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Veröffentlicht: 18.03.2016, 15:23 Uhr

Zum Tod von Guido Westerwelle Triumph und Niederlage

Guido Westerwelle war ein „political animal“; ein sich stets neu erfindender Politiker, der messerscharf formulieren und noch leidenschaftlicher polarisieren konnte. Dass die FDP unter ihm nicht nur ihre größten, sondern auch ihre schlimmsten Zeiten erlebte, hat ihn bis zuletzt geschmerzt.

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© Barbara Klemm Trauer um Guido Westerwelle: Ein Rückblick in Bildern

Unter Guido Westerwelle hat die FDP ihren größten Sieg gefeiert und ihren jähsten Absturz erlebt. Abgesehen von Angela Merkel gibt es keinen anderen Politiker in Deutschland, der in den vergangenen zwanzig Jahren eine Partei so sehr geprägt hat wie dieser sich stets neu erfindende Mann. Westerwelles stärkste Phase in seinem politischen Leben waren jene als Oppositionsführer im Bundestag. Da konnte der messerscharf formulierende, leidenschaftliche Polarisierer sein ganzes Talent einbringen und die große Koalition vor sich hertreiben.

Majid Sattar Folgen:

Diese Phase begann am Abend der Bundestagswahl 2005, als der FDP-Vorsitzende in der „Elefantenrunde“ im Fernsehen einem wie aufgeputscht wirkenden Gerhard Schröder gegenübersaß und beobachtete, wie dieser Angela Merkel anging, man möge doch bitte die Kirche im Dorf lasse, sie werde gewiss nicht Kanzlerin. Während die CDU-Vorsitzende seltsam irritiert wirkte, ging Westerwelle sogleich zum Gegenangriff über: „Herr Bundeskanzler, ich bin vielleicht jünger als Sie, aber nicht dümmer!“ Die FDP verweigerte sich einem Ampelbündnis und zwang damit die SPD in die große Koalition unter Merkels Führung. Es war dies die Voraussetzung dafür, aus den annähernd zehn Prozent für die FDP von 2005 vier Jahre später annähernd 15 Prozent zu machen. Nach diesem Triumph wurde Westerwelle Außenminister und Vizekanzler, womit sein politischer Abstieg begann.

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Damals, 2009, gehörte Westerwelle längst zum politischen Inventar der Bundesrepublik. Noch während der Kanzlerschaft Helmut Schmidts hatte der 1961 geborene Bonner Jura-Student die Jungliberalen mitgegründet und bald selbst übernommen. Als Prätorianergarde Hans-Dietrich Genschers unterstützte die neue Nachwuchsorganisation dessen Wende von der sozialliberalen zur christlich-liberalen Koalition. Westerwelle avancierte bald zur Kühlerfigur des sogenannten neoliberalen Zeitgeistes: frech, laut und schrill trat er auf, wobei er, der damals über seine Homosexualität noch nicht öffentlich sprach, sich über letztere Etikettierung später, nach seinem Coming out, mokierte, weil er darin eine homophobe Chiffre sah.

© ZDF Im vergangenen November trat Guido Westerwelle nach langer Abwesenheit wieder in der Öffentlichkeit auf, um das Buch vorzustellen, das er über seine Krebs-Erkrankung geschrieben hatte. Damals gab er sich hoffnungsvoll, dass er den Kampf gegen die Krankheit gewinnen würde.

Westerwelle blieb auch in den Jahren nach der Niederlegung des Juli-Vorsitzes das Gesicht der nächsten FDP-Generation. Die frühen neunziger Jahre waren für ihn eine Leidenszeit. Er beklagte, dass die Liberalen an der Seite Helmut Kohls zur reinen Funktionspartei verkämen: gesellschaftspolitisch brav und wirtschaftspolitisch mutlos. Als die Partei aus mehreren Landtagen flog, begann Westerwelles Zeit. 1994 machte ihn der damalige Parteivorsitzende Klaus Kinkel zum Generalsekretär, was dieser als Auftrag verstand, der Partei wieder ein schärferes Profil zu verleihen. Das führte unter dem Kinkel-Nachfolger Wolfgang Gerhardt unweigerlich zu Konflikten und irgendwann zu der Überlegung, nur ein Sturz Gerhardts biete einen Ausweg. Inzwischen – nach der rotgrünen Wende 1998 – war die FDP in der Opposition und suchte ihre neue Rolle. Westerwelle verbündete sich zeitweise mit Jürgen Möllemann, dem starken Mann der Partei aus Nordrhein-Westfalen, zermürbte Gerhardt und wurde 2001 der bis dahin jüngste Vorsitzende der FDP.

Wahl Köhlers als Lebenswende

Auch in dieser Zeit lagen Triumph und Niederlage dicht beieinander: Das Projekt 18, mit dem Westerwelle die FDP zur einer „Partei für das ganze Volk“ machen wollte (um das stigmatisierende Label der Besserverdiener-Partei zu überwinden ) wurde zunächst genährt durch Spaßpolitik: Guidomobil, Besuche im Big-Brother-Container und Talkshow-Auftritte mit Parteiwerbung auf den Schuhsohlen, kurzum: Dinge, die Westerwelle bald selbst peinlich waren. Hinzu kam, dass Möllemann, der schwierige Verbündeten, der nun zunehmend zum Konkurrenten wurde, das Projekt inhaltlich ganz anders füllte. Die Auseinandersetzung mit dem mächtigen Landesvorsitzenden aus Düsseldorf kulminierte im sogenannten Antisemitismus-Streit, illegalen Finanzierungsmethoden politischer Aktionen und schließlich dem Selbstmord Möllemanns. Damals drohte die gerade erst begonnene Karriere Westerwelles schon an ihr Ende gekommen zu sein. Stattdessen erfand er sich neu und legte das Luftikus-Kostüm ab. Die gemeinsam mit Merkel durchgesetzte Wahl Horst Köhlers zum Bundespräsidenten und das Auftreten mit seinem Lebenspartner Michael Mronz in der Öffentlichkeit markierten eine Wende im Leben Westerwelles: Das private Versteckspiel endete und beruflich ging es nun aufwärts.

