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Veröffentlicht: 21.01.2016, 21:59 Uhr

Großrazzien in Köln Kampf den Rückzugsräumen

Die Polizei führt weiter Großrazzien im Kölner Stadtteil Kalk durch und demonstriert Stärke. Die Beamten hoffen auf einen Glücksgriff für die Ermittlungen zur Silvesternacht – sie stochern offenbar noch immer im Nebel.

von , Köln
© dpa In dieser Woche gab es umfangreiche Razzien in Köln-Kalk.

Gegen 21 Uhr fährt rund ein Dutzend Mannschaftswagen der Polizei in die Kölner Taunusstraße. Bereitschaftspolizisten springen raus und sperren die Zugänge ab. Für die nächsten zweieinhalb Stunden dürfen Anwohner das Gebiet nicht betreten. In der Mitte der Straße bauen die Beamten einen Lichtkran auf. Die Taunusstraße, sonst ein etwas düsterer Ort mit alten Straßenlaternen, wird hell wie ein Fußballstadion. Nach und nach führen Polizeibeamte Männer aus den Lokalen und Wettbüros. Wer sich nicht ausweisen kann, wird auf das nahegelegene Polizeirevier gebracht. 19 Personen sind es insgesamt. Vier von ihnen sind illegal in Deutschland, zweien wird Diebstahl vorgeworfen, einem anderen Körperverletzung.

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Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit führt die Polizei Mittwochnacht eine Großrazzia im Kölner Stadtteil Kalk durch. Am Vorabend hatten Beamte auf der Kalk-Mülheimer-Straße, wenige hundert Meter entfernt, umfangreich kontrolliert. Laut Polizei ist Kalk ein Rückzugsraum für Taschen- und Trickdiebe. Gibt es einen Zusammenhang mit der Kölner Silvesternacht? Die Antwort der Polizei darauf ist eher ausweichend: Ermittlungsergebnisse würden der Ermittlungsgruppe Neujahr zur Verfügung gestellt, die sich mit den hundertfachen sexuellen Übergriffen auf Frauen befasst. Als Grund für das starke Engagement der Beamten im Stadtteil wird die gestiegene Kriminalität angeführt.

Aus Kölner Polizei-Kreisen heißt es später, mit den Großrazzien in Kalk seien durchaus Hoffnungen verbunden. Die Ermittlungen, die Silvester betreffen, verliefen noch immer schleppend. Einige Tatverdächtige gibt es, einzelne sind in Untersuchungshaft, allerdings steht nur einer im Verdacht, an den sexuellen Übergriffen beteiligt gewesen zu sein. Die Ermittler hofften auf einen Glücksgriff in Kalk, sagt ein Ermittler.

© dpa, reuters Polizei-Razzia in Köln im Zusammenhang mit Silvester-Übergriffen

Bereits in einer ihrer ersten Meldungen am 5. Januar gab die Behörde an, die mutmaßlichen Täter kämen aus dem „nordafrikanischen Raum“. Die meisten Menschen marokkanischer oder algerischer Herkunft in Köln leben in Kalk. Eine einfache Gleichung, die die Gegend schnell zum Fahndungsgebiet gemacht hat. Die Taunusstraße nennen manche „Klein-Marokko“. Die Cafés und Teehäuser gehören Marokkanern, eine Spedition hat sich auf In- und Export nach Nordafrika spezialisiert. Schon vor der Silvesternacht galt Köln-Kalk wahlweise als Multikulti oder Problembezirk. Manche haben an dem schlechten Image mitgewirkt. Der Rapper Eko Fresh zum Beispiel, der vor ein paar Jahren ein Musikvideo auf der Taunusstraße drehte. Er stammt aus Gremberg, einem Teil Kalks und singt in „Grembranx“, dass er und seine Leute täglich von der Polizei kontrolliert würden. „Hier könnte jederzeit ein Drive By passieren“, also ein Schusswechsel aus einem fahrenden Auto. Im Video stellt der Rapper sein „Ghetto“ vor, so nennt er die Taunusstraße. Vor dem Café Amin steht er dann und singt, hier trinke er seinen Minztee mit viel Zucker.

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Es ist eines der Teehäuser, die auch die Polizei Mittwochnacht durchsucht. Nach zweieinhalb Stunden geht die letzte Polizistin aus dem Café, der Besitzer macht das Licht aus, schließt ab und lässt das Gitter runter. Er ist entnervt, will nicht reden. Es sei nicht das erste Mal, dass sein Laden durchsucht werde, beklagt er sich dann doch. „Wir werden unter Generalverdacht gestellt.“ Der Besitzer des Kiosks ein paar Meter entfernt zuckt mit den Schultern. „Das ist eine gute Gegend mit netten Leuten“, sagt er. Für Kölner Verhältnisse sind hier die Mieten niedrig und der Weg zur Innenstadt ist nicht weit, zwei S-Bahn-Stationen bis zum Hauptbahnhof.

Manche Anwohner sind durch die Ereignisse der Silvesternacht verunsichert. An einer Ecke des Taunusplatz befindet sich das „La Mäng“, eine bürgerliche Gaststätte. Die Besitzer, ein Ehepaar, stehen draußen und rauchen. „Gut, dass die Polizisten hier sind“, sagt die Wirtin. Sie beschreibt ein anderes Kalk, es fügt sich in das Bild der Kriminalstatistiken. Die Frau deutet hinüber zum Spielplatz: Da drüben würden sich häufig die Drogendealer bewegen. In den vergangenen Jahren sei die marokkanische Community immer weiter angewachsen, sagt ein Gast. „Die einen ziehen die anderen an.“

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Am Tag darauf fällt die Bilanz der Polizei verhalten aus. Es gibt keine Tatverdächtigen im Zusammenhang mit der Silvesternacht. 117 Handys wurden überprüft, drei von ihnen waren als gestohlen gemeldet. „Unser Ziel ist es, den Druck weiter zu erhöhen“, sagt eine Sprecherin der Polizei. Weitere Razzien seien geplant. Vielleicht auch wieder in Kalk. Die Kölner Polizei, die bei den Übergriffen kein gutes Bild abgegeben hat, versucht offenbar Stärke zu demonstrieren.

Quelle: wahlrecht.de
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