Home
http://www.faz.net/-gpf-74fup
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Grünen-Parteitag Heiße Eisen und weiche Waffeln

Alles ist in Bewegung - und die Grünen wollen es auf sich zukommen lassen. Auf ihrem Parteitag betreiben sie Wiedergutmachung an Claudia Roth. Jürgen Trittin untermauert den Anspruch auf Mitte, Mehrheit und Macht.

© Pilar, Daniel Wiedergutmachung: Claudia Roth nach ihrer Wiederwahl zur Parteivorsitzenden - hinter ihr applaudieren Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin

Die Schals sind schon länger nicht mehr selbstgestrickt auf dem Parteitag der Grünen. Auf dem Treffen in Hannover waren sie eher als fremdgesteuerte Schals zu bezeichnen: gewebte Fan-Artikel, bestellt von einer professionell denkenden Veranstaltungsregie, die einen schönen optischen Eindruck für Fernsehkameras und Pressefotografen bezweckt.

Johannes Leithäuser Folgen:

Als Jürgen Trittin, der inoffizielle Anführer und offizielle Spitzenkandidat der Grünen, seinen lautstarken Appell beendet hat, als seine Spitzenkandidatin-Kollegin Göring-Eckardt neben ihm auf die Bühne tritt, da liegen diese grünen Wollschals plötzlich auf den Tischen vor den grünen Delegierten, hastig von Helfern ausgeteilt. „Grün gewinnt“ steht auf den Schals. Und in dem Moment, als die beiden auf der Bühne zum Parteitagspublikum hinunterwinken und der glückliche Beifall anhebt, da begreifen die Delegierten den Zweck der überraschenden Gabe, fassen die Schals an den Enden und recken sie ausgebreitet über die Köpfe, ganz so, wie man es aus den Fankurven der großen Stadien kennt. In den hinteren Reihen, die nicht so ins Bild rücken, da klatschen sie nur, bis dorthin haben die Schals nicht gereicht.

Die Grünen/Bündnis90 - Auf der 34. Ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz in Hannover startet die Partei in den Bundestagswahlkampf 2013 und wählt einen neuen Bundesvorstand und einen neuen Parteirat. © Pilar, Daniel Vergrößern

Es handelt sich auch um eine gute Qualität, Wollsiegel, und „Made in Germany“. Schließlich sind die folgenden Stunden der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik gewidmet, der Forderung nach einem einheitlichem Mindestlohn (8,50 Euro Minimum), nach der Einschränkung von Minijobs und nach einer Erhöhung der Hartz-IV-Sätze auf 420 Euro. Eine solide, gegenfinanzierte linke Politik sollen die Grünen nach dem Willen Trittins und der Parteiführung auf ihrem Delegiertentreffen vorzeigen, da müssen auch die optischen Wahlkampfmittel solide ausgewählt sein.

Und alles klappt wie konzipiert: In der Debatte über den sozialpolitischen Antrag wehrt die Mehrheit der Delegierten immer wieder weitergehende Wünsche und Ansprüche ab: nach noch höherem Arbeitslosengeld, oder nach noch höheren Spitzensteuersätzen bei der Einkommensteuer (53 Prozent statt der 49 Prozent, die im Antragstext stehen).

Der Forderungskatalog enthält ja sowieso viele Zeilen, die aus dem Textbuch der Parteilinken stammen: Konkrete Absichten wie die Ankündigungen von Garantie-Renten in Höhe von mindestens 850 Euro, vom Umbau des Gesundheitssystems hin zu einer staatlichen Einheitsversicherung, und unbestimmte Leitsprüche wie den Satz, dass „eine ausgewogenere materielle Verteilung den Abstand zwischen den Stufen verringert, die man auf dem Weg nach oben erklimmen muss“.

Mehr zum Thema

„Wir Grüne sind und bleiben anders“ rief Claudia Roth in ihrer Bewerbungsrede in den Saal - und hatte allenfalls noch Recht damit, sofern die Feststellung auf sie selbst und auf das Personaltableau der Partei bezogen war. Zwei Parteivorsitzende, zwei Spitzenkandidaten und zwei Fraktionsvorsitzende (wobei Trittin eine Doppelfunktion als Kandidat und Fraktionsführer besetzt) - das wären bei anderen Parteien zu viele Köpfe im Chefzimmer. In der gewohnten Quoten-Dialektik der Grünen aber finden alle einen Platz.

Die Vorsitzende Roth, die in der Mitgliederabstimmung über die beiden grünen Spitzenkandidaten so deutlich gedemütigt worden war, wurde von den Delegierten in Hannover mit einem Rekordergebnis (mehr als 88 Prozent Zustimmung) getröstet.

© reuters, Reuters Video: Claudia Roth - kämpferisch und wiedergewählt

Trittin andererseits, der das Spitzenkandidatenrennen so überragend dominiert hatte, erhielt nicht etwa einen Parteitagsdämpfer (wie es der dialektischen Übung eigentlich entsprochen hätte), sondern errang einen weiteren Triumph - er erzielte das beste Ergebnis unter den Männern, die für den Parteirat, den erweiterten Vorstand also, kandidierten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Einwanderungsgesetz Der lange Atem der Pizza-Connection

Das werden wir auch noch lernen: Wie sich die CDU unter Angela Merkel und mithilfe einiger junger Abgeordneter langsam an den Gedanken eines Einwanderungsgesetzes gewöhnte. Mehr Von Günter Bannas, Berlin

26.07.2015, 17:00 Uhr | Politik
Dauerstreit um Endlager Wohin mit dem Atommüll?

Trotz des Atomausstieges - eines wird bleiben: der Atommüll. Bislang werden die Brennstäbe in einfachen Lagerhallen abgestellt. Aber eigentlich sollen sie an einen sicheren Ort. Jahrelang wurde dafür der Salzstock Gorleben untersucht. Jetzt hat Umweltminister Röttgen schwere Bedenken. Eine Reportage aus dem umstrittenen Salzstock. Mehr

29.05.2015, 10:02 Uhr | Politik
TV-Kritik: Anne Will Gemütliches Betroffenheitsgespräch

Das Flüchtlingsmädchen Reem liefert Anne Will den Anlass für eine Asyldebatte. Doch um entscheidende Fragen machen die Diskutanten einen weiten Bogen. Mehr Von Frank Lübberding

23.07.2015, 04:55 Uhr | Feuilleton
Mit großer Mehrheit Christian Lindner als FDP-Parteichef wiedergewählt

FDP-Parteichef Christian Lindner ist mit großer Mehrheit als Bundesvorsitzender wiedergewählt worden. Auf dem Parteitag in Berlin bekam Lindner 92,4 Prozent der Stimmen. Mehr

16.05.2015, 11:25 Uhr | Politik
Familienministerin Schwesig Das Betreuungsgeld hat keine Zukunft

Wie soll es mit dem Betreuungsgeld weitergehen? Familienministerin Schwesig will das Geld in die Kitas stecken. Die Union sieht das ganz anders. Mehr

21.07.2015, 14:33 Uhr | Wirtschaft

Veröffentlicht: 18.11.2012, 16:14 Uhr

Kein Abgrund von Landesverrat

Von Reinhard Müller

Die Veröffentlichung von Dokumenten des Verfassungsschutzes ist kein Landesverrat. Aber es gibt auch keine Verschwörung gegen Journalisten. Mehr 3 4