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Guido Westerwelle Der Minister im Epizentrum

12.11.2011 ·  Von Ostwestfalen aus erschüttert Frank Schäffler mit seinem Mitgliederentscheid die FDP, Westerwelle kennt die Gegend aus seiner Jugend. Nun trafen beide in Rheda-Wiedenbrück aufeinander.

Von Christiane Hoffmann, Rheda-Wiedenbrück
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© dapd Zumindest die Bewunderung für Westerwelles rhetorisches Talent ist noch nicht ganz verloschen

Guido Westerwelle ist in die Höhle des Löwen gekommen. „Das Epizentrum“ nennen sie in Berlin den Kreis Ostwestfalen-Lippe, wo der Abgeordnete Frank Schäffler die Liberalen anführt. Denn von hier aus erschüttert der Mitgliederentscheid über die Euro-Rettung die FDP. Neben Schäffler kommen zwei weitere Antragsteller von hier. Auch Westerwelle kennt die Gegend. Vor 25 Jahren hat er im nahen Bielefeld zum ersten Mal für den Bundestag kandidiert, seine Mutter stammt aus dieser Region. Aber jetzt ist hier Frank-Schäffler-Country.

Die Höhle des Löwen ist eine Veranstaltungshalle am Rande von Rheda-Wiedenbrück unweit von Gütersloh. Der Löwe ist nervös, während er im Vorraum der Halle auf den Außenminister wartet. Immer wieder schaut Schäffler zur Tür, er macht sich bereit, seinen Widersacher zu begrüßen. Er trägt einen ebenso feinen Anzug, eine ebenso edle Uhr und eine ebenso auffällige schwarze Designer-Brille wie der Minister. Aber er weiß, dass er nicht denselben Schneid hat, dass er rhetorisch gegen Westerwelle nicht bestehen wird. Er hat gesehen, wie der andere die Stimmung herumreißen kann.

Westerwelle müsste nicht hier sein

Mehr als ein Dutzend Kämpfe hat Schäffler in den vergangenen Wochen gefochten. 160 solcher Veranstaltungen werden bis zur Entscheidung am 13. Dezember abgehalten. Immer tritt Schäffler gegen ein Mitglied des Parteivorstands an. Er erklärt dann, warum die Liberalen dem permanenten Rettungsschirm ESM nicht zustimmen sollen, und ein Parteipromi aus Berlin hält dagegen. Die Parteiführung weiß, dass der Mitgliederentscheid gefährlich ist. Die Basis könnte ihren Unmut über die da in Berlin an der Euro-Frage auslassen. Mancherorts bot der Vorstand gleich drei Schwergewichte gegen Schäffler auf. Er brachte die alten Schlachtrosse Genscher und Kinkel dazu, ihren Antrag zu unterzeichnen. Aber Schäffler findet, dass es bisher gut gelaufen ist. Je weiter man sich von Berlin entferne, desto eindeutiger sei die Stimmung auf seiner Seite, sagt er.

Als Westerwelle mit seinem Tross von Leibwächtern in die Halle stürmt, nimmt er den Löwen gar nicht zu Kenntnis. Der Außenminister grüßt, schüttelt Hände, posiert für eine Kamera. Dann erst fällt sein Blick auf Schäffler. „Oh Entschuldigung, hallo Frank.“ Aber auch Westerwelle ist angespannt. Während Schäffler spricht, sitzt der Minister auf dem Podium keinen Moment still. Er lehnt sich zurück, lehnt sich vor, setzt die Brille ab, setzt sie wieder auf, blickt Schäffler an, als höre er gespannt zu, blickt sinnierend in die Ferne, als löse er die Probleme der Welt. Einen parteipolitischen Auftritt hat es für ihn nicht mehr gegeben, seit er im Frühjahr vom Vorsitz verdrängt wurde. Westerwelle müsste nicht hier sein. Aber er wollte diesen Auftritt, wollte endlich wieder kämpfen.

Er bleibt ein exzellenter Redner

Der Löwe brüllt nicht gut. Sein Mund ist vor Aufregung trocken, er stockt, seinen Sätzen fehlt der Zusammenhang. Einige seiner Argumente haben ihre Schlagkraft verloren, seit der Schuldenschnitt für Griechenland beschlossen ist. Ein Austritt aus dem Euro ist kein Tabu mehr. Jetzt fehlt Schäffler ein überzeugender Gegenentwurf. Trotzdem wird er häufig von Applaus unterbrochen. Der Saal dürstet nach Kritik an der Parteiführung. „Sag’ es, Frank!“ ruft einer. „Die Regierung kann ihre Politik nicht erklären“, sagt Schäffler, „sie können uns nur Angst machen. Der Domino-Effekt wird uns eingeredet.“ Im Saal wird es laut. Man ist auf seiner Seite.

