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Gustl Mollath : Sein bester Anwalt

  • -Aktualisiert am

Gustl Mollath im Juni vor seiner Vernehmung im Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags Bild: dpa

Der berühmteste Psychiatriepatient der Republik tritt vor dem Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags als Zeuge in eigener Sache auf: Sprachlich präzise und äußerst rational ist Gustl Mollath der beste Anwalt seiner selbst.

          Der CSU-Abgeordnete Florian Herrmann, der den Vorsitz im Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags zum Fall Gustl Mollath führt, ist kein unfreundlicher Mann. Am Dienstag war er aber gleich zu Beginn der Sitzung ungehalten und mahnte die Zuhörer, sie seien in keiner Talkshow. Denn sie hatten den ersten Zeugen des Tages mit Beifall begrüßt, als gelte es, in einem Fernsehstudio für Atmosphäre zu sorgen.

          Es war freilich kein gewöhnlicher Zeuge, der vor dem Ausschuss erschien, sondern Gustl Mollath selbst. Hermann beeilte sich, seine Ausführungen zum Wesen eines parlamentarischen Untersuchungsgremiums zu ergänzen: Es sei auch kein Gericht, das entscheiden könne, ob Mollath zu Unrecht gegen seinen Willen in der Psychiatrie untergebracht sei. Die Abgeordneten könnten nur der Frage nachgehen, ob Strafverfolger und Steuerfahnder angemessen auf Anzeigen und Schreiben Mollaths reagiert hätten.

          Präzise und prägnant

          Mollath nickte zu diesen Ausführungen zustimmend, als nehme er an einem staatsrechtlichen Kolloquium teil. Als ihm das Wort erteilt wurde, sprach er mit einer Präzision, als wäre er die ganzen Jahre nicht Beschuldigter und Angeklagter gewesen, sondern Staatsanwalt oder Richter. Prägnant fasste er seinen Fall aus seiner Sicht zusammen.

          Wie er beginnend in den neunziger Jahren bemerkt habe, dass seine Frau von ihrem Arbeitgeber, einer Bank, dazu angehalten worden sei, Kunden bei der Verschiebung von Schwarzgeld in die Schweiz behilflich zu sein. Wie seine Frau nach einiger Zeit damit begonnen habe, noch eigene zweifelhafte Geschäfte zu tätigen. Wie er aus der Befürchtung heraus, seine Frau werde dieses Gebaren zum Verhängnis werden, bei den beteiligten Banken vorstellig geworden sei. Er habe aber bemerkt, dass dort nur das Interesse bestanden habe, herauszufinden, ob er mit seinem Wissen gefährlich werden könne.

          Keine Talkshow, kein Fernsehstudio: Gustl Mollath im medialen Fokus
          Keine Talkshow, kein Fernsehstudio: Gustl Mollath im medialen Fokus : Bild: dpa

          Es war eine Geschichte mit vielen Seitensträngen – Mollath brachte sie immer wieder auf den Punkt, als sei er geschult, juristische Sachverhalte zu formulieren. Seine Frau habe schließlich begonnen, ihm mit Zivilverfahren und Anzeigen den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Mollath, begleitet von zwei Anwälten, war an diesem Tag sein bester Anwalt, indem er zielsicher auf die Frage zusteuerte, warum er, je länger die Auseinandersetzung mit seiner Frau dauerte, für seine Schreiben an Justiz und Steuerbehörden eine Form wählte, die den Eindruck erwecken konnte, hier werde eine querulatorische Neigung ausgelebt.

          Seine Frau – von der Mollath später geschieden wurde – habe verbreitet, dass er sich in den zurückliegenden Jahren immer mehr zu seinem Nachteil verändert habe; dem habe er entgegentreten wollen, in dem er ein breiteres Bild seiner Persönlichkeit habe bieten wollen.

          Es war ein Weg, der Mollath in einen psychischen Ausnahmezustand brachte – daran lassen die Wortwahl und das Schriftbild seiner damaligen Schreiben keine Zweifel. Mollath war zu dieser Zeit alles andere als ein guter Anwalt seiner selbst. Statt nur kühl Sachverhalte mitzuteilen, bei denen die Bank, bei der Frau Mollath beschäftigt war, bei einer internen Prüfung zu dem Schluss kam, sie seien zutreffend, garnierte er seine Schreiben mit Tiraden über eine „geldgeile Gesellschaft“.

          Gericht: „Paranoide Wahnsystematik“

          Er machte es dem Landgericht Nürnberg-Fürth, vor dem er sich 2006 wegen angeblicher Misshandlung seiner Frau und angeblicher Reifenstechereien verantworten musste, leicht, ihn in die Psychiatrie einzuweisen, weil er „an einer paranoiden Wahnsystematik“ leide und glaube, „Schwarzgeldkreise“ hätten sich gegen ihn verschworen.

          Es war ein Urteil, das diesen Namen nicht verdient, weil Grundregeln der Juristerei missachtet wurden – nicht einmal Ansätze einer Beweiswürdigung finden sich darin. Mittlerweile ist auch die Staatsanwaltschaft überzeugt, dass es ein Fehlurteil ist; sie hat wie die Anwälte Mollaths eine Wiederaufnahme des Verfahrens beantragt hat. Der neue Prozess wird das entscheidende Forum für Mollath sein – nicht der Untersuchungsausschuss.

          Mollath war dies am Dienstag bewusst, als er einmal die kühle Rationalität, in die er seine Aussage kleidete, abstreifte. Wenn er doch nicht auf freien Fuß käme, sollten die Abgeordneten mit einer Gesetzesänderung wenigstens dafür sorgen, dass Menschen wie er in Sicherungsverwahrung genommen würden, bat er; dort sei es erträglicher als in der Psychiatrie. Es war in diesem Augenblick vollkommen still in dem Konferenzraum des Landtags, in dem der Untersuchungsausschuss verhandelte – ganz ohne Ermahnungen des Vorsitzenden.

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