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Grünen-Urwahl Egal, wer Parteichef ist

Die Grünen haben Claudia Roth bei der Wahl der Spitzenkandidaten gedemütigt. Aber Parteivorsitzende haben bei den Grünen noch nie eine Rolle gespielt. Mit der Wahl von Jürgen Trittin und Katrin Göring-Eckhardt ist sich die Anti-Parteien-Partei treu geblieben.

© dapd Vergrößern Gedemütigt: Claudia Roth (2. v. r.), hier Ende September beim zweiten Urwahlforum in Berlin mit Katrin Göring-Eckardt, Renate Künast und Jürgen Trittin (v.l.)

Claudia Roth kann auf eine Karriere als Parteivorsitzende zurückblicken, die mit der von Angela Merkel vergleichbar ist. Anfang des Jahres 2001 wurde sie erstmals an die Spitze der Grünen gewählt. Zum Ende des darauffolgenden Jahres gab sie diese Funktion nur auf, weil sie nicht auf ihr Bundestagsmandat verzichten wollte und die Satzung der Grünen die Verknüpfung von Amt und Mandat ausschloss. Kaum war dieses ideologisch-bürokratische Hindernis beiseitegeräumt, ließ die Tochter einer Lehrerin und eines Zahnarztes mit der Neigung zum grellen Auftritt sich 2004 wieder von ihrer Partei zur Vorsitzenden wählen. Und wieder und wieder und wieder. Ihr Wahlergebnis lag im schlechtesten Fall bei 66 Prozent, ansonsten leicht unter oder sogar über 80 Prozent. Nie zuvor hat sich bei den Grünen eine Vorsitzende (oder ein Vorsitzender) über einen solch langen Zeitraum halten können.

Eckart Lohse Folgen:  

Angela Merkel steht - wenn auch ohne Unterbrechung - seit zwölf Jahren an der Spitze der CDU. Die SPD hat in dieser Zeit ihre Führungsfiguren so häufig gewechselt, dass es schwierig ist, sich noch an alle zu erinnern. Die FDP verspielt gerade ihre Regierungsfähigkeit mit der bizarren Diskussion darüber, wer eigentlich ihr Chef ist. Ähnlich sieht es bei der Partei Die Linke und bei den Piraten aus. Die Namen der jeweiligen Vorsitzenden sind einer breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, die Ränkespiele an den Parteispitzen irgendwo zwischen bizarr und lächerlich.

Für untauglich gehalten

Doch hier endet die Erfolgsgeschichte von Claudia Roth - und zwar ziemlich brutal. Am Samstag bestätigten die Grünen ihrer Vorsitzenden mit aller Härte, dass sie für untauglich gehalten wird, die Partei bei der Bundestagswahl zurück an die Macht zu führen. Es waren nicht, wie bei der SPD, drei Männer, die im sehr stillen Kämmerlein auskungelten, wer der Spitzen-, in diesem Fall der Kanzlerkandidat werden solle. Es war nicht eine Handvoll Funktionäre. Es waren mehr als 60 Prozent aller Parteimitglieder, die sich an einer Urwahl beteiligt hatten, mit deren Hilfe herausgefunden werden sollte, wer das Spitzenduo der Ökopartei für die Bundestagswahl werden sollte.

Gruenen-Pressekonferenz nach Parteigremien © dapd Vergrößern Abgewatscht: Claudia Roth wurde nicht zur Spitzenkandidatin ernannt

Dass unter den männlichen Kandidaten Jürgen Trittin, einer der Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, souverän gewinnen würde, war wenig überraschend. Dass Roth aber unter den drei prominenten weiblichen Bewerbern nur den dritten Platz belegen würde mit geradezu demütigenden 26,2 Prozent, hatte so niemand erwartet. Nicht nur, dass Renate Künast, Trittins Co-Vorsitzende im Parlament, mehr als zwölf Prozentpunkte vor ihr landete. Das allein wäre schon schwer genug zu ertragen gewesen für Claudia Roth. Nein, es kam noch schlimmer. Die Vizepräsidentin des Bundestages, Katrin Göring-Eckardt, die keineswegs zu den ewigen Lieblingen der Partei gehört, machte mit 47,3 Prozent das Rennen unter den Damen.

Wie hätte Frau Merkel reagiert?

Man stelle sich vor, so etwas wäre Angela Merkel widerfahren. Hätte sie einen solchen Misstrauensbeweis schulterzuckend hingenommen? Claudia Roth will sich aber - Stand jetzt - am kommenden Wochenende wieder zur Parteivorsitzenden wählen lassen. Was ist daraus zu schließen? Ist diese Partei noch immer ein zutiefst irrationaler Haufen? Oder ist sie ihre Vorsitzende am Ende doch leid? Als Fußnote sei hier nur bemerkt, dass der männliche Co-Vorsitzende von Roth, Cem Özdemir, erst gar nicht mitmachte beim Rennen um die Spitzenkandidatur. Vielleicht eine kluge Idee.

Vor allem in der CDU und der CSU, aber auch in der FDP der Genscher-Zeit war klar: Wer in der Exekutive, beim Regieren, ganz vorne dabei sein will, muss die Macht in der Partei haben. Helmut Kohl konnte nur 16 Jahre Kanzler sein, weil er sich schon lange zuvor die Partei untertan gemacht hatte. Angela Merkel spürte das Ende der Kanzlerschaft des Sozialdemokraten Gerhard Schröder herannahen, als dieser die Herrschaft über die SPD verlor.

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