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Gute Prämie, böse Prämie Vom Nutzen des Abwrackens

22.02.2009 ·  Während Autohändler und Hersteller die Abwrackprämie bejubeln, spüren Verwerter, Werkstätten und Gebrauchtwagenhändler die Nachteile der Intervention. Die Schrottschwemme verheißt nicht nur Freude; zudem werden auch ordentliche Autos verschrottet.

Von Jan Grossarth und Lydia Harder
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Im gläsernen Volkswagen-Zentrum Frankfurt hat die staatliche Abwrackprämie zwei sehr unterschiedliche Ehepaare miteinander ins Gespräch gebracht: Das eine, junge Paar sind die Auslandskorrespondenten der Zeitung „Journal do Brasil“, Martina und Mauricio Jordan, das andere sind ältere Frankfurter Eheleute. Die grauhaarigen Hessen haben gerade ihren 19 Jahre alten Ford abgegeben und lassen sich von den Journalsiten strahlend in ihrem neuen silbernen VW Polo fotografieren. Die brasilianische Journalistin interviewt die Deutschen für einen Bericht darüber, wie das Autoland Deutschland seiner Schlüsselindustrie helfen will. „Mit der Abwrackprämie rettet ihr doch vor allem Arbeitsplätze in China und Japan“, sagt Mauricio Jordan, „wir werden schreiben, dass Angela Merkel da großen Unsinn macht.“

Die Inhaber und Angestellten der Autohäuser sind gegensätzlicher Meinung. Sie loben die am Freitag vom Bundesrat abgesegnete Abwrackprämie von 2500 Euro für Kunden, die ihren mindestens neun Jahre alten Wagen gegen einen „umweltfreundlichen“ Neu- oder Jahreswagen austauschen, in höchsten Tönen. Der Verkaufsleiter Bernd Uwe Pronchow hat vor lauter Verkauf kaum Zeit und bemerkt hektisch, seit vier Wochen arbeiteten er und seine Verkäufer „auf Volldampf“, die Nachfrage nach den Modellen Polo, Golf und Touran seit Einführung der Prämie im Januar drei bis vier mal so hoch, wie im Vorjahreszeitraum.

Es entsteht eine wahre Schrottschwemme

In einem großen Gebrauchtwagenhaus im Frankfurter Westen heißt es dagegen, man spüre deutlich, dass die staatlichen Verschrottungs-Zuschüsse auch negative Wirkungen hätten: Die Preise für ältere Gebrauchtwagen fielen deutlich, die Nachfrage sei weggebrochen. Einzig Jahreswagen – deren Käufer auch in Genuss der Prämie kommen können – seien fast ausverkauft. „Wir müssen die Preise der zwei, drei Jahre alten Gebrauchten deutlich nach unten anpassen“, sagt ein Verkäufer.

Noch Negativer sehen Schrotthändler den staatlichen Abwrack-Anreiz. Der Wiesbadener Schrotthändler Heinrich Kolb verschrottet momentan so viele Altwagen , wie seine Kapazitäten es erlauben, und „schlachtet“ diese vorher „aus“: er entnimmt den Motor, dann die Armaturen, Airbags und Sitze. Zum Schluss entnimmt er Türen, Reifen, Spiegel und Scheinwerfer. Die Teile sortiert er in Regale aus Eisenstangen. Doch da ist kein Platz mehr – die Magazine sind übervoll. Ein Albtraum für den Unternehmer: Vor der Abrwrackprämie florierte das Geschäft, jetzt ist sein Angebot an Teilen viel größer, als die Nachfrage. Aus einem Fahrzeug holte Kolb im Schnitt 200 Euro heraus. Die Autoteile verkaufte er an einen arabischen Exporteur, der sie in Containern in den Libanon verschifft. Doch nun sitzt er auf immer mehr Teilen. Es entsteht eine wahre Schrottschwemme, der Wert der Teile sinkt rapide.

