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Grundschulen im Ländervergleich : Armutszeugnis

Ein Bericht, der Unterschiede aufzeigt: Über die Ergebnisse des Ländervergleichs von Viertklässlern wird sicher noch weiter debattiert Bild: dpa

Ein neuer Leistungsvergleich, das alte Bild: Der Süden obenauf, die Stadtstaaten am Ende. Doch Ranglisten allein sagen nichts, schon gar nicht über die Schulwirklichkeit. Solange es dabei bleibt, wird sich nichts wirklich ändern.

          Seit es Schulleistungsvergleiche gibt, zeigen sie ein gewohntes Bild: die südlichen Länder im Westen wie Osten liegen an der Spitze und erreichen überdurchschnittliche Ergebnisse, die Stadtstaaten kommen auf keinen grünen Zweig. Am Ende der vierten Klasse können ihre Grundschüler nicht nur schlechter lesen und zuhören, sondern auch erheblich weniger gut rechnen als der Durchschnitt der deutschen Schüler. Über die Gründe dafür lässt sich nur spekulieren. Zum einen haben die Stadtstaaten kaum ein schulpolitisches Experiment ausgelassen: ob es das jahrgangsübergreifende Lernen, die zu frühe Einschulung oder die sechsjährige Grundschule, das Schreiben nach Gehör oder andere Absurditäten waren. Nichts blieb den Grundschülern in Berlin, Hamburg oder Bremen erspart. In Großstädten mit vielen ausländischen und bildungsfernen Schülern scheinen sich die strukturellen Fehlentscheidungen in der Schulpolitik besonders zu rächen. Die südlichen Länder haben zumindest bisher (in Baden-Württemberg hat sich das geändert) auf schulpolitische Kontinuität und hohe Leistungsanforderungen gesetzt. Nur dort wurden endlich auch die leistungsstärksten Schüler adäquat gefördert, in Hamburg gelingt nicht einmal das, von den Leistungsschwächeren ganz zu schweigen. Liegt es daran, dass dort die meisten Lehrer in der Grundschule fachfremd unterrichten?

          Warum gelingt es trotz der vielen Sprachförderprogramme und millionenschwerer Leseprogramme nicht, in den Grundschulen ein tragfähiges Fundament der Sprachbeherrschung zu legen? Die meisten dieser Programme wurden nie auf ihre Wirksamkeit überprüft. Doch warum hat sich die Bildungsforschung bisher nie darum gekümmert, doch nicht, weil es an Sponsoren fehlte? Es ist ein Armutszeugnis, dass sich Bund und Länder erst zwölf Jahre nach der ersten Pisa-Studie zusammenraufen, um eine Studie zur Wirksamkeit von Sprachtests und Sprachförderung in Auftrag zu geben. Es wird Zeit, dass solche Studien künftig nicht nur Leistungsergebnisse beschreiben, sondern auch klären, warum die einen Länder sie übererfüllen, die anderen sie verfehlen. Nur dann hätten Länder und Schulen die Möglichkeit, gezielt an ihren Schwächen zu arbeiten. Ranglisten allein sagen nichts, schon gar nicht über die Schulwirklichkeit. Solange es dabei bleibt, wird sich nichts wirklich ändern.

          Heike Schmoll

          Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.

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