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Günther Beckstein Vom Dorfgendarm zum Nachlassverwalter

 ·  Stoibers Versetzung aufs politische Altenteil war der leichtere Teil des fröhlichen Putschistenlebens. Die großen Herausforderungen stehen Günther Beckstein erst bevor. Der designierte Ministerpräsident muss auch die jungen Karrieristen im Auge behalten. Von Albert Schäffer.

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Wer Günther Beckstein für einen leutseligen Provinzpolitiker hält, hat schon verloren. So beinhart er als bayerische Innenminister in der inneren Sicherheit agiert hat, so durchsetzungsfähig hat er sich beim Kreuther Sturz von Edmund Stoiber gezeigt.

Sein Mitputschist Erwin Huber bekam eine weit weniger dankbare Rolle zugewiesen und musste sich den Parteivorsitz erkämpfen; Beckstein gelang das Kunststück, auf seinem Weg in die Staatskanzlei ohne Mitbewerber zu bleiben. Sein lässiges Wort nach den Kreuther Kabalen, er sei ohnehin nur ein Mann des Übergangs, entfaltete seine taktische Wirkung: Die Riege der jüngeren CSU-Politiker sah die süßen Trauben der Macht nicht so hoch gehängt, um an einen Putsch nach dem Putsch zu denken.

Zwischen Machtlfing und Tuntenhausen

Der Aufstieg Becksteins, des Lehrersohns aus dem fränkischen Hersbruck, zum bayerischen Ministerpräsidenten ist umso erstaunlicher, als er mit mehreren politischen Handicaps zu kämpfen hat. Der promovierte Jurist ist bislang das Gegenteil eines politischen Generalisten gewesen, auch wenn er sich mit dem Titel eines stellvertretenden Ministerpräsidenten schmücken durfte. Denn Stoiber war kein Regierungschef, der in seinem Selbstverständnis und in seiner Arbeitswut eines Vertreters bedurft hätte.

Als Beckstein 1993 Innenminister im Kabinett Stoiber wurde, galt er als Verkörperung rückwärtsgewandter Politik, wie sie sich nur noch im tiefen Süden der Republik, zwischen Machtlfing und Tuntenhausen, behaupten könne. Genüsslich wurde Beckstein als unverbesserlicher Dorfgendarm karikiert, der nach Schulschwänzern fahnde, während die organisierte Kriminalität sich der Finanzmärkte bemächtigt.

Spätestens mit den Anschlägen des 11. Septembers 2001 wandelte sich diese Wahrnehmung. Vieles, was bis dahin als Sonderweg Beckstein gegeißelt wurde - angefangen von der Schleierfahndung über die Regelanfrage beim Verfassungsschutz in Einbürgerungsverfahren bis zum Datenabgleich zwischen Ausländer- und Sicherheitsbehörden - wurde Allgemeingut. Aufmerksam wurde nicht nur in München registriert, dass sich die Reden des sozialdemokratischen Bundesinnenministers Otto Schily lasen, als seien sie in Becksteins Ministerium verfasst worden.

Stoibers Hochmut beim Wort genommen

In den Bundestagswahlkämpfen 2002 und 2005 gehörte Beckstein als Fach-mann für die innere Sicherheit zur Mannschaft der Kanzlerkandidaten der Union. 2002 verhinderten die Wähler, dass er nach Berlin wechselte, 2005 waren es die Winkelzüge Stoibers, die Beckstein in einen Wettstreit mit Huber um einen Sessel treten ließ, den Stoiber am Ende dann doch nicht freimachte.

Es war eine der dunkelsten Zeiten in der politischen Vita Becksteins, der bis dahin ein getreuer Gefolgsmann Stoibers gewesen war. Ihm hatte er schon von 1988 bis 1993 als Staatssekretär gedient. Ihm hatte er 1993 den Weg in die Staatskanzlei gebahnt, als er 1993 auf einem Nürnberger Bezirksparteitag abstimmen ließ, wer Ministerpräsident werden sollte. Ihm hatte er auch in den schwierigen landespolitischen Zeiten den Rücken gestärkt, als Stoiber einen rigorosen Reformkurs einschlug, um Bayern zum Musterstaat zu machen, tauglich für Berliner Wahlkämpfe. Diese Allianz mit Stoiber zerbrach 2005, doch es sollte noch zwei Jahre dauern, bis die Rechnungen präsentiert wurden.

Stoibers hochmütiger Hinweis in Kreuth, Beckstein und Huber sollten doch ver-suchen, sich über sein Erbe zu verständigen, wurde in einer überraschenden Weise wörtlich genommen - Beckstein gelang der Schulterschluss mit seinem früheren Rivalen Huber. In der Handhabung der Waffe, die ihnen Stoiber durch sein ungeschicktes Taktieren in der Affäre Pauli - „Sie sind nicht wichtig“ - in die Hand gegeben hatte, mussten beide nicht noch eingewiesen werden.

Gesucht: Ein politischer Modus vivendi

Stoibers Versetzung aufs politische Altenteil war der leichtere Teil des fröhlichen Putschistenlebens. Die großen Herausforderungen stehen Beckstein erst bevor. Er muss nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten am 9. Oktober eine Kabinettsliste präsentieren, die einer Quadratur des Kreises gleichkommt - oder, um es regional-kulinarisch zu sagen, der Zubereitung einer bayrischen Leberkässemmel mit einer fränkischen Bratwurst. Da ist das Lebensgesetz der CSU, dass alle sieben Regierungsbezirke am Kabinettstisch repräsentiert sein müssen. Dass mit Beckstein ein Franke den Chefsessel einnimmt, wird die Begehrlichkeiten in Oberbayern, Niederbayern und anderen Landesteilen noch einmal mehren.

Da ist auch der Generationswechsel, den die CSU in ihrer überalterten Führungsriege vorbereiten muss, besonders am Kabinettstisch. Beckstein wird im November 64 Jahre alt. Er muss mit Personalentscheidungen für jüngere Politiker darauf bedacht sein, jeden Verdacht zu zerstreuen, er sei mehr als ein Verwalter des politischen Nachlasses Stoibers.

Und da ist Becksteins größte Herausforderung: Er muss die Putschistensolidarität mit Huber in einen politischen Modus vivendi überführen. Eine Doppelspitze, bei der auch der Parteivorsitzende eine landespolitische Aufgabe hat, kennt die CSU in ihrer jüngeren Geschichte nicht.

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Jahrgang 1957, politischer Korrespondent in München.

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