„Das sind einwandfreie Autos“, sagt der Schrotthändler Kolb. Es sind zum Teil sehr umweltfreundliche Wagen, die auf seinem Schrottplatz landen, der Lupo etwa, ein 1,4-Liter-Benziner. Heute hat eine 86 Jahre alte Frau ihren weißen Peugeot 205 bei Kolb vorbeigebracht. Mit dem staatlichen Zuschuss von 2500 Euro leistet sie sich nun einen Citroen. Ihr Peugeot erfüllt die Voraussetzung für die Abwrackprämie, er ist älter als neun Jahre. Doch er stand nur in der Garage, wurde gerade mal 30 000 Kilometer gefahren. „Zehn Jahre macht er es noch problemlos“, versichert Kolb. Aber er muss den Wagen zerlegen. Das Kieler Institut für Wirtschaftsforschung hatte solche Vorgänge kritisiert: die Abwrackprämie vernichte Wohlstand,“ indem funktionstüchtige Vermögenswerte nur aufgrund der staatlichen Prämiengewährung in der Schrottpresse landen.“

„Highlife in allen Gassen“

Auch Werkstätten klagen: sie befürchten weniger Arbeit, da die alten Wagen besonders reparaturbedürftig waren. Auch der Exporteur, mit dem Kolb zusammenarbeitet, meldet Umsatzeinbrüche. Seit Einführung der Abwrackprämie schrumpfte die Zahl der Autos, die er in den Nahen Osten weiterverkaufen kann, auf ein Viertel. Eine „ordnungspolitische Sünde“ sei die Prämie, sagte der FDP-Wirtschaftspolitiker Philipp Rösler am Freitag im Bundesrat. Und das Kontingent an staatlichen Zuschüssen ist noch lange nicht ausgeschöpft: Beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle sind bis zum Freitag 94 691 Anträge auf eine Abwrackpräme eingegangen. 1,5 Milliarden Euro sind für die Umweltprämie vorgesehen, es können also insgesamt rund 600.000 Anträge berücksichtigt werden.

Am lautesten jubeln die Autohäuser, die neue Klein- und Mittelklassewagen vertreiben. Auch die ganz kleinen Händler, wie das Renault-Autohaus Langmann in einem Industriegebiet im Mainzer Stadtteil Kastel. Das Haus besteht aus einer Werkstatt, einem Hinterhof und einem Verkaufsraum, in dem fünf Autos Platz haben. Drinnen ist die Holzdecke weiß gestrichen, eine Urkunde an der Wand bezeugt die 40-jährige „Zugehörigkeit zur Renault Organisation“. Einer der beiden Inhaber, Jörg Langmann, sagt: „Die letzten Wochen war bei uns Highlife in allen Gassen. Wenn es so weiter geht, wie bisher, werden wir uns nicht beschweren. Da hat die Regierung wirklich mal was Gutes gemacht.“

Autounternehmer singen Loblieder auf den Staat

Rund 45 Autos hatte der Händler auf Lager, jetzt seien es nur noch zehn. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) weist daraufhin, dass die deutschen Hersteller in der letzten Januarwoche erstmals seit September 2008 wieder einen Zuwachs der Auftragseingänge –- und zwar um 16 Prozent – verzeichnen konnten. Doch auch bei dem japanischen Autohersteller Toyota steigt der Absatz stark. Einige Autohäuser verkauften doppelt so viele Autos. Die Produktion wurde angekurbelt – im Ausland. Toyota bezieht seine Wagen unter anderem aus Tschechien, Frankreich, England und der Türkei.

Plötzlich singen die Autounternehmer Loblieder auf den Staat. Im Mainzer Norden will das große Opel- und Ford-Autohaus „Delta Automobile“ „drei bis vier mal so viel, wie im Vorjahresmonat“ verkauft haben, mehr als 2000 Autos in den vergangenen vier Wochen. Geschäftsführer Schahriar Pirzadeh trägt einen orangefarbenen Schal über schwarzem Anzug und lobt die positive Umweltwirkung der Prämie. Kritik an der staatlichen Prämie findet er „typisch deutsch“: „Das ist eine Win-Win-Situation, wir profitieren, und der Staat profitiert durch seine Mehreinnahmen bei der Mehrwert- und Umsatzsteuer und dadurch, dass weniger Menschen Arbeitslosengeld und Kurzarbeitsgeld bekommen“. Etwas wundere ihn das Kundenverhalten, sagt der Händler: „Wenn ich einen Rabatt von 2500 Euro auf ein Auto anbiete, kaufen sie es nicht. Wenn der Staat zahlt, kaufen sie es.“

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

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