Claudia Roth kann auf eine Karriere als Parteivorsitzende zurückblicken, die mit der von Angela Merkel vergleichbar ist. Anfang des Jahres 2001 wurde sie erstmals an die Spitze der Grünen gewählt. Zum Ende des darauffolgenden Jahres gab sie diese Funktion nur auf, weil sie nicht auf ihr Bundestagsmandat verzichten wollte und die Satzung der Grünen die Verknüpfung von Amt und Mandat ausschloss. Kaum war dieses ideologisch-bürokratische Hindernis beiseitegeräumt, ließ die Tochter einer Lehrerin und eines Zahnarztes mit der Neigung zum grellen Auftritt sich 2004 wieder von ihrer Partei zur Vorsitzenden wählen. Und wieder und wieder und wieder. Ihr Wahlergebnis lag im schlechtesten Fall bei 66 Prozent, ansonsten leicht unter oder sogar über 80 Prozent. Nie zuvor hat sich bei den Grünen eine Vorsitzende (oder ein Vorsitzender) über einen solch langen Zeitraum halten können.
Angela Merkel steht - wenn auch ohne Unterbrechung - seit zwölf Jahren an der Spitze der CDU. Die SPD hat in dieser Zeit ihre Führungsfiguren so häufig gewechselt, dass es schwierig ist, sich noch an alle zu erinnern. Die FDP verspielt gerade ihre Regierungsfähigkeit mit der bizarren Diskussion darüber, wer eigentlich ihr Chef ist. Ähnlich sieht es bei der Partei Die Linke und bei den Piraten aus. Die Namen der jeweiligen Vorsitzenden sind einer breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, die Ränkespiele an den Parteispitzen irgendwo zwischen bizarr und lächerlich.
Für untauglich gehalten
Doch hier endet die Erfolgsgeschichte von Claudia Roth - und zwar ziemlich brutal. Am Samstag bestätigten die Grünen ihrer Vorsitzenden mit aller Härte, dass sie für untauglich gehalten wird, die Partei bei der Bundestagswahl zurück an die Macht zu führen. Es waren nicht, wie bei der SPD, drei Männer, die im sehr stillen Kämmerlein auskungelten, wer der Spitzen-, in diesem Fall der Kanzlerkandidat werden solle. Es war nicht eine Handvoll Funktionäre. Es waren mehr als 60 Prozent aller Parteimitglieder, die sich an einer Urwahl beteiligt hatten, mit deren Hilfe herausgefunden werden sollte, wer das Spitzenduo der Ökopartei für die Bundestagswahl werden sollte.
Dass unter den männlichen Kandidaten Jürgen Trittin, einer der Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, souverän gewinnen würde, war wenig überraschend. Dass Roth aber unter den drei prominenten weiblichen Bewerbern nur den dritten Platz belegen würde mit geradezu demütigenden 26,2 Prozent, hatte so niemand erwartet. Nicht nur, dass Renate Künast, Trittins Co-Vorsitzende im Parlament, mehr als zwölf Prozentpunkte vor ihr landete. Das allein wäre schon schwer genug zu ertragen gewesen für Claudia Roth. Nein, es kam noch schlimmer. Die Vizepräsidentin des Bundestages, Katrin Göring-Eckardt, die keineswegs zu den ewigen Lieblingen der Partei gehört, machte mit 47,3 Prozent das Rennen unter den Damen.
Wie hätte Frau Merkel reagiert?
Man stelle sich vor, so etwas wäre Angela Merkel widerfahren. Hätte sie einen solchen Misstrauensbeweis schulterzuckend hingenommen? Claudia Roth will sich aber - Stand jetzt - am kommenden Wochenende wieder zur Parteivorsitzenden wählen lassen. Was ist daraus zu schließen? Ist diese Partei noch immer ein zutiefst irrationaler Haufen? Oder ist sie ihre Vorsitzende am Ende doch leid? Als Fußnote sei hier nur bemerkt, dass der männliche Co-Vorsitzende von Roth, Cem Özdemir, erst gar nicht mitmachte beim Rennen um die Spitzenkandidatur. Vielleicht eine kluge Idee.
Vor allem in der CDU und der CSU, aber auch in der FDP der Genscher-Zeit war klar: Wer in der Exekutive, beim Regieren, ganz vorne dabei sein will, muss die Macht in der Partei haben. Helmut Kohl konnte nur 16 Jahre Kanzler sein, weil er sich schon lange zuvor die Partei untertan gemacht hatte. Angela Merkel spürte das Ende der Kanzlerschaft des Sozialdemokraten Gerhard Schröder herannahen, als dieser die Herrschaft über die SPD verlor.
Doch bei den Grünen war das immer anders. Die starken Männer - wirklich starke Frauen gab es in dieser Macho-Partei bisher nämlich nicht - haben ihre Macht niemals aus dem Parteivorsitz bezogen. Im Gegenteil. Martin Joseph, genannt Joschka, Fischer war zeit seinen grünen politischen Lebens niemals Vorsitzender der Partei. Im Gegenteil. Als in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre die Macht im Bund immer näher rückte, als Kohl langsam müde und mürbe wurde, Rot-Grün in Bonn den Charakter eines Hirngespinstes verlor, da bedrängten Fischers Getreue ihn ein ums andere Mal, er solle auch die Herrschaft in der Partei an sich reißen. Fischer, dem man manches, aber sicher nicht fehlenden Machtinstinkt vorwerfen kann, lehnte beharrlich ab. Er wusste, dass der Vorsitz in dieser Partei als Quell der Macht nicht taugte.
So vehement er den Titel eines heimlichen Vorsitzenden zurückwies, so zutreffend war er immer. Fischer entzog sich den fesselnden Strukturen einer bis heute zutiefst durchreglementierten und von ihren Quotierungen oft gelähmten Partei. Und auch Jürgen Trittin, der jetzt mit gutem Ergebnis zum Spitzenkandidaten gewählt wurde, bezog sein damals entstehendes politisches Gewicht nicht aus jener Zeit, als er Parteivorsitzender war, sondern aus dem Nimbus, das linke Gegengewicht zum „Realo“ Fischer zu sein. Das hat nie ganz gestimmt, weil auch Trittin immer die Regierungsfähigkeit fest im Blick hatte. Aber den Grünen (ja, ja, auch den Frauen) reichte es, um die Macht der beiden Männer anzuerkennen und sich ihnen zu unterwerfen. Fischer bekam die den Parteifunktionären so verhasste Funktion des Spitzenkandidaten nur, weil alle begriffen, dass ohne ihn die Wahl nicht zu gewinnen wäre. Und bei Trittin liegen die Dinge im Jahr 2012 nicht anders.
Unabhängig von der Parteiräson entschieden
Die Anti-Parteien-Partei ist sich also treu geblieben. Man könnte auch sagen: Ihre Mitglieder nehmen sie nicht so ernst, jedenfalls als Partei. Sie hat sich im Laufe ihrer drei Jahrzehnte währenden Geschichte oft nach langer und verzweifelter Suche Mitglieder zu Vorsitzenden gewählt, deren Namen heute kein Mensch mehr kennt. Oder erinnern Sie sich noch an Gunda Röstel oder Antje Radcke? Sogar Christian Ströbele war mal Grünen-Vorsitzender und scheiterte kläglich. Politisches Schwergewicht wurde der selbsternannte Super-Linke nur, weil er seinen Berliner Wahlkreis direkt gewann. In keiner Partei werden Karrieren so unabhängig von einem Amt in ihr gemacht wie bei den Grünen.
Die Urwahl der Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl unterstreicht die eingeschränkte Bedeutung der Parteistrukturen für die Grünen. Die Mitglieder - wohlgemerkt: mehr als sechzig Prozent von ihnen - haben sich ihre Kandidaten unabhängig von der Parteiräson ausgesucht. Den einen, der immerhin schon sieben Jahre lang Bundesminister war und den Atomausstieg durchboxte, als Angela Merkel und Horst Seehofer ihn noch bekämpften, halten sie schlicht für einen politisches Schwergewicht.
Die andere aber, die seit dem Beginn ihres Engagements als Grünen-Politikerin keine nennenswerte Karriere im Parteiapparat machte, sehr wohl aber im Bundestag, haben die Grünen-Mitglieder als Signal gewählt, als Botschaft. Denn die aus Thüringen stammende Katrin Göring-Eckardt gehörte bisher nicht zu den auffallend erfolgreichen Wahlkämpfern, ist nicht als Bierzeltmatadorin oder rhetorische Herrscherin über Deutschlands Marktplätze aufgefallen. Sie strahlt aber mehr als ihre schrillen Konkurrentinnen Roth und Künast das aus, was die Grünen vor allem in Baden-Württemberg an die Macht gebracht hat, die bis dahin fest in den Händen der bürgerlichen Parteien war.
Katrin Göring-Eckardt muss als Spitzenkandidatin gar nicht viel tun. Sie muss nur als Symbol dafür durch den Wahlkampf ziehen, dass bei den Grünen der ideologisch aufgeladene Streit über ihre Programmatik mehr und mehr einem linksbürgerlichen Pragmatismus gewichen ist. Der Mehrzahl der Grünen ist die Macht im Land wohl doch wichtiger als die in der Partei.
Die automatische grüne theatralische Empörungsmaschine
werner scheidt (werdiess)
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