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Grüne Jürgen und die elf Apostel

 ·  Die Grünen bestimmen per Urwahl ihre Spitzenkandidaten. Zwölf Männer und drei Frauen kämpfen um zwei Plätze. Profis gegen Amateure. Ein Besuch des ersten von elf Urwahlforen.

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© Wilhelm Schlote Grün, grüner, am grünsten: Welche Grünen werden wohl die grünen Spitzenkandidaten?

Werner Winkler erwacht morgens mit dem Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben. Der Grüne aus dem schwäbischen Waiblingen war der erste Mann, der seine Kandidatur für das Amt des Spitzenkandidaten seiner Partei bei der Bundestagswahl im kommenden Jahr bekanntgab. Damit hat er erzwungen, dass die Parteigrößen sich einer Urwahl stellen müssen.

Am Freitagabend fand in der Apostelhalle in Hannover das erste von elf Urwahlforen statt, nach deren Ablauf die mehr als 60.000 Parteimitglieder entscheiden, welches Spitzenduo sie in den Wahlkampf führt. Claudia Roth, in lila Strickkleid und lila Strumpfhose, beteuerte vor Beginn der Veranstaltung, wie nervös sie sei, denn so etwas habe es ja noch nie gegeben. Auch Renate Künast sprach davon, wie ganz besonders das alles sei.

Drei Frauen kandidieren für das Amt an der Seite Trittins

Die grünen Spitzenfrauen sind dabei allerdings unter sich geblieben - neben der Vorsitzenden Roth und der Fraktionschefin Künast kandidiert nur noch die Vizepräsidentin des Bundestags, Katrin Göring-Eckart, für das Amt an der Seite des Obergrünen Jürgen Trittin. Der aber hat elf Gegenkandidaten aus den grünen Niederungen bekommen, so dass der Name „12 Apostel“, der über der Halle prangte, einen besonderen Sinn bekam.

Winkler war, so wollte es das Los, als Erster dran mit der Vorstellung. Und legte einen klasse Auftritt hin. „Die Idee der Urwahl passt in unsere Zeit. Wir lassen euch Berufspolitiker nicht länger allein“, sagte der 48 Jahre alte Mann mit den angegrauten kurzen Locken. Die Mandatsträger müssten Macht und Einfluss abgeben. Winkler ist erst seit Anfang 2011 Parteimitglied, aber er wirkte wie ein alter Hase.

Als die Polizei bei den Protesten gegen den Bahnhof „Stuttgart 21“ mit Wasserwerfern anrückte, war er zu den Grünen gegangen. Der Berater, Coach, Dozent, Autor und Kalligraph, der einst wenige Wochen in der Partei der CSU-Rebellin Gabriele Pauli aktiv war, bevor er vor den Eskapaden der Chefin flüchtete, hat Feldforschung zum Thema Persönlichkeitsunterschiede betrieben und ist Entwickler eines kostenlosen Zinkmangeltests. An diesem Abend wirkte er sehr professionell.

Auch Franz Spitzenberger aus dem bayerischen Sonthofen erschien nicht so, als wisse er nicht, was er tat. Er habe Winklers Vorstoß mutig gefunden, sagte er im Gespräch, wollte ihn unterstützen und habe deshalb kandidiert.

Mit der alten Truppe würden die Grünen nicht über 13 Prozent kommen, zeigte er sich überzeugt. Seine Vorstellung war sachlich und selbstbewusst: Durch seine Erfahrung als Manager und durch Auslandsaufenthalte in Frankreich, Brasilien und England verstehe er viel von Problemlösung und sei deshalb der geeignete Spitzenkandidat, sagte der 64 Jahre alte Prokurist, der sich in einer Bürgerinitiative gegen Fluglärm engagiert hat und nach dem Atomunglück von Fukushima zu den Grünen gestoßen ist.

Die hätten den Makel, immer noch als Partei zu gelten, die für die Themen Ökologie, Anti-diskriminierung und Gleichstellung zuständig sei. Aus der Ecke müsse die Partei raus, müsse nun andere Probleme anpacken. „Nur mit neuen Köpfen wird es uns gelingen, die Wähler zu überzeugen, dass wir uns gewandelt haben“, sagte Spitzenberger.

„Bei uns ist drin, was draufsteht“

Die Profis von der Damenfront gaben Spitzenberger unabsichtlich recht. Sie packten in ihre drei Minuten Redezeit - auch sie hatten nicht mehr - möglichst viel grünen Politsprech. „Bei uns ist drin, was draufsteht“, sagte Künast und verhaspelte sich, als sie „hier in Nordrhein-Westfalen“ statt Niedersachsen sagte, was das Publikum erkenntlich nicht mochte.

Claudia Roth schlug auf die Unionsminister Kristina Schröder, Peter Altmaier und Ilse Aigner ein und sagte: „Wir denken Hunger, Klima und Finanzen zusammen.“ Und Katrin Göring-Eckart warb für Gleichstellung von Frauen, von Schwulen und Lesben, was sie auch Papst Benedikt gesagt habe, weshalb der auf den Fotos mit ihr nicht lächele. Alle drei Frauen überzogen ihre Redezeit.

