http://www.faz.net/-gpf-7rc96

Sprachnotstand an Grundschulen : Unsere Kinder verlernen das Schreiben

Fast überall im Land schreiben Schüler lange so, wie sie es gehört haben – und werden nicht korrigiert. Ein Fehler? Bild: Jerome Gorin/PhotoAlto/laif

In Deutschland dürfen Grundschüler fast überall drei Jahre lang so schreiben, wie sie wollen - und werden nicht korrigiert. Nicht nur viele Lehrer warnen vor drastischen Folgen.

          „Was möchtest du heute machen, ein Schleichdiktat oder eine Rechenaufgabe?“, fragt die Lehrerin einer Berliner Grundschule. „Ich möchte an meiner Osterkerze weiterbasteln“, antwortet der Schüler und sucht sich Wachsplatten und eine Schere aus einem Kasten. Ein Mädchen hat sich für das Schleichdiktat entschieden. Das Schleichen ist durchaus wörtlich zu verstehen. An der Eingangstür hängen Sätze, die sie lesen, sich auf dem Rückweg zu ihrem Platz merken und in ihr Heft schreiben soll. Am Ende soll sie die Sätze selbst korrigieren, denn die meisten Schüler finden viele Rechtschreibfehler in ihrer „Abschrift“. „Wenn sie Geschichten schreiben, dürfen sie auch phonetisch schreiben. Da spielt die Rechtschreibung keine Rolle“, erläutert die Lehrerin.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

          In der Klasse findet ein jahrgangsübergreifender Unterricht statt, zudem lernen behinderte Kinder zusammen mit nichtbehinderten. Die junge Lehrerin ist überzeugt vom Konzept des jahrgangsübergreifenden Lernens, auf diese Weise fühle sich kein Kind zurückgesetzt. Es sei eine elegante Lösung für sehr gute Schüler und solche, die viel länger brauchten. Dass sie alle Rechtschreibhefte korrigiert und auch schon während der ersten drei Schuljahre auf regeltreue Schreibung achtet, dürfte schon eine Besonderheit sein. Andere korrigieren die lautgetreue Schreibung überhaupt nicht.

          Einige Didaktiker, die sich mit dem jahrgangsübergreifenden Lernen beschäftigt haben, sind der Meinung, dieses müsse jedes Kind an seine Leistungsgrenze bringen - je nach Ausgangslage. Doch wie soll das in einer Klasse mit zwanzig Schülern oder mehr und einer Lehrerin und einer Erzieherin gelingen? Wie soll in solchen Klassen noch Rechtschreibung gelehrt und gekonnt werden, wenn es sich nicht um Schüler handelt, die über ein ausgesprochen fotografisches Gedächtnis verfügen und unter noch so misslichen Bedingungen lernen?

          Manche Lehrer sind selbst schwach in Rechtschreibung

          In nahezu allen Bundesländern wird in den ersten drei Schuljahren weitgehend phonetisch geschrieben; im vierten Schuljahr hagelt es dann plötzlich schlechte Noten im Deutschunterricht, weil nun die korrekte Orthographie zu bewerten ist. Vorher wurde lautgetreu geschrieben und nur verbal beurteilt. Selbst Bayern hat es vor kurzem als große Neuigkeit ausgegeben, dass nun auch in den ersten drei Schuljahren wieder regelgetreu geschrieben werden darf, wenn der Lehrer sich dafür entscheidet - natürlich ohne das Schreiben nach Gehör mit seinen abenteuerlichen Ergebnissen abzuschaffen. Diktate werden schon lange nicht mehr geschrieben. Die Schüler wachsen mit dem Gefühl auf, dass Rechtschreibung nicht so wichtig sei - und mit dem Zwiespalt, dass sie richtig geschriebene Worte in Büchern lesen und falsch geschriebene an der Tafel oder in Schulheften.

          An einigen Berliner Grundschulen, so ist von Lehrern zu hören, steigt die Anzahl der Kinder mit vermeintlichen Lese-Rechtschreib-Schwächen (LRS) erheblich. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sie sich häufig als Kinder, die vermutlich von Anfang an einen systematischen Rechtschreibunterricht mit viel Übung und Korrektur gebraucht hätten und mit dem schnellen Wechsel im vierten Schuljahr - das gilt selbst für Berlin, wo die Grundschule sechs Jahre lang dauert - nicht zurecht gekommen sind. Viele Lehrer, die jahrgangsübergreifend die ersten drei Schuljahre unterrichten, wüssten kaum, was die Schüler eigentlich in der vierten bis sechsten Klasse können müssten, häufig seien sie selbst schwach in Rechtschreibung oder kennten die Satzglieder nicht, klagt eine ältere Lehrerin. Eine adverbiale Bestimmung sei für manche schon ein Problem, so die Lehrerin an einer der vielen anderen Grundschulen.

          Weitere Themen

          Trump kennt kein Erbarmen Video-Seite öffnen

          Familientrennung an der Grenze : Trump kennt kein Erbarmen

          Im Kampf gegen illegale Einwanderung ist der amerikanischen Regierung offenbar jedes Mittel recht. Die Immigranten werden festgenommen und Kinder von ihren Eltern getrennt. Das spaltet nun das Land, doch Präsident Trump zeigt sich von der Kritik unbeeindruckt.

          So geht Leseförderung

          Schulische Defizite : So geht Leseförderung

          Im internationalen Vergleich bleibt Deutschland bei Lesetests zurück, auch in den Bundesländern sind die Leistungen stark unterschiedlich. Dabei gibt es viele Förderprogramme. Aber nicht alle sind wirksam.

          Topmeldungen

          Erdogan und die Wahl : Die türkische Kakophonie

          Erdogans Wiederwahl als türkischer Staatspräsident gilt als sicher – doch seine Partei könnte die Mehrheit im Parlament verlieren. Was geschieht dann?

          1:0 gegen Iran : Spanien zittert sich zum ersten WM-Sieg

          Es war keine souveräne Vorstellung: Denkbar knapp setzen sich die Spanier gegen das Team aus dem Mittleren Osten durch. Iran erzielt zwischenzeitlich zwar den Ausgleich – doch der Treffer zählt nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.