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Grünen-Chef Özdemir Einfach nur ein Netter

15.11.2008 ·  Cem Özdemir ist neuer Parteivorsitzender der Grünen. Eigentlich wollte er den Job gar nicht, ein Bundestagsmandat hätte ihm gereicht. Ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen der Multi-Kulti-Partei und dem anatolischen Schwaben?

Von Oliver Hoischen, Erfurt
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Dieses Mal haben sie ihn tatsächlich gewählt, obwohl viele noch bis zum Schluss keck munkelten: Bei uns Grünen weiß man ja nie. 79,2 Prozent der grünen Delegierten entschieden sich auf dem Erfurter Parteitag am Samstagnachmittag für Cem Özdemir als ihren neuen Parteivorsitzenden; das waren fast so viele wie bei Claudia Roth, die kurz zuvor auf 82,7 Prozent gekommen war.

Da dankte der Gewählte erleichtert nicht nur den Delegierten, sondern auch „all denjenigen, die hier keine Stimme haben“ - den türkischen Einwanderern, „der Generation meiner Eltern“.

„Das Führen einer Partei traue ich mir gar nicht zu“

Dabei wollte Cem Özdemir den Job eigentlich gar nicht. Als die grünen Realos zu Jahresbeginn verzweifelt nach einem passenden Kandidaten für das undankbare Amt suchten, hatte er noch abwehrend gesagt: „Das Führen einer Partei traue ich mir gar nicht zu.“ Das war keine Koketterie, sondern sollte heißen: Ihr könnt mich mal. Özdemir wollte nur ein Mandat für den Bundestag, nicht den Parteivorsitz.

Aber sie redeten auf ihn ein, seine Strömungskumpelinnen und -kumpels, Antje Hermenau aus Sachsen, Boris Palmer aus Tübingen, Tarek Al-Wazir aus Hessen und andere. Am Ende konnte er ihnen den Wunsch nicht abschlagen. Inzwischen meinen auch manche vom Realo-Flügel, Özdemir höre zu oft auf andere. Wenn man ihn in den Tagen vor dem Parteitag fragte, warum er das Amt denn nun wolle, antwortete er leise: „Das hat auch etwas mit Verantwortung zu tun.“ Also nicht mit Leidenschaft. Denn: Letztendlich ist Cem Özdemir einfach ein Netter. Darin sind sich auch in seiner Partei alle einig.

Das Problem ist nur, dass die Grünen eigentlich keine Netten sind, besser: nicht sein wollen. Vergangene Woche in Gorleben hat man es wieder gesehen. Wie Helden wurden die Anti-Atomkraft-Demonstranten auf dem Erfurter Parteitag gefeiert. Gorleben habe gezeigt, „dass wir in der Lage sind, auch auf der Straße Widerstand zu organisieren“, rief der scheidende Vorsitzende Reinhard Bütikofer in seiner Abschiedsrede - und die Grünen jubelten wie in alten Tagen.

Zwei sich belauernde Spitzenkandidaten

Auch untereinander schenken sie sich bekanntlich nichts: Für jeden Flügel einen Parteivorsitzenden, dazu zwei sich belauernde Spitzenkandidaten - wo gibt es das sonst? Damit mögliche Gräben in der Führung erst gar nicht sichtbar werden, stellen sich Jürgen Trittin und Renate Künast an diesem Sonntag lieber im Doppelpack zur Spitzenkandidaten-Proklamation.

Schon die Jungen haben Haare auf den Zähnen, wie Cem Özdemir kürzlich feststellen konnte: Da war er in Potsdam zum Treffen der Grünen Jugend eingeladen. Aber anstatt ihm, dem bundesweit bekannten Gesicht der Grünen, dem Vorzeige-Migranten, den grünen Teppich auszurollen, herrschte nur Gähnen und Quatschen im Saal.

Applaus brandete erst auf, als der Tagungsvorsitzende nach Özdemirs einleitenden Worten sagte: „Du warst jetzt sogar unter Deiner Zeit. Dass ist ungewöhnlich für einen zukünftigen Bundesvorsitzenden.“ So ging es weiter, Özdemir nahm es hin. Einer, den man Grünschnabel nennen könnte, fragte: „Ich würde gern von Dir wissen, wie Du zu Hausbesetzungen stehst.“ Brav ließ sich Özdemir über Graffiti und Spekulationsobjekte aus.

Multi-Kulti-Partei und anatolischer Schwabe

Ein anderer sagte: „Da gab es ja in der Vergangenheit einige unglückliche Äußerungen von Dir zu den Kohlekraftwerken.“ Und Özdemir konterte grün-korrekt, auch er wolle keine neuen Kohlekraftwerke. Dann bäumte er sich etwas auf - und rügte die „groben Umgangsformen“ in der Partei. Deren Opfer war Özdemir gerade selbst geworden, als er sich in der Kohlekraftfrage allzu unideologisch geäußert hatte.