Jürgen Trittin haute in die gleiche Kerbe. Die Regierung schmähte er als Gurkentruppe, der die Kanzlerin als die Gurkenkönigin vorstehe. „Und Energiewende geht nicht als Vollbremsung mit Peter Altmaier als Airbag“, kalauerte er sich in gespielte Rage. Dagegen waren selbst die unbekannten Kandidaten mit weniger Talent noch erfrischend. Etwa Roger Kuchenreuther, 53 Jahre alter Zimmermeister, „humanistischer Freidenker und Wassermann“, der seine Lesebrille sehr gekonnt auf- und absetzte.

Das Publikum murrte

Der Euro, das sei ein Schnellschuss gewesen, sagte er. Mit den Franzosen und den Beneluxländern ginge es ja, aber mit den Südländern nicht, die hätten schon immer Schulden gemacht. „Wir sollten mit den Ländern zusammenarbeiten, die auf unserer Linie liegen und zu den anderen etwas Abstand halten“, sagte Kuchenreuther. Damit verstieß er ebenso gegen grüne politische Korrektheit wie mit dem Satz, Völker seien Schicksalsgemeinschaften, die vor allem erst mal den eigenen Hof bestellen müssten. Das Publikum murrte.

Den jungen Apokalyptiker mimte der 24 Jahre alte Patrick Held aus Bayreuth, der für seine Vorstellung seine Baseballkappe erst einmal verkehrt herum aufsetzte und sich betont lässig über den Stehtisch beugte. Turnschuhe trug er schon, doch ob ihm das eine große politische Zukunft voraussagt? „Ich kann nicht zuschauen, wie der Klimawandel uns abschlachtet“, rief er.

Ganz leise hingegen trat Peter Zimmer auf. Er sei ein Beauftragter, sagte der 44 Jahre alte Mann aus dem Kreisverband Rottal-Inn und machte eine Kunstpause. „O je, jetzt kommt Gott“, stöhnte ein Zuhörer leise. Doch gefehlt. „Papa, kannst du die Erde retten?“, habe die Tochter gefragt. Nein, das könne er nicht. „Papa, aber die Tiere brauchen dich, du bist doch Tierarzt!“, habe die Kleine gesagt.

Der Kandidat Thomas Austermann, der auf seinem Fischerhemd den Anstecker mit weißer Friedenstaube auf blauem Grund trug, war 1999 wegen des Kosovo-Krieges zwischenzeitlich bei den Grünen ausgetreten. Der 46 Jahre alte Mann, ein werteorientierter Christ, verglich den Krieg in Jugoslawien mit Hitlers Überfall auf Polen, auch wenn man diese beiden Kriege nicht vergleichen könne.

Auch sonst war es ein unterhaltsamer Abend, vor allem wegen der Fragen der Internetnutzer, die die Veranstaltung im Live-Stream verfolgten. Warum sie sich gegen das Recht auf Rausch ausgesprochen habe, wurde Künast gefragt. „Habe ich mal gesagt, seht es mir nach“, sagte die Fraktionschefin. Das sei in der Zeitschrift „Super-Illu“ gewesen, die im Osten gelesen werde.

„Aber das bedeutet nicht, dass ich für Prohibition bin“, beteuerte Künast. „Außer im Osten“, fuhr die bekennende Ossi-Frau Göring-Eckardt ironisch dazwischen. „Ich hab in meiner Jugend selbst was geraucht und goldene Drachen gesehen“, rechtfertigte sich Künast nun. Die Ahndung von weichen Drogen sei jedenfalls immer noch zu scharf. „Morgen beginnt das größte Drogenfest Deutschlands“, fügte die regelmäßige Oktoberfest-Besucherin Claudia Roth hinzu.

Fünf unbekannte Kandidaten fehlten

Was moderner Feminismus für sie sei, wurde Göring-Eckardt befragt. „Wir brauchen die Frauenquote“, lautete ihre Antwort. Und die Grünen hätten ja gezeigt, dass sie funktioniere. „Wir sind sehr erfolgreich mit der Quote“. Der Abend zeigte allerdings, wie wenig das stimmt. Wären alle männlichen Kandidaten anwesend gewesen, so hätten zwölf Männer drei Frauen gegenübergesessen. Da fünf unbekannte Männer fehlten, fiel das Missverhältnis weniger deutlich aus.

Manche der unbekannten Kandidaten steigen erst später in den Wahlkampf ein, etwa an diesem Sonntag in Berlin. So macht es Alfred Mayer, der seit seiner Geburt vor 75 Jahren in München lebt und ein Urgrüner seit den Anfängen der Partei ist. Immer habe er sich mit der Kandidatur für Spitzenposten zurückgehalten, sagt Mayer am Telefon, weil er dachte, dass es bessere Köpfe gebe. „Doch das war ein Fehler“, denn alle hätten sich angepasst.

Nein, fit sei er in seinem Alter nicht mehr, aber die letzten Lebenskräfte wolle er für die Sache verwenden. So sei es eben mit der Selbstüberschätzung der Männer, die die Welt am Laufen halte. Warum die Kandidaten von der Basis alle Männer sind und keine einzige Frau sich beworben hat, ist für Mayer sonnenklar: „Frauen sind vernünftiger, die machen nichts, was sinnlos ist. Da stellt sich keine hin und macht den Kasper.“

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Jahrgang 1963, politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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