Westerwelle stockt kein einziges Mal. Er bleibt ein exzellenter Redner, die Gestik stimmt, er federt in den Knien, der ganze Körper ist im Einsatz. Tak, tak, tak, kommen die Worte, die Sätze. Sie sitzen, sie sind gut formuliert. Systemrelevant für Europa seien nicht nur Banken, sondern die Bürger. Und Europa sei zu wichtig, um über sein Schicksal in Hinterzimmern zu entscheiden. „Anderen Parteien täte es auch gut, mit ihrer Basis ins Gespräch zu treten“, ruft er, als hätte sich die Parteiführung den Mitgliederentscheid gewünscht. Oft hebt er den Zeigefinger. Seine Hände begleiten die bekannten Argumente: Griechenland und seine Hausaufgaben, Brandmauern, verantwortbares Risiko. „Worthülsen“, murmelt einer im Publikum. Ein anderer: „Er spricht total an den Menschen vorbei.“

Wer garantiert, dass der Euro nicht doch fällt?

Westerwelle dreht weiter auf. „Harte Sanktionen, harte Währung und mit heißem Herzen für Europa!“ Bei Schäffler war das Mikro richtig eingestellt. Bei Westerwelle ist es zu laut. „Meine Damen und Herren, liebe Parteifreundinnen und Parteifreunde“, brüllt er. Mehr als 300 sitzen im Saal, das ist nicht wenig, aber Westerwelle spricht zu Millionen. Er feuert wie ein Schütze, der zum übergroßen Kaliber greift, damit keiner merkt, dass er nur Platzpatronen verschießt. Die Salven tönen über die Köpfe hinweg. Kopfschütteln, Achselzucken, Murren unter den Zuhörern. Später, als sie sich zu Wort melden können, sagt einer: „Vielleicht haben Sie das nicht verstanden, Herr Doktor Westerwelle: Dies ist kein Wahlkampf.“ Bitte nicht schießen. „Sie sind hier unter liberalen Freunden.“

In den Wortmeldungen aus dem Saal mischen sich die Zweifel an der Rettungspolitik mit dem Frust über den Niedergang der Partei und der Wut auf die Führung. Immer wieder erheben sich ältere Herren in gelben Pullovern, die zuerst sagen, wie viele Jahrzehnte sie schon in der Partei sind. Sie schämen sich, sie sind wütend: Was tut ihr da? Manche Beiträge klingen verzweifelt, manche chaotisch. Aber meistens sind es berechtigte Fragen: Wie wollen Sie durchsetzen, dass Stabilitätsregeln eingehalten werden? Wer garantiert uns, dass der Euro nicht doch fällt? Kann eine liberale Partei Eingriffe in die Souveränitätsrechte eines Landes wollen? Aber auch: Was wäre, wenn Schäfflers Antrag durchkäme, was würde dann aus der Regierung, aus der Partei?

Am Ende reicht es für höflichen Applaus

Auf dem Podium sitzt ein Moderator mit einem Küchenwecker. Der sorgt dafür, dass Westerwelle und Schäffler gleich viel Redezeit bekommen. Westerwelle ist gerade richtig in Fahrt. Die spanische Schuldenbremse, die griechischen Sparbemühungen und die slowakische Regierung, die sich für Europa opfert - da piepst die Eieruhr. Aber Westerwelle ist der Minister, er ist extra aus Berlin gekommen. „Frank, du kannst noch lange reden, wenn ich wieder weg bin“, ruft er. Und als Schäffler protestiert: „Frank, jetzt halt doch mal . . .“. Er schert sich nicht ums Piepsen, er macht weiter, und jetzt ist er wütend. „Du ärgerst dich nur, dass wir gut regieren“, ruft er Schäffler zu. Und dass er diesen Populismus nicht mehr hören kann: gutes Geld schlechtem hinterherwerfen. Er hat auch eine Oma, die die Hyperinflation erlebt hat, Deutschland als Zahlmeister. „Was für ein Blödsinn.“

Im Saal wissen sie nicht, ob sie lachen oder weinen sollen. „Griechenland, Ouzo, Jachten“, ruft Westerwelle. So simpel sei das doch alles nicht. Er ist entnervt von den Bedenken und Nachfragen. Das ist alles unter seiner Würde. Er macht doch Weltpolitik, er kennt die handelnden Akteure. Mit diesem Unsinn kann er sich nicht abgeben: „Wir regieren ein Volk von 80 Millionen!“ Am Ende reicht es für höflichen Applaus. Die Bewunderung für Westerwelles rhetorisches Talent ist noch nicht ganz verloschen. „Er hat für die Regierung gesprochen, nicht für die FDP“, sagt einer. Europa, Frieden, Stabilität - es sei nicht um die Sache gegangen: „Das war viel zu populistisch.“

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Jahrgang 1967, politische Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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