© dpa, reuters Guido Westerwelle ist gestorben

Wie sehr alte Images aber auch nach den Jahren, in denen er neben dem Partei- auch den Fraktionsvorsitz inne hatte, an ihm kleben blieben, spürte Westerwelle 2009, als er auf der Regierungsbank Platz nahm. Fehler, die er anfangs beging, ob im Umgang mit britischen Journalisten oder bei der Zusammensetzung seiner Wirtschaftsdelegation auf ersten Auslandsreisen, wurden ihm ohne Gnade und mit all dem Hohn und Spott des deutschen Mediensystems vorgehalten. Westerwelles trotzige Reaktion („Ihr kauft mir den Schneid nicht ab“) machte ihn in der Folge unempfänglich für berechtigte Kritik: etwa, dass es als Außenminister nicht darum geht, nur so viel über ein Dossier zu wissen, wie für eine fehlerfrei verlaufene Pressekonferenz nötig ist.

Außenministerium als Erbhof der Liberalen

Westerwelle hatte sich in den Jahren der Opposition nicht als Außenpolitiker profiliert. Er sah in dem Amt im Grunde einen Erbhof seiner Partei, mit dem eine quasi natürliche Ansehenssteigerung des Außenministers verbunden ist. Die Amtszeit Westerwelles ist allerdings rückblickend ein Beweis dafür, dass es diesen Automatismus nicht gibt. Mehr und mehr Diplomaten im Auswärtigen Amt, die das Selbstverständnis prägte, noch aus jedem Politiker einen ordentlichen Außenminister gemacht zu haben, verzweifelten an ihm.

Europapolitisch – zumal Euro-politisch – hatte das Auswärtige Amt schon vor ihm an Kompetenz verloren. Hinzu kam nun, dass Westerwelle (und Merkel) mit der Entscheidung, sich 2011 im UN-Sicherheitsrat in der Frage der Militäraktion gegen das Gaddafi-Regime in Libyen zu enthalten, Deutschland im westlichen Bündnis isolierte. Dass die Nato, vor allem London und Paris, nach den Luftschlägen das nordafrikanische Land sich selbst überließ – mit allen Folgen, die heute zu besichtigen sind –, diente ihm nachträglich noch als Rechtfertigung. Dass Berlin dies hätte verhindern können – das wollte er nicht hören. Es barg eine Tragik, dass der Beginn der Arabellion Westerwelle eigentlich die Chance geboten hatte, seiner Amtszeit ein Thema zu geben: die Unterstützung des Freiheitsstrebens der arabischen Völker und die Abwehr islamistischer Gefahren.

In der FDP hatte damals das Rumoren längst begonnen. Westerwelle, das Zugpferd von einst, war zur Belastung geworden. Im Frühjahr 2011 musste er den Parteivorsitz und das Amt des Vizekanzlers niederlegen. Freilich muss es ihn später mit ambivalenten Gefühlen erfüllt haben, dass seine Nachfolger die Krise seiner Partei noch vergrößerten. Dass die FDP, die solange wie keine andere Partei das Land regierte, im Herbst 2013 nicht wieder in den Bundestag einzog, traf Westerwelle schwer: weil er wusste, dass die Schmach vor allem mit seinem Namen verbunden bleiben werde, aber auch, weil er spürte, dass er, mit dem die Probleme angefangen hatten, ironischerweise diese Schmach hätte verhindern können. Im Wahlkampf war dem Außenminister förmlich anzusehen, wie sehr er darunter litt, die Kampagne seinem Nachfolger Philipp Rösler überlassen zu müssen.

Der Abschied aus der aktiven Politik gelang ihm, dem „political animal“, erstaunlich gut. Westerwelle gründete eine Stiftung, die den Mittelstand in Umbruchländern fördern will, und nahm Tätigkeiten in Kuratorien an. Im Frühsommer 2014 erhielt er die Diagnose akute Leukämie. Nach einer Knochenmark-Transplantation zeigte er sich ein Jahr später, als er für einige Zeit wieder Termine in Berlin wahrnahm, vorsichtig zuversichtlich, die Krankheit besiegt zu haben. Er wusste aber, dass er noch nicht über dem Berg war. „Ich habe überlebt, weil es irgendwo in Deutschland einen Menschen gibt, der mir von seinem Blut abgegeben und mir damit ein neues Leben geschenkt hat. Mein Dank ist nicht in Worte zu fassen“, schrieb er in einem Buch über seine Erkrankung. Im November musste er abermals ins Krankenhaus – zur notwendigen Medikamenten-Umstellung. Am Freitag ist Guido Westerwelle gestorben.

Quelle: F.A.Z.

 

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