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Veröffentlicht: 16.02.2011, 17:47 Uhr

Guttenberg-Dissertation Anfang bei F.A.Z. abgeschrieben

Bundesverteidigungsminister Guttenberg hat den Anfang seiner Dissertation aus einem F.A.Z.-Artikel abgeschrieben. Der einleitende Absatz der Arbeit deckt sich fast wörtlich mit einem Text der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig. „Das ist eindeutig ein bewusstes Plagiat“, sagte Medienwissenschaftler Weber gegenüber FAZ.NET.

© Duncker & Humblot, F.A.Z. Doktorarbeit (links) und F.A.Z.-Artikel

Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg sieht sich Plagiatsvorwürfen ausgesetzt. So wird ihm unter anderem zur Last gelegt, den Anfang der Einleitung seiner 2006 eingereichten Dissertation aus einem Artikel in dieser Zeitung abgeschrieben zu haben. Das ergaben Recherchen der F.A.Z. Der Beginn der Arbeit mit dem Titel „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ deckt sich fast wortwörtlich mit einem am 27. November 1997 in der F.A.Z. erschienenen Text der Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig über das Vorbild Amerikas für Europa. Das Zitat aus dem Text mit dem Titel „Das Experiment einer großräumigen Republik“ ist bei Guttenberg weder im Text kenntlich gemacht noch ist Frau Zehnpfennig als Quelle angegeben. Lediglich im Literaturverzeichnis ist ihr Text kommentarlos aufgeführt - sowie an einer weiteren Stelle im Buch, dort allerdings in einem völlig anderen Zusammenhang.

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Auch an einer weiteren Stelle in seiner Arbeit hat zu Guttenberg eine Passage aus einem Aufsatz des Ökonomen Roland Vaubel fast wörtlich übernommen, der in der Neuen Zürcher Zeitung und in veränderter Form auch in der F.A.Z. erschienen ist. Auch dort weist zu Guttenberg das Zitat nicht korrekt mit Anführungszeichen oder Einrückungen aus, sondern verweist in der Fußnote lediglich - wissenschaftlich unkorrekt - per „Vergleich“ auf „R. Vaubel“ in der NZZ. Schon der Bremer Jurist Andreas Fischer-Lescano hatte in der „Süddeutschen Zeitung“ von zahlreichen bei diversen Autoren abgeschriebenen Passagen in der Arbeit berichtet und von einem „dreisten Plagiat“ gesprochen.

Zahlreiche Passagen ohne Quellennennung

Nach FAZ.NET-Recherchen sind bislang mehr als 20 Passagen bekannt, die zu Guttenberg von anderen Autoren im Wortlaut oder nur leicht abgeändert übernommen haben soll, ohne sie wissenschaftlich korrekt als Zitat kenntlich zu machen. In einer Rezension der Doktorarbeit in der Februar-Ausgabe der Fachzeitschrift „Kritische Justiz”, die in diesen Tagen erscheint, stellt Fischer-Lescano offen infrage, dass die Arbeit als „Nachweis der Befähigung zu vertiefter wissenschaftlicher Arbeit“ dienen könne und listet in einer Anlage „Fundstücke“ zahlreiche Passagen auf, um den Plagiatsvorwurf zu belegen. Demnach hat sich zu Guttenberg in seiner Arbeit nicht nur bei der F.A.Z. und der Neuen Zürcher Zeitung bedient, sondern auch bei Forschern wie dem Liechtensteiner Wilfried Marxer, der Frankfurter Wissenschaftlerin Gret Haller oder auch einem Vortrag des früheren deutschen Botschafters in den Vereinigten Staaten, Günter Burghardt.

Guttenberg Vergleich NZZ Gott hat keinen Platz in der europäischen Verfassung Doktorarbeit (links) und Artikel der Neuen Zürcher Zeitung © Duncker & Humblot, NZZ Bilderstrecke 

Guttenberg selbst sagte, die Plagiatsvorwürfe seien „abstrus“. Er sei jedoch bereit zu prüfen, „ob bei über 1200 Fußnoten und 475 Seiten vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten“. Auch Guttenbergs Doktorvater Peter Häberle nahm ihn in Schutz und gab an, die Arbeit sei von ihm „in zahlreichen Beratungsgesprächen eingehend kontrolliert“ worden. Die Universität Bayreuth, an der Guttenberg die Dissertation eingereicht hatte, leitete am Mittwoch nach einer Sitzung der Kommission zur Selbstkontrolle in der Wissenschaft ein Prüfungsverfahren ein, wie Universitätspräsident Rüdiger Bormann mitteilte. Im Zuge des Verfahrens, das zur Aberkennung des Doktortitels führen könnte, muss Guttenberg sich nun schriftlich erklären.

