation Immer mehr abgekupferte Stellen

Verteidigungsminister Guttenberg hat in seiner Dissertation offenbar in weitaus größerem Maße bei verschiedenen Autoren abgeschrieben als bislang bekannt. FAZ.NET dokumentiert die wichtigsten Stellen.

© dapd Vergrößern In Bedrängnis: Verteidigungsminister zu Guttenberg

Dass in der Wissenschaft bei Seminararbeiten und Dissertationen freimütig abgekupfert wird, ist im Zeitalter des Internets längst eine Binse - doch was jetzt nach den Plagiatsvorwürfen gegen Guttenberg geschieht, dürfte einmalig in der deutschen Wissenschaftsgeschichte sein: Immer mehr Stellen tauchen auf, die Guttenberg bei anderen Autoren abgeschrieben haben soll - recherchiert gemeinsam von zahlreichen Internetnutzern. (siehe auch: Vorwürfe gegen Guttenberg: Die Stunde der Plagiatssucher) Eine regelrechte „Schwarmintelligenz“ hat sich formiert, um die 475 Seiten umfassende Dissertation von Guttenberg weiter auf verdächtige Stellen zu durchforsten und listet diese im Internet fein säuberlich auf. Titel des Blogs, der nach eigenen Angaben eine „kollaborative Dokumentation der Plagiate“ betreibt: „Eine kritische Auseinandersetzung mit Karl-Theodor Freiherr zu Guttenbergs Dissertation“.

Oliver Georgi Folgen:      

Die Zahl der verdächtigen Stellen steigt so fast stündlich an. Neben der abgeschriebenen Einleitung aus einem F.A.Z.-Artikel der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig (siehe auch: Guttenberg-Dissertation: Anfang bei F.A.Z. abgeschrieben) und den zuvor durch den Bremer Wissenschaftler Andreas Fischer-Lescano angeführten Passagen führt der Blog mittlerweile mindestens zehn weitere Stellen auf, bei denen Guttenberg sich mit fremden Federn schmückt.

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So bediente sich Guttenberg in der Einleitung offenbar nicht nur bei der F.A.Z., sondern auch bei einem Vortrag von Professor Ludger Kühnhardt, dem Direktor des Zentrums für Europäische Integrationsforschung (ZEI). Auf Seite 16 der Dissertation findet sich eine längere Passage, die nahezu deckungsgleich mit Kühnhardts Text ist - ohne jegliche Quellenangabe.

Bild / Guttenberg / Seite 119 / NEU © Duncker & Humblot/CAP Vergrößern Doktorarbeit, S. 119 (links), Artikel von Sonja Volkmann-Schluck (2001)

So heißt es bei Kühnhardt:

„Als der Konvent am 28. Februar 2002 seine Beratungen aufnahm, war dies von allgemeiner Skepsis begleitet. Die Erwartungen wurden von allen Beteiligten heruntergespielt. Nur in Amerika schien Vertrauen in das neue Werk der Europäer zu bestehen. Dort wurde der Verfassungskonvent von Philadelphia verglichen, der 1787 die bis heute bestehende amerikanische Verfassung erarbeitet hat.“

Bei Guttenberg lautet die Stelle so:

„Als der europäische Verfassungskonvent seine Beratungen aufnahm, war dies von allgemein verbreiteter Skepsis begleitet. Die Erwartungen wurden von allen Beleiligten heruntergespielt. Bezeichnenderweise schien (zumindest in der Anfangsphase des Konvents) nur in den USA Vertrauen in das neue Werk der Europäer zu bestehen. Dort wurde der Verfassungskonvent in den Medien wie in der polititschen Debatte zuweilen ungeniert mit dem Konvent von Philadelphia verglichen.“

Damit aber nicht genug: Auch aus einer Stellungnahme Kühnhardts vor dem Ausschuss zum Stand der Arbeit des EU-Verfassungskonvents vom 21. Mai 2003 in Berlin „zitiert“ Guttenbgerg freimütig - ohne Quellenangabe:

Die Stelle bei Kühnhardt:

„Legitimität für die europäische Integration und für die Politik insgesamt erwächst natürlich aus Prozessen, aber mindestens ebenso stark aus der inneren Annahme der inhaltlichen Ergebnisse durch die Unionsbürger.“

Die Stelle bei Guttenberg, minimal gekürzt:

„Legitimität für die europäische Integration und für die Politik insgesamt erwächst aus Prozessen, aber mindestens ebenso stark aus der inneren Annahme der inhaltlichen Ergebnisse des Konvents durch die Unionsbürger.“

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Veröffentlicht: 17.02.2011, 18:38 Uhr