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Gewalt im Fußball „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot“

 ·  Der 1. FC Köln zeigt seit einer Weile eine hässliche Seite des Sports: Mit dem Weggang des Fußballers Kevin Pezzoni kapituliert er vor dem Hooligan-Mob. Doch Fan-Gewalt ist nicht nur ein Kölner Problem.

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© firo Sportphoto Mit gebrochener Nase: Kevin Pezzoni im Februar, kurz nach einem Angriff von FC-Hooligans während des Kölner Karnevals

Für Fans ist der 1. FC Köln ein großartiger Verein. Nach der Gründung der Bundesliga wurde er 1964 erster Meister. 35 Jahre lang gehörte er ununterbrochen der höchsten Spielklasse an. Große Namen des deutschen Fußballs sind mit dem FC verbunden: Hans Schäfer, Wolfgang Overath, Harald Schumacher, Pierre Littbarski, Bernd Schuster oder Lukas Podolski. Der FC hat ein stimmungsvolles Stadion und enthusiastische, leidensfähige Fans.

Leidensfähig muss man als FC-Anhänger spätestens seit 1998 sein, seitdem pendelt der Klub zwischen erster und zweiter Liga und hat sich auch wirtschaftlich wie sportlich nicht mehr erholt. Das schmerzt eine Stadt wie Köln ganz besonders, die sich immer ein bisschen größer und bedeutender fühlt, als sie eigentlich ist. Nach nur vier Spieltagen ist der gerade zum fünften Mal abgestiegene FC tief in den Tabellenkeller der zweiten Liga abgestürzt. Schlechter ist nur noch der MSV Duisburg. Saisonübergreifend betrachtet, sind die „Geißböcke“ seit 13 Partien sieglos. Einer der schönsten Fußballwitze in Köln geht derzeit so: „Klar steigt der FC wieder auf - übernächsten Sommer in die zweite Liga.“

Konfrontation mit latent gewaltbereiten Fangruppen gescheut

Den Kölner Fußball bedrohen aber nicht nur massive sportliche Probleme. Der große Traditionsverein zeigt seit einer Weile eine ganz hässliche Seite des Sports: sehr extreme, sehr gewaltbereite Fans. Es handelt sich zwar nur um eine kleine Gruppe, doch ihre Aktionen sind schockierend. Jeder, der es wissen wollte, konnte schon lange sehen, dass etwas schiefläuft beim FC, denn die Vorfälle häuften sich. Die Hooligans haben es nicht nur auf „Gegner“ wie im Februar 2011 auf einen Polizisten (den sie verprügelten) oder den Leverkusener Spieler Michal Kadlec (dem sie das Nasenbein brachen), sondern auch auf die eigenen Leute abgesehen. Als der FC Köln am 23. April 2011 mit 1:4 gegen den Mitabstiegskandidaten VfL Wolfsburg verlor, kam es zu heftigen Protesten der Fans. Unbekannte beschmierten auf dem FC-Trainingsgelände eine Bande mit der Aufschrift „Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot. Come on FC.“ Aus Angst vor Übergriffen eigener „Fans“ verließ Abwehrspieler Christian Eichner am letzten Spieltag der Vorsaison das Stadion im Kofferraum des Autos seiner Eltern.

Dass sich auch Kevin Pezzoni, der einst Kapitän der deutschen U-19-Mannschaft war und auch bei der U21 spielte, aber dann seit Jahren schon mit dem FC Köln auf keinen grünen Zweig mehr kam, im Fokus krimineller Köln-“Fans“ befand, war spätestens seit der Karnevalszeit bekannt. In den sogenannten närrischen Tagen brachen FC-Hooligans dem Defensivspieler die Nase. Am Dienstag vergangener Woche tauchten dann fünf Männer vor der Haustür des 23 Jahre alten Fußballers auf und riefen: „Komm raus, wir hauen dir eine rein.“ Im Internet hatte sich zudem eine Facebook-Gruppe namens „Kevin-Pezzoni-und-Co-aufmischen“ gegründet. Offen wurde dort zur Gewalt gegen Pezzoni aufgerufen. Noch am 28. August hatte Trainer Holger Stanislawski gesagt: „Kevin wird in Richtung Schlachtbank geführt. Das werde ich nicht tolerieren!“ Doch wenig später löste der verzweifelte Pezzoni seinen Vertrag auf. Man habe diesen „sehr persönlichen Wunsch respektiert“, ließ der FC mitteilen. Es klang, als hätte der Traditionsverein vor dem gewaltbereiten Hooligan-Mob kapituliert.

