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Guttenberg spricht Hoch oben auf dem Sünderbänklein

 ·  Karl-Theodor zu Guttenberg meldet sich zurück. Er beschimpft sich selbst, spricht von Fehlern, aber nie von Plagiat. Seine Rückkehr ist perfekt inszeniert.

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© Helmut Fricke Fast wie früher: Am Donnerstag prangte Guttenberg auf der Titelseite der „Zeit“, ebenso war er auf der Seite eins der „Bild“- Zeitung zu sehen

Guttenberg kehrt wieder. Erst sah man ihn nur in der Ferne, hoch im Norden, im kanadischen Halifax, jetzt ist er schon ganz nahe, er ziert wieder die Titelseiten der deutschen Presse. Bald wird er leibhaftig da sein. Weniger glänzend, ungegelt, geläutert. Seine Rückkehr kam schnell, Guttenberg hatte alle Karten in der Hand.

In einer Küstenstadt in Neuschottland, am Rande der bekannten Welt, hat das Schauspiel für aller Augen angefangen. Dort ist Karl-Theodor zu Guttenberg wiederaufgetaucht, auf dem „Halifax Security Forum“. In „geheimnisumwobener Art“ habe er sich in Halifax bewegt, schrieb in der „Welt“ ein Journalist, der ihn dort gesehen hatte, „etwas Geisterhaftes“ habe ihm angehaftet. „KTG“ taufte der Journalist diesen Untoten. Ein neuer Name, ein Akronym, wie für eine Institution.

Es heißt, er habe sich noch nicht blicken lassen

Er war lange fort gewesen. Niemand hatte ihn gesehen. Auf Parteitage der CSU war Karl-Theodor zu Guttenberg nicht mehr gegangen. Nur Grüße hatte er ausrichten lassen, unterwegs sei er viel, hieß es dann, in Übersee. Totale Abstinenz von jeder größeren Bühne. Sonst nur Geräusche aus dem Umfeld. Sein Anwalt griff die Universität Bayreuth wegen deren Untersuchungsergebnissen zur Doktorarbeit an. Seine Frau brachte ein Buch heraus, die „Märchenapotheke“.

Die erste große Nachricht vom Mann selbst kam Ende September: ein neuer Job. Karl-Theodor zu Guttenberg werde dem Washingtoner Think-Tank „Center for Strategic & International Studies“ beitreten, hieß es. Dort wird er seither als „Distinguished Statesman“ aufgeführt, als „ausgezeichneter Staatsmann“. Eine Position, die außer ihm dort nur Ehud Barak innehat und die auch bedeutet, dass er kein Gehalt bezieht. Dort, so hieß es, werde Karl-Theodor zu Guttenberg, der „mit Weitblick weit jenseits seines Alters“ gesegnet sei, fortan über die transatlantischen Machtverhältnisse nachdenken. Es heißt allerdings auch, er habe sich in Washington noch nicht blicken lassen. Guttenberg blieb aus der Öffentlichkeit verschwunden. Dann kam Halifax, und mit einem Mal erhöhte sich die mediale Schlagzahl rasant.

23 strafrechtlich relevante Urheberrechtsverstöße

Am 17. November wurde in Deutschland vermeldet, dass Guttenberg dort sprechen werde. Am 18. kroch durch die „Mitteldeutsche Zeitung“, Guttenberg arbeite an einer neuen Doktorarbeit. Außerdem, so hieß es, sei ein Interview mit einer großen deutschen Wochenzeitung vereinbart - für die Zeit nach der Entscheidung des Gerichts, das sich mit dem Vorwurf der Urheberrechtsverletzung durch Guttenberg beschäftigte. Am 19. November, dem vergangenen Samstag, sprach Guttenberg in Halifax, am Tag darauf war dazu ein ausführlicher Bericht in der „Welt am Sonntag“ und in der „Bild am Sonntag“, die ihren Lesern ein großes Bild vom „neuen Guttenberg“ zeigte, inklusive Hinweispfeil: „Er zieht seinen Koffer selbst.“ Gesprochen hatte Guttenberg niemand. Den Journalisten in Halifax ließ er mitteilen, er werde erst wieder Interviews geben, wenn das gegen ihn laufende Strafverfahren abgeschlossen sei.

