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Veröffentlicht: 24.02.2013, 16:28 Uhr

Gewalt gegen Polizisten Heule, heule Gänschen

Die Polizeilobby plärrt wie keine andere: Polizisten würden angegriffen, bespuckt, beleidigt. Doch was ist an den Behauptungen wirklich dran? Und wer kämpft hier eigentlich gegen wen?

von Friederike Haupt
© Thomas Fuchs Kein Respekt vor der Polizei: Wahrheit oder sorgfältig kalkuliertes Gejammer?

Morgens las der Professor im „Abendblatt“: „Hamburger Polizisten fordern mehr Respekt“, groß auf Seite eins. Immer häufiger würden Polizisten angeschrien und bespuckt, immer öfter müssten sie sich im Einsatz rechtfertigen. Auf Seite zwei barmte der Chefredakteur: „Mehr Anstand, bitte“. Und auf der Acht klagte ein 26 Jahre alter Polizeimeister: Auf dem Kiez gehöre es zum Alltag, beschimpft zu werden. Wie sich das anfühle, habe er in der Ausbildung nicht gelernt. Das lasse ihn nicht kalt.

Der Professor las die drei Artikel. Und ärgerte sich. Er lehrt an der Polizeihochschule in Hamburg und heißt Rafael Behr. Behr meldete sich bei der Journalistin, die über die Polizei geschrieben hatte. Zwei Wochen später erschien ein neuer Artikel, Überschrift: „Hamburger Kriminologe: Die Polizei jammert zu viel“. Das war es, was Behr so geärgert hatte. Das Jammern.

Woran merkt man, dass einer nicht leidet, sondern jammert? Ganz einfach: Man muss es ihm nur auf den Kopf zusagen. Du jammerst! Die Reaktion ist immer die gleiche. Wut. Am selben Tag noch, an dem der neue Artikel in der Zeitung stand, jagten alle drei Polizistenlobbys (zwei von ihnen nennen sich „Gewerkschaften“, als seien Polizisten nicht etwa beamtete, unkündbare Staatsdiener mit Pensionsanspruch, sondern Arbeiter oder Angestellte, die ihre Löhne aushandeln müssen und jederzeit den Job verlieren können) - die Polizistenlobbys also jagten schnurstracks Pressemitteilungen über ihre Verteiler.

Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs

Einen „Fall akuter Profilneurose“ diagnostizierte die Gewerkschaft der Polizei (GdP) und bot an, „dem Herrn Professor auf dem Weg zurück in die Realität behilflich zu sein“. „Frech“ nannte der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) den Jammervorwurf. Eine Entschuldigung sei umgehend fällig, und für „schwer denkbar“ halte man, dass Behr in Zukunft noch den Polizeinachwuchs unterrichte.

“Mit fassungslosem Entsetzen“ habe man die Äußerungen des Professors gelesen, heulte die Deutsche Polizei-Gewerkschaft (DPolG), als gelte es, den ersten Platz bei einem Heulbojenwettbewerb zu erringen. Behrs Worte seien „ehrverletzend, diffamierend und verleumderisch“, das Menschenbild des Wissenschaftlers erscheine „bemerkenswert“. Behr sei „offensichtlich fehl am Platze“. Der Hamburger Landesvorsitzende des Verbands gab kund: „Ich halte die Einleitung dienstrechtlicher Maßnahmen, bis hin zur Ablösung, für zwingend erforderlich.“ Männer am Rande des Nervenzusammenbruchs.

Jenseits der Lobby sah man die Sache nüchterner. Polizeiwissenschaftler solidarisierten sich mit dem Professor. Er solle als Nestbeschmutzer stigmatisiert werden, bