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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Guttenberg und Lindner Talente oder Stars?

 ·  Sie galten jeweils als „größtes politisches Talent“ ihrer Partei: Wie innerhalb eines Jahres gleich zwei politische Hoffnungsträger scheiterten.

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© Lüdecke, Matthias

Am Tanzbrunnen in Köln, gelegen im Rechtsrheinischen, hat es einst eine lustig-böse Veranstaltung gegeben. Sie hieß „Udo Werners Talentprobe“ und war eigentlich eine ziemlich üble Sache. Junge Frauen und junge Männer, die glaubten, sie hätten das Talent des Singens, versuchten sich in dieser Kunst. Das Publikum aber war des Störens, nicht des Zuhörens wegen gekommen. Die Leute lärmten mit Kuhglocken. Udo Werner, ein kleiner dicker Conferencier mit braunem Anzug, der vom Alter her der Vater aller Anwesenden hätte sein können, pflegte die vermeintlichen Talente scheinbar freundlich willkommen zu heißen. Dann warf er sie der kreischenden Meute zum Fraß vor. Die Talente aber wussten stets vorher, was sie erwartete.

Niemals zu Beginn seiner politischen Arbeit in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist Gerhard Schröder, der Sozialdemokrat, als politisches Talent bezeichnet worden. Seine Altersgenossen in der SPD, die Jungsozialisten also, fanden ihn - je nach eigenem Standpunkt - einen Anführer oder einen rechten Wolf in linkem Schafsfell. Die älteren Sozialdemokraten, die Parteiführung also, sahen in ihm einen gewissenlosen Mann ohne Grundsätze, der nicht das Zeug zu einem anständigen Sozialdemokraten habe. Sie mögen sein Machtbewusstsein und seinen Ehrgeiz und auch seine rhetorischen Gaben gesehen haben. Doch nicht im Traum wären die Altvorderen auf den Gedanken gekommen, den Genossen Schröder öffentlich auf onkelhafte Weise als das größte politische Talent zu bezeichnen, über das die Sozialdemokratie verfüge und das deshalb gehegt und gepflegt und gefördert werden müsse.

Wer hat, dem wird gegeben

Niemals ist Angela Merkel, nachdem sie von der Aufgabe der stellvertretenden Pressesprecherin der letzten und frei gewählten DDR-Regierung zur Bundesministerin für Frauen und Jugend im Kabinett Helmut Kohls aufgestiegen war, das größte Talent der nun gesamtdeutschen CDU genannt worden. Eher machte in Bonn das abschätzige Wort von „Kohls Mädchen“ die Runde. Die sie besser kannten, sahen ihren Ehrgeiz, ihr analytisches Vermögen und auch ihren respektlosen Witz, mit dem sie das Auftreten Helmut Kohls karikieren konnte.

Einst, vor mehr als 2000 Jahren, war das Talent eine Maßeinheit, die sich zur Messung von Gewichten und später auch von Werten und Währungen von Babylon aus in den Raum des Mittelmeeres verbreitet hatte. Das Talent entsprach der Wassermasse im Volumen einer Amphore. Je nach deren Größe variierte das Talent zwischen 20 und 36 Kilogramm. Jesus also, wurde berichtet, habe das Gleichnis von den anvertrauten Talenten erzählt. Der Herr habe verreisen wollen und seinen Dienern Talente überantwortet. Der eine habe aus fünf Talenten Silber zehn gemacht. Nach Rückkehr des Herrn sei er belohnt worden. Der zweite habe seine zwei Talente ebenfalls verdoppelt. Auch er sei belohnt worden. Der dritte habe ein Talent gehabt. Er aber habe es vergraben und auf diese Weise sichern wollen. „Du bist ein schlechter und fauler Diener“, habe der Herr später gerufen. Nicht einmal Zinsen habe er bekommen. Der Herr habe dem Diener selbst das eine Talent genommen und anderen gegeben. Jesus habe im Gleichnis geschildert: Wer habe, dem werde gegeben. Den Diener mit dem einen Talent aber habe der Herr einem schlimmen Schicksal preisgegeben. „Werft den nichtsnutzigen Diener hinaus in die äußerste Finsternis“, habe er gerufen. „Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen.“