Medienwissenschaftler: Doktortitel nicht mehr zu halten

Bundeskanzlerin Angela Merkel stärkte ihrem Minister derweil den Rücken. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte in Berlin, die Kanzlerin sehe, dass Guttenberg vor vielen Herausforderung stehe und diese gut meistere. Zugleich interessiere sich die CDU-Vorsitzende für den Sachverhalt und glaube, dass das Verfahren nun beim Ombudsmann der Universität Bayreuth in den richtigen Händen liege. Die Opposition kritisierte Guttenberg indes scharf. Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Trittin sagte, Guttenberg könne die Verantwortung nicht abschieben. „Egal ob vorsätzliches Plagiat oder Schlamperei.“

Mehr zum Thema

Der Dresdner Medienwissenwissenschaftler Stefan Weber sagte dieser Zeitung, nach der Faktenlage sei es fraglich, ob zu Guttenberg die Arbeit selbst geschrieben habe. Zu Guttenbergs Doktortitel sei jetzt nicht mehr zu halten. Den Verdacht, er habe möglicherweise einen Ghostwriter beauftragt, ließ zu Guttenberg am Mittwoch vorsorglich dementieren - und versicherte: „Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung.“

Dokumentation

„Das Experiment einer großräumigen Republik“ (Dr. Barbara Zehnpfennig, F.A.Z, 27.11.1997)

„E pluribus unum“, „Aus vielem eines“ - so lautete das Motto, unter dem vor rund 200 Jahren die amerikanischen Staaten zur Union zusammenfanden, und dieses Motto ist programmatisch zu verstehen. Das Land, das wie kein anderes den Pluralismus auf seine Fahnen geschrieben hat, eröffnet erst auf dieser einheitlichen, gemeinsamen Basis den Spielraum für die Entfaltung von Vielheit. Sich zu einer Nation zu vereinigen, die ursprüngliche autonome Vielfalt gegen einen von einer Zentralregierung gewährten Pluralismus einzutauschen bedeutete natürlich Verzicht; die bisher unter losem Konföderationsdach weitgehend selbständigen Einzelstaaten mußten um des Gemeinsamen willen den Anspruch auf das Eigene zurückschrauben und Souveränitätsrechte abgeben.

Wie schwer ein solcher Verzicht fällt, wie nahe das Eigene und wie fern das Gemeinsame erscheint, wenn man beides gegeneinander abzuwägen beginnt, zeigt sich in aller Deutlichkeit in dem schwierigen Prozeß der europäischen Einigung, der so mühsam und zäh vonstatten geht und daher auch so wenig Begeisterung zu erwecken vermag. Gerade angesichts dieser Schwierigkeiten ist es verlockend, sich mit den Argumenten zu beschäftigen, mit denen man damals, als es um die amerikanische Einigung ging, für und wider die bundesstaatliche Lösung focht und welches Modell der Vermittlung von Einheit und Vielfalt schließlich die Mehrheit überzeugte. (...)

 

Einleitung der Dissertation von Karl-Theodor zu Guttenberg, 2007

„E pluribus unum“, „Aus vielem eines“ - so lautete das Motto, unter dem vor über 215 Jahren die amerikanischen Staaten zur Union zusammenfanden. Ein Motto, das programmatisch zu verstehen ist. Das Land, das wie kein anderes den Pluralismus auf seine Fahnen geschrieben hat, eröffnet erst auf dieser einheitlichen, gemeinsamen Basis den Spielraum für die Entfaltung von Vielheit. Sich zu einer Nation zu vereinigen, die ursprünglich autonome Vielfalt gegen einen von der Zentralregierung gewährten Pluralismus einzutauschen bedeutete indes Verzicht; die bisher unter losem Konföderationsdach weitgehend selbständigen Einzelstaaten mussten um des Gemeinsamen willen den Anspruch auf das Eigene zurückschrauben und Souveränitätsrechte abgeben.

Wie schwer ein solcher Verzicht fällt, wie nahe das Eigene und wie fern das Gemeinsame erscheint, wenn man beides gegeneinander abzuwägen beginnt, zeigt sich in aller Deutlichkeit in dem schwierigen Prozess der europäischen Einigung, der so mühsam und zäh vonstatten geht und daher auch weiterhin so wenig Begeisterung zu erwecken vermag. Gerade angesichts dieser Schwierigkeiten erscheint es angebracht, sich mit einigen Argumenten und Grundfragen zu beschäftigen, mit denen man damals, als es um die amerikanische Einigung ging, für und wider die bundesstaatliche Lösung focht und zu ermitteln, welches Modell der Vermittlung von Einheit und Vielfalt schließlich die Mehrheit überzeugte. (...)

Quelle: FAZ.NET

 

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