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Grünen-Chef Özdemir Schielen auf Macht und Ministerien

17.11.2008 ·  Anhänger von Cem Özdemir halten dem neuen Grünen-Chef zugute, er könne der Partei das „Modernisierungsdefizit“ nehmen - im Zweifel mit der CDU. „Es kann im Einzelfall durchaus sein, dass man grüne Inhalte besser mit Schwarz als mit Rot umsetzen kann“, sagte er nach seiner Wahl .

Von Stephan Löwenstein
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Es ist ein achtbares Ergebnis, das Cem Özdemir bei seiner ersten Bewerbung für den Bundesvorsitz der Grünen erhalten hat. Vier von fünf Delegierten gaben ihm ihre Stimme. 95-Prozent-Ergebnisse sind bei den Grünen unüblich. Dennoch steckt im Wahlergebnis ein kleiner Denkzettel: Er ergibt sich aus dem etwas schlechteren Abschneiden, als es Claudia Roth beschieden war.

Bei allen Zufälligkeiten - grüne Delegierte halten sich etwas darauf zugute, dass sie ihre letzte Entscheidung unter dem Eindruck der Bewerbungsrede treffen - hat das Aussagekraft über die Kräfteverhältnisse in der Partei. Frau Roth, die Parteilinke, hat die Nase vorn, auch dadurch, dass Özdemir die logistischen Vorteile, die ein Bundestagsmandat mit sich bringt, versagt geblieben sind. Frau Roth muss zwar von ihrem Landesverband auch erst noch aufgestellt werden, doch erscheint sie unangefochten.

Er kann die Partei mit nach vorne ziehen

Also wird es auf Özdemirs Agieren aus dem Parteivorstand heraus ankommen, ob er den Erwartungen, die aus den eigenen Reihen auf ihn gerichtet werden, gerecht wird. Das „Modernisierungsdefizit“ werde er den Grünen nehmen können, hatte es aus dem realpolitischen Parteiflügel geheißen. Damit ist wohl gemeint, dass er die Partei programmatisch mit nach vorn ziehen soll. Sich schon vor seiner Wahl zu exponieren, hat Özdemir vermieden. Vielleicht wäre er dazu stärker herausgefordert worden, wenn der Zweikampf mit dem Mitbewerber Volker Ratzmann länger gedauert hätte.

Video: Grüne wählen Özdemir zum Parteichef

Özdemir hat sich weitgehend nach der grünen Mehrheitsmeinung verhalten. Als es einmal schien, als ob er gegen das Nein gegen Kohlekraftwerke pfeifen wolle, hat er die Luft durch die schon gespitzten Lippen wieder eingezogen. In seiner Bewerbungsrede in Erfurt umschiffte er das Thema ganz - nur mit einer Polemik gegen den sozialdemokratischen Umweltminister Gabriel, der neue Kohlekraftwerke bauen wolle, hat er sich schönen Applaus abgeholt.

Die Grünen sollen regieren

Einen Pflock hat er in Erfurt allerdings eingeschlagen: dass die Grünen regieren wollen sollten, weil sie so ihre Vorstellungen in die Tat umsetzen können; und dass die rot-grünen Jahre keine schlechten Jahre gewesen seien, deren sich die Partei schämen müsse, ganz im Gegenteil. Das war deutlicher, als man es von anderen Grünen hört, die nur von „Inhalten“ reden wollen, auch wenn sie selbstverständlich, ob „Linke“ oder „Realos“, darüber hinaus an Macht und Ministerien denken.

Was die Grünen von der amerikanischen Präsidentenwahl lernen könnten, wollte ein Delegierter von Özdemir wissen. Er hat womöglich gehofft, dass der Schwabe aus Bad Urach, Kind türkischer Einwanderer, sich mit Obama vergleiche. In diese Falle ist der 42 Jahre alte Özdemir nicht getappt. Er mag daran gedacht haben, dass ihn die grün-affine „tageszeitung“ schon einmal, den schwäbischen Diminutiv benutzend, als „Öbamale“ bespöttelt hat. Dass er eine Projektionsfigur ist und damit für seine Partei punkten kann, spielt er natürlich trotzdem ausgiebig aus: Er wolle für alle kämpfen, sagte er, gleich, ob ihre Vorfahren aus Kasachstan oder Anatolien kämen oder ob sie einst im Teutoburger Wald gegen die Römer gekämpft hätten.

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Jahrgang 1968, politischer Korrespondent in Berlin.

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