Dienstag wurde dann aber ein Buch angekündigt. „Vorerst gescheitert“, ein Gesprächsband, ein „Schlagabtausch“ mit Giovanni di Lorenzo, dem Chefredakteur der „Zeit“. Guttenberg war jedoch nicht wortbrüchig geworden. Denn Mittwoch kamen Nachrichten von der Staatsanwaltschaft Hof. Das Plagiatsverfahren gegen Karl-Theodor zu Guttenberg sei gegen die Auflage einer Zahlung von 20.000 Euro an die Kinderkrebshilfe eingestellt worden. Man habe zwar 23 strafrechtlich relevante Verstöße gegen das Urheberrecht gefunden, womit für die Staatsanwaltschaft und das Amtsgericht Hof auch Guttenbergs vorsätzliches Handeln impliziert ist. Der dadurch verursachte wirtschaftliche Schaden sei aber so gering, dass es zu keinem Gerichtsverfahren kommen werde. Guttenberg bleibt ein Mann ohne Vorstrafe.

Wochenlang Zeit, um die übrigen Schritte einzuleiten

Am Donnerstag prangte er auf der Titelseite der „Zeit“, in der es einen großen Vorabdruck aus dem Buch mit di Lorenzo gab. Ebenso war er auf der Seite eins der „Bild“- Zeitung zu sehen. Es war wie früher, nur eben ohne Brille stand er da, und er war dieses Mal nicht „gutt“, sondern laut Selbstbeschreibung „Überfordert! Dumm! Eitel!“ „Abrechnung mit sich selbst“, und was die wert sei, erklärte sogleich der Kolumnist Franz-Josef Wagner: „Ich mag diesen Typen, der wieder aufsteht.“ Im Februar hatte die „Bild“-Zeitung nach Guttenbergs Ablegen des Doktortitels noch getitelt: „Gut! Guttenberg bleibt!“ Eine Forderung.

Kaum ein Tag in der vergangenen Woche also, an dem Guttenberg nicht größer und gegenwärtiger wurde. Der ehemalige Verteidigungsminister konnte nicht nur die Mechanismen der Medien für sich nutzen, sondern auch jene der Staatsanwaltschaft Hof. Einstellungen von Strafverfahren gegen Geldauflage sind juristischer Alltag. Sie werden nicht von einem Moment auf den anderen beschlossen, die Bedingungen müssen vielmehr erst mit dem Beschuldigten besprochen, sodann dem Gericht vorgelegt werden. Laut Staatsanwaltschaft Hof kann das Wochen dauern. Wenn Beschuldigter und Gericht einverstanden sind, ist das Verfahren allerdings auch noch nicht geschlossen. Erst wenn die Bußgeldzahlung eingeht, wird es beendet, dann allerdings „umgehend“. Die Staatsanwaltschaft Hof hatte Guttenbergs Anwälte außerdem davon informiert, dass sie eine Pressemitteilung herausgeben werde, sobald das Verfahren beendet sei - wegen des großen öffentlichen Interesses.

Guttenberg hatte also schon lange eine Ahnung davon, wie das Verfahren gegen ihn ausgehen würde. Und für die Verlautbarung des glimpflichen Ausgangs war ihm der Auslöser in die Hand gegeben. Er musste nur die 20.000 Euro abliefern, um die angekündigte Pressemitteilung auf den Weg zu bringen. Davor hatte er vermutlich wochenlang Zeit, um die übrigen Schritte einzuleiten.

Heilmittel für die Politikverdrossenheit

Aus dem Herder-Verlag, in dem das Gesprächsbuch mit Guttenberg erscheint, heißt es, die Gespräche zwischen dem ehemaligen Politiker und di Lorenzo hätten „um den 20. Oktober“ stattgefunden, drei Tage lang, in einem Londoner Hotel. Das ist kaum einen Monat her. Die Initiative zu dem Buch sei vom Verlag gekommen. Der Verlagschef Manuel Herder habe immer wieder Kontakt zur „Familie zu Guttenberg“ gehabt, Stephanie kenne er von einem gemeinsamen Buchprojekt, die Idee eines Karl-Theodor-Buches habe man nach dem Rücktritt wiederholt diskutiert. Di Lorenzo war nicht der Erste, der gefragt worden ist, ob er das Gespräch führen wollte. Mitte Oktober war dann das Einverständnis Guttenbergs und di Lorenzos zu einem Gesprächsband gegeben. Zu diesem Zeitpunkt hat Guttenberg vermutlich schon gewusst, dass ihm kein Strafverfahren mehr drohte, womöglich war ihm sogar schon die Höhe des Bußgeldes bekannt. Er konnte di Lorenzo in London treffen und die Gespräche gründlich redigieren, er konnte nach Halifax reisen, die Presse war alarmiert, und er konnte dort bei seinem ersten Auftritt dann über Politik reden statt über Schuld. Über die Euro-Krise, die Lage der Alten Welt, die er „sehr pessimistisch“ beurteile. „Kein Politiker in Europa zeigt genügend Gefühl und Verständnis für die Menschen. Das klingt banal, ist aber Teil der Wahrheit“, sagte er in Halifax.

Nähe zu den Menschen hatte ihm, kurz vor seinem Rücktritt, noch Giovanni di Lorenzo attestiert - und Guttenberg zu einem Heilmittel für die Politikverdrossenheit der Menschen erklärt. „Wenn eine Doktorarbeit tatsächlich der Maßstab zur Beurteilung der Befähigung eines Politikers sein sollte, dann hätte Karl-Theodor zu Guttenberg schlechte Karten“, hatte di Lorenzo damals in einem Leitartikel geschrieben. „Sein Amt soll er behalten.“

Klagen über den Ton der Kritiker

In den bislang veröffentlichten Auszügen aus den Gesprächen kniet Guttenberg vor di Lorenzo auf dem Sünderbänklein und kasteit sich für seinen „ungeheuerlichen Fehler“. Der schlimmste Fehler seines Lebens. „Ein gerüttelt Maß an Eitelkeit“ attestiert er sich. Aber bewusst betrogen habe er nicht. Vorsatz will er nicht gekannt haben. Auf di Lorenzos Aufforderung erklärt er sich dazu bereit, das vor Gott zu bezeugen - tut es dann aber nicht tatsächlich. Immer wieder beschreibt er seine „chaotische Arbeitsweise“. Er habe irgendwann nicht mehr gewusst, was von ihm, was von anderen stamme. Bei diesem letzten Wort bleibt er.

Der Befragte zeigt sich indigniert über die Tatsache, dass seine zerknirschten Auftritte während der Affäre „überhört“ worden seien. „Man“ habe sich doch entschuldigt. Immer wieder klagt der ehemalige Minister über den Ton seiner Kritiker. Er selbst würde mit Politikerkollegen nie so umgehen, sagt er. Besonders abstrus wird er, als er das Urteil eines Juristen nicht nur damit zurückweist, dass der Mann sich als Jurist äußern sollte und nicht als Person, sondern auch damit, dass seine Arbeit ja eine juristische gewesen sei. Es gibt ähnlich verstiegene Stellen - wenn er hätte betrügen wollen, hätte er nicht so dumm betrogen, sagt Guttenberg. Überhaupt sei er kein Plagiator, weil er ja kein Buch in Gänze abgeschrieben habe.

Er will sich seine Zukunft offenhalten

Das, was Guttenberg in dem Gespräch zur Lage der deutschen Parteien sagt, hat bereits für einigen Unmut bei den ehemaligen Weggefährten gesorgt. Die großen Parteien litten an mangelnder Bindung an die „überwältigende Mehrheit“ des Volkes - die CSU inklusive, in der sich, so der CSU-Mann Guttenberg, doch „viele Spinnweben gebildet“ hätten. Horst Seehofer kommentierte diese Passagen mit „völlig daneben“, er bat Guttenberg denn auch gleich nach Erscheinen des Vorabdrucks, „diese bekannten Wortgirlanden zu beenden“. Es sei, sagte Seehofer, kein guter Stil, alles und jeden herabzusetzen, um sich selbst zu erhöhen. Der ehemalige CSU-Chef Huber sagte, es gebe in der CSU keine vakanten Stellen, keinen freigehaltenen „Thron“ für Guttenberg. Vielleicht braucht er den aber auch nicht - eine neue Partei in der „Mitte“ hält Guttenberg für durchaus denkbar.

So ist denn auch der Titel des Buches - „Vorerst gescheitert“ - Aussage genug zu dem letzten Fragekomplex im Vorabdruck der „Zeit“. Ob er wiederkehren wolle. Witzelnd lehnt Guttenberg eine Antwort zu dieser Frage ab. Er wolle sich seine Zukunft offenhalten. Dabei hat seine Zukunft längst begonnen. So „neu“ ist dieser Guttenberg, dass er die Brille nicht mehr braucht. Die Augen seien besser geworden, sagt er.

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Jahrgang 1982, Redakteur in der Politik.

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