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Gründung der Grünen „Die Zeit dafür war reif“

Fast wäre die Gründung der Grünen im Januar 1980 an der Frage gescheitert, ob eine Doppelmitgliedschaft auch in einer anderen Partei erlaubt sein sollte. An die Gründungsjahre erinnert sich im Interview Eva Quistorp, eine Aktivistin der ersten Stunde.

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Fast wäre die Gründung der Grünen im Januar 1980 an der Frage gescheitert, ob eine Doppelmitgliedschaft auch in einer anderen Partei erlaubt sein sollte. Es ging damals um kommunistisch Splitterparteien. An die Gründungsjahre erinnert sich Eva Quistorp, eine Aktivistin der ersten Stunde. Mit ihr sprach Stephan Löwenstein.

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Ja. Petra Kelly und Roland Vogt haben mich im März 1979 angerufen und gefragt, ob ich nicht auf Platz drei auf der Liste der Grünen für die Europawahl kandidieren möchte. Da habe ich erst gedacht: Ich und Partei, das geht doch nicht als alte Apo-Aktivistin aus West-Berlin. Aber da Petra Kelly mich sehr beeindruckt hatte, war ich aus der Frauenbewegung heraus motiviert: Wenn eine Frau wie sie sich hinstellt, dann muss man sie unterstützen. Damals haben sich von einem Tag auf den anderen Treffen, Debatten und Veranstaltungen ergeben. Es machte Rudi Dutschke mit und Joseph Beuys, was für mich eine irre Anregung war. Ich dachte, das ist ja ein interessantes, offenes Feld vom Bäuerchen aus Schleswig-Holstein über Reformhausdamen bis zu schwarzen, langhaarigen, jungen Anti-Atom-Aktivisten.

Da gab es aber noch keine Bundespartei.

Ja, aber das breite alternative Spektrum hatte damals eine Infrastruktur, mit der wir unsere Versammlungen, die in keinen Medien angekündigt waren, in den Uni-Städten randvoll gekriegt haben. Die Zeit dafür war reif. Rudi Dutschke und Petra Kelly waren nicht die herausragenden Stars. Petra war noch nicht so bekannt, und Rudi war in der Siebziger-Jahre-Szene auch nicht mehr so die Führungsgestalt. Es war nicht so ein Starkult wie in der 68er Zeit, wo die großen Reden von ein paar Männern gehalten wurden.

In Karlsruhe wurde dann vor 30 Jahren die Bundespartei gegründet. Ging es dort auch so basisdemokratisch zu?

Das war schon schwieriger. Als dieses zarte grüne Pflänzchen in der Europawahl 1979 3,2 Prozent geholt hat, da kamen die verschiedensten Kreise an, die sich für Macht, Taktik und Strategie interessiert haben, die verschiedensten K-Gruppen. Das war im Herbst 1979. Da hat Rudi Dutschke gesagt, sie sollten mitmachen, aber nicht so, wie sie sind, sie sollten sich ändern. Er wollte, dass sie aus ihren Organisationsschalen herausgehen und ihr Ideologiegehabe aufgeben. Auf zwei Treffen in Bielefeld und in Offenbach wurde heftig gestritten. Rudi hat gefordert, dass die ihre Doppelmitgliedschaft aufgeben.

Das Thema Doppelmitgliedschaft bei den Grünen und zugleich in einer der kommunistischen Splittergruppen war ja trotzdem noch das große Streitthema auf dem Gründungskongress in Karlsruhe, als Dutschke schon gestorben war.

Ich habe meine Aufmerksamkeit auf die Frauenquote und auf Entscheidungspositionen für Frauen konzentriert, nicht so auf Satzung und Programm. Ich wusste, die haben den Trick, zur Not über die K-Gruppen-Frauen ihren Einfluss zu stärken. Darauf fielen ja öfter welche herein, nach dem Motto: Hauptsache, Frau. Deshalb habe ich darauf geachtet, dass möglichst Frauen aus Bürgerinitiativen in den Bundesvorstand hereinkommen.

Aber es haben dann doch überdurchschnittlich viele frühere K-Gruppen-Leute bei den Grünen Karriere gemacht, als Partei- und Fraktionsvorsitzende oder Minister. Haben die sich bloß auf die grüne Bewegung draufgesetzt?

Teils schon. Ein paar aus der KPD-AO habe ich schon in Gorleben bei der Anti-Atom-Bewegung wiedergetroffen, die haben sich ganz vernünftig integriert. Die waren gegen Chaos und gegen Remmidemmi, das war dann ja auch hilfreich. Aber der KBW und KB, die kamen dann erst im Herbst 79 und 80. Beim ersten Feministinnentreffen - das ich für Petra Kelly mehr oder weniger arrangiert habe, denn Petra hüpfte mehr von einem zum andern -, da kam noch keiner von denen. Aber das zweite bundesweite Frauentreffen der Grünen, da kamen schon die K-Gruppen-Frauentrupps an. Da kam so was Stures, Kontrollierendes, Misstrauen: Welche Macht steckt hinter ihr, was hat sie vor? Einige haben sich dann sehr gut entwickelt, aber das ging eine ganze Zeit auch auf Kosten anderer.

Die wichtigen Strömungen, aus denen die Grünen sich entwickelt haben, waren außerdem die Frauen-, Friedens- und Umweltbewegungen...

Ja, viel stärker und europäisch vernetzt, als es in einigen Büchern steht. Dazu kamen die Alternativszene vor allem und das Sozialistische Büro. In der Durststrecke, als die Apo verebbt ist und das Sektierertum anfing, hat das SB einen Teil der undogmatischen Linksintellektuellen auf einem relativ hohen Diskussionsniveau gehalten. Von denen hat sich ein Teil den Grünen geöffnet, und ein Teil hat das abgelehnt. Die haben schon die Farbe Grün abgelehnt. Da habe ich einmal in einer Debatte extra die Farbe Grün thematisiert, und da kam dann raus, dass einige emotional und sich identifizierend an der roten Fahne hängen. Ich habe gesagt, an der hängt doch auch Blut. Da merkte ich - und das ist auch jetzt wieder so -, dass viele da so 'ne Heilsvorstellung mit der Linken verbinden.

Aber trotzdem hatten die Grünen doch von Anfang an ein starkes bürgerliches Element?

Ja, auch mit Herbert Gruhl, Carl Amery, Helmut Gollwitzer, Kirchenleuten und einigen Akademikern aus der SPD. Dass die Grünen so stark in die Fläche hinein entstehen konnten, hat viel mit den Bürgerinitiativen und den lokalen Gruppen der Frauenbewegung zu tun. In den ländlichen Regionen waren ja auch Bauern, Grafen und Künstler. Darum habe ich bei den Grünen gekämpft, dass von dieser Mischung möglichst viel erhalten bleibt, dass das nicht in so eine ideologische und Milieu-Enge zurückfällt.

Quelle: F.A.Z.

 
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