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Veröffentlicht: 15.07.2017, 15:04 Uhr

Gülen-Anhänger in Deutschland In ständiger Angst

Schon in der Nacht des Putschversuchs vor einem Jahr beschuldigte Ankara Fethullah Gülen, Urheber des Aufstands zu sein. Dessen Anhänger sehen sich auch hierzulande als Verfolgte und trauen sich nicht mehr in die Türkei.

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© Leonie Feuerbach Eine Veranstaltung für Gülen-Anhänger in Bottrop-Ebel

Die vermeintlichen Verschwörer verhalten sich an diesem Abend tadellos. Weil Anhänger des islamischen Predigers Fethullah Gülen im katholischen Matthiashaus in Bottrop tagen, muss die Theatergruppe, die hier sonst probt, wieder gehen. Einer der Veranstalter, Hemd, feine Schuhe, bittet den Hausmeister um deren Kontaktdaten: Er wolle sich persönlich für die Unannehmlichkeiten entschuldigen.

Leonie Feuerbach Folgen:

Höflich, verbindlich, gut angezogen: So treten die Gülen-Anhänger stets in der Öffentlichkeit auf. Kritiker monieren, die Vereinigung weise sektenartige Züge auf, sei intransparent und erzkonservativ. Dass die Bewegung hinter dem gescheiterten Putsch in der Türkei vom 15. Juli 2016 steckt, glauben hierzulande allerdings die wenigsten. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hingegen ist davon überzeugt. Und darunter leiden die Anhänger Gülens seit einem Jahr auch in Deutschland. Wie sehr, das diskutieren sie an diesem Abend in einer dörflich anmutenden Siedlung am Rand der Stadt im Ruhrgebiet.

Die Anzahl derjenigen, die sich in Deutschland in der Bewegung engagieren, ist von fast 150.000 auf rund 70.000 zurückgegangen – so die Schätzung von Ercan Karakoyun, dem Vorsitzenden der Stiftung Dialog und Bildung, der zentralen Institution der Gülen-Bewegung in Deutschland. Viele wollen nicht mehr offen mit Hizmet (Dienst), so der offizielle Name der Bewegung, in Verbindung gebracht werden. Etwa auf Internetseiten von Schulen, Kulturvereinen oder Studentenwohnheimen.

© dpa, reuters Putschversuch in der Türkei - ein Jahr später

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Die Nachhilfezentren der Bewegung in ganz Deutschland haben mehr als die Hälfte ihrer Schüler verloren. Besuchten im März 2016 noch fast 2800 Schüler die Zentren, waren es ein gutes Jahr später nur noch knapp 1250. Rund ein Viertel der einst knapp 150 Nachhilfezentren haben deshalb schon dichtgemacht. Von den rund 30 staatlichen anerkannten Privatschulen musste je eine in Ludwigsburg und Würzburg schließen. Jede einzelne Schule kämpft mit einem Schülerschwund von etwa einem Viertel. Weil durch den Rückgang an Mitgliedern und Spenden Geld fehlt, mussten viele hauptamtliche Mitarbeiter entlassen werden. Die deutsche Ausgabe der Gülen-nahen Zeitung „Zaman“ musste eingestellt werden, weil Abos und Spenden zurückgingen und redaktionelle Inhalte aus der Türkei fehlen, wo die Redaktion bereits drei Monate vor dem Putschversuch von der Polizei gestürmt worden war.

Was nach dem Putschversuch in der Türkei passierte, ist auf Plakaten zu lesen, die Gülen-Anhänger aus ganz Nordrhein-Westfalen an den Wänden des schmucklosen Vereinshauses angebracht haben: In den vergangenen zwölf Monaten wurden in ihrem Herkunftsland rund 100.000 Personen verhaftet und 154.000 entlassen, 1000 Schulen und mehr als 1200 Wohltätigkeitsorganisationen und Stiftungen wurden geschlossen sowie 150 Zeitungen, Rundfunksender und Presse-Agenturen.

Fast niemand traut sich noch, in die Türkei zu reisen

Die Auswirkungen in Deutschland wirken da vergleichsweise harmlos. Dennoch ist es erschreckend, wie sehr dieser innertürkische Konflikt in den vergangenen zwölf Monaten nach Deutschland getragen wurde. In Gelsenkirchen und Duisburg wurden die Scheiben Gülen-naher Schulen zertrümmert, Anhänger der Bewegung wurden auf der Straße verprügelt. Bekannte verfeindeten sich, Familien brachen auseinander. Von den Anwesenden in Bottrop – rund 60 Personen, mehrheitlich Männer, von den Frauen viele mit Kopftuch, manche noch Schüler, manche schon grauhaarig – haben die meisten im vergangenen Jahr unangenehme Erfahrungen gemacht. Fast niemand hier traut sich noch, in die Türkei zu reisen, viele stehen auf der Terroristenliste des türkischen Geheimdienstes, wurden deshalb von den deutschen Behörden gewarnt.

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Quelle: wahlrecht.de
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