Fan-Gewalt ist nicht nur ein Kölner Problem. Im November 2011 hatten sich Hooligans als Pizzaboten ausgegeben, um den Magdeburger Spieler Daniel Bauer vor seine Wohnung zu locken und ihn dort direkt bedrohen zu können. Wie nun Pezzoni löste Bauer daraufhin seinen Vertrag auf. Doch Dirk Graalmann, der Leiter der Sportredaktion der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“, begeisterter Wahlkölner und eingefleischter FC-Fan, glaubt, dass im „Kölner Biotop der Sumpf von physischer und psychischer Gewalt besonders gut gedeiht“. Vielleicht hätte es auch in Hamburg oder Frankfurt zu einem solch krassen Fall kommen können, meint Graalmann. „Aber dass es nun in Köln passiert ist, kann niemanden überraschen.“ Die frühere Vereinsführung unter Klub-Ikone Overath habe die Konfrontation mit den latent gewaltbereiten Fangruppen zu lange gescheut. Auch die Kommunikation der neuen Vereinsführung sei eine Katastrophe.

Ausschreitungen bei 42 Spielen in der noch jungen Saison

Tatsächlich stellten Präsident Werner Spinner und Geschäftsführer Claus Horstmann erst am Dienstag klar: „Kevin Pezzoni und der 1. FC Köln haben den Vertrag nicht wegen ein paar Chaoten aufgelöst, die den Spieler bedrängt haben.“ Es sei absurd, anzunehmen, der Verein kapituliere vor aggressivem Verhalten einzelner Störer. Die Chaoten hätten keinerlei Einfluss auf Vertragsentscheidungen. „Wer etwas anderes behauptet, liefert die Vorlage für weitere Chaoten, andere Spieler ins Visier zu nehmen.“

Graalmann ist überzeugt, dass der Fußball insgesamt höllisch aufpassen muss, dass sich der Pöbel nicht seiner bemächtigt. Auch der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) macht sich große Sorgen. „Wir dürfen uns den Fußball nicht kaputtmachen lassen“, sagt der MSV-Duisburg-Anhänger dieser Zeitung. Es gebe eine kleine Minderheit von Gewalttätern, die sich unter die Fans mische, die konsequent vom Fußball ferngehalten werden müsse. Die 99 Prozent der absolut friedlichen Fans müssten sich klar von den Chaoten distanzieren, damit würden auch die Spieler vor Übergriffen geschützt. „Denn die, die jetzt jubeln, weil sie glauben, einen Spieler weggemobbt zu haben, suchen sich möglicherweise schon das nächste Opfer und drohen zum Vorbild für andere kriminelle Fans in anderen Vereinen zu werden. So darf das nicht weitergehen!“

Die Dramatik der Worte Jägers erklärt sich auch daraus, dass der Innenminister das Problem aus unmittelbarer Anschauung kennt. Nach der Partie „seines“ MSV gegen Dynamo Dresden am dritten Spieltag hielten Ultras beider Seiten die Polizei über Stunden in Atem. Ein Kamerateam des WDR erlitt Knalltraumata durch Pyrotechnik, eine flüchtende Person trat eine Wohnungstür ein, um sich in Sicherheit zu bringen. Als Jäger am vergangenen Freitag gemeinsam mit dem Generalsekretär des Deutschen Fußballbunds, Helmut Sandrock, in Düsseldorf das überarbeitete „Nationale Konzept Sport und Sicherheit“ vorstellte, wies er darauf hin, dass es allein in der noch jungen Saison schon bei 42 Spielen zu Ausschreitungen gekommen sei. Mit dem neuen Konzept werden nun erstmals nationale Richtlinien eingeführt, nach denen an allen Spielorten verfahren wird. Durch intensive Zusammenarbeit von Ministerien, Polizei, Kommunen, Vereinen und Verbänden, Fanprojekten und Verkehrsunternehmen soll eine „verantwortungsbewusste“ Fankultur gefördert werden.

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Jahrgang 1969, politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

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