Popstars der Politik

So kann es Talenten ergehen, zumal den ewigen Talenten, zumal jenen in der Welt des Fußballsports. Das ewige Talent hat aus seinen Möglichkeiten nichts gemacht. Es hat seine Gaben verschleudert, jedenfalls nach den strengen Maßstäben der interessierten Kreise. In der Öffentlichkeit wird dann gehöhnt und gespottet. Es hat zu heulen und mit den Zähnen zu knirschen. Es spielt auf dem Boulevard dann keine Rolle mehr, ob das gerecht ist. Verletzungen und Schicksalsschläge, falsche Trainer und schlechte Berater, objektive Überforderung oder einfaches Pech - das ist fast egal. Es ist sogar gleichgültig, ob die Zuweisung eigentlich stimmte, jemand habe Talente. Talent ist Talent. So schlimm, wie Kronprinz einer ewig lebenden Königin zu sein, kann auch das sein. Diesseits der zwanzig Jahre ein Talent genannt zu werden, ist wie der erste Stoß in die äußerste Finsternis.

Von zwei politischen Talenten ist in diesem Jahr die Rede gewesen, und vielleicht haben die beiden den Tag schon vermaledeit, an dem sie erstmals in den Rang des „größten politischen Talents“ ihrer Partei gehoben worden waren: Karl-Theodor zu Guttenberg und Christian Lindner. Es waren vor allem ihre Gaben des öffentlichen Auftritts und der freien Rede, die sie zu Talenten werden ließ. Es war auch ein jugendlicher Glamour, der sie aus der Masse der angeblich bloß graue Anzüge tragenden sogenannten Berufspolitiker herausragen ließ. Das (Partei-)Volk mag ihnen zugejubelt haben. Die Zuhörer mögen hingerissen gewesen sein. Die bunten Blätter mögen ihre Freude an ihrem Privatleben gefunden haben. In Wahrheit waren sie nicht Talente. Sie wurden zu Popstars der Politik gemacht - gewollt oder ungewollt.

Wie Dieter Bohlen bei „Deutschland sucht den Superstar“

Wahrscheinlich wussten die beiden selbst, was das Schicksal von Stars und Sternchen sein kann: Sie verglühen schnell. Talentförderung gibt es im Jugendsport. In der Politik gibt es sie nicht. Indem Horst Seehofer und all die anderen CSU-Politiker seiner Altersgruppe den nun ehemaligen Verteidigungsminister als großes, größtes, allergrößtes Talent der CSU bezeichneten, machten sie Karl-Theodor zu Guttenberg zum Prinz Charles der deutschen Innenpolitik. Indem noch ältere, eigentlich ehemalige FDP-Politiker wie Gerhart Baum den nun ehemaligen Generalsekretär der FDP ein ganz und gar großes politisches Talent des deutschen Liberalismus nannten, reduzierten sie ihn auf die Funktion eines stellvertretenden Kreisvorsitzenden der Jugendorganisation „Junge Liberale“.

Wie einst Udo Werner am Kölner Tanzbrunnen oder heute Dieter Bohlen beim Fernsehprojekt „Deutschland sucht den Superstar“ nahmen Seehofer, Baum und andere für sich die Rolle in Anspruch, über Qualitäten und Schicksal anderer zu entscheiden. Sie stellten die beiden bloß. Jemand, der seine Doktorarbeit abschreibt, kann politisches Talent nicht haben, weil er wissen muss (mindestens: müsste), dass das später einmal herauskommt. Und zum „politischen Talent“ gehört gewiss nicht allein die Fähigkeit zur Rede auf Parteitagen und zum Schreiben von Programmen und Büchern. Es ist die sogenannte Kärrnerarbeit, die den Boden politischer Macht bereitet.

Auch Wiederauferstehung gehört zum Leben in der Politik

Vor allem aber zeichnet sich das „Talent“ in der Politik durch die Fähigkeit aus, sein Ansehen und seine Qualitäten selbst zu definieren. Nun haben die beiden Schlimmes zu ertragen. Guttenberg wird „mehr Demut“ geraten. Lindner hingegen wird „Fahnenflucht“ nachgesagt.

Doch die Verdammnis muss nicht ewig währen: Auch Wiederauferstehung gehört zum Leben in der Politik. Talente würden sie dann freilich nicht mehr genannt. Und in Udo Werners „Talentprobe“ waren, immerhin, auch die später bekannten Sängerinnen Mary Roos und Nicole erstmals in größerer Öffentlichkeit aufgetreten.

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Jahrgang 1952, Leiter der politischen Redaktion in Berlin.

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