Multi-Kulti-Partei und anatolischer Schwabe: Anders als man meinen könnte, ist diese Kombination keine Garantie für eine wunderbare Freundschaft - was viel über Cem Özdemir sagt. Und noch mehr über die Grünen. Die ewig Antiautoritären pfeifen auf die Autorität eines Parteivorsitzenden. Dabei könnten sie eine klare Führung gerade vor der Bundestagswahl gut gebrauchen.

Die Konkurrenz schläft nicht: Vom Erhalt der Schöpfung spricht auch die Union, für die Bürgerrechte macht sich auch die FDP wieder stark, und soziale Gerechtigkeit können auch SPD und Linkspartei ganz gut. Kein Wunder, dass Reinhard Bütikofer in Erfurt seinen Leuten mit auf den Weg gab: „Wir werden uns weiterentwickeln müssen, um erfolgreich zu bleiben.“ Bei seinem Abschied wurde er als Intellektueller beschrieben, als Stratege.

Benachteiligt gegenüber Roth, Künast und Trittin

Mancher in der Messehalle hatte Zweifel, ob Özdemir diese Rolle ausfüllen könne. Wie wenige Truppen hinter ihm stehen, war erst kürzlich deutlich geworden, als ihm die Parteifreunde in Baden-Württemberg keinen sicheren Listenplatz für den Bundestag gaben. Bewusst nahmen die Grünen die politische Beschädigung ihres künftigen Bundesvorsitzenden in Kauf.

Dabei ging es nicht nur um Macht-Symbolisches, sondern ganz praktisch auch darum, dass Özdemir nun gegenüber seiner Co-Vorsitzenden Claudia Roth, gegenüber Künast und Trittin, ja sogar gegenüber dem Fraktionsvorsitzenden Fritz Kuhn benachteiligt ist: Sie alle sitzen im Bundestag und können sich die Vorzüge ihres Mandats zunutze machen. Özdemir dagegen hat sich mit zwei Mitarbeitern zu begnügen und muss sich an der Berliner Invalidenstraße ein Taxi herbeiwinken, wenn er zum nächsten Termin will.

Dabei gründete der Schwabe schon als Schüler den grünen Ortsverband in seiner Heimatstadt Bad Urach, nicht weil es ihm um die Anliegen der türkischen Einwanderer zu tun war, sondern aus Interesse am Umweltschutz. Misstöne waren früh zu vernehmen: Etwa beim Landesparteitag 1993 in Kehl, als Özdemir sich dafür aussprach, das im Krieg versinkende Bosnien nicht allein zu lassen. Er forderte ein Ende des Waffenembargos - damit sich die Bosniaken verteidigen könnten. Özdemir und seinen Mitstreitern folgten nur zwanzig Prozent der Delegierten.

Besinnung auf grüne Werte

Und noch immer ist es wie damals - nach den Jahren der rot-grünen Regierungsvernunft besinnt sich die Partei ihrer fundamentalistischen Wurzeln. Wenn es um die militärische Intervention in Afghanistan geht, waren der neue Vorsitzende und seine Partei noch kürzlich unterschiedlicher Meinung. Beim Göttinger Sonder-Parteitag stand Özdemir vor gut einem Jahr hinter einem Papier, in dem für das Mandat der Schutztruppe Isaf und sogar für den Einsatz der Tornadoflugzeuge geworben wurde - nicht einmal ein deutlich milderer Leitantrag des Bundesvorstands fand die Zustimmung der Delegierten. Das Ultra-Realo-Papier hatte der Europaabgeordnete Daniel Cohn-Bendit verfasst. „Der Cem konnte wieder nicht Nein sagen, diesmal seinem Freund Danny“, sagt einer, der dabei war.

In Potsdam hat Özdemir den Jungen Grünen mitgeteilt: „Als Vorsitzender werde ich meinen Verstand nicht an der Garderobe abgeben.“ Aber natürlich werde er sich immer der Parteimeinung beugen. Klingt das nicht wie verbiegen? Schon seine heftigen Angriffe am Samstagnachmittag gegen die FDP klangen so, als würde er dem Linksrutsch in seiner Partei einfach folgen: Die Vorstellung, ausgerechnet die Liberalen könnten die Finanzkrise lösen, sei so, „als ob man sagen würde, dass der böse Wolf Rotkäppchen nur deshalb fressen möchte, um sie vor noch größeren Gefahren zu schützen“. Oder als er rief, bei der hessischen Neuwahl im Januar dürfe Roland Koch nicht wie ein „grüßendes Murmeltier wieder aus der Kiste springen“. Da johlte der Saal.

Özdemir will einfach nicht mehr einsam sein unter den Grünen. Der „anatolische Schwabe“ war zwar schon immer gut für das Image der Partei. Doch als er Fehler machte, wie 2002, als er Bonusmeilen privat nutzte und einen Kredit des PR-Beraters Hunzinger annahm, ließ man ihn fallen, auch sein Migrations-Bonus half nichts. Am Samstag in Erfurt war der Jubel groß. Özdemir muss jetzt aufpassen, dass es so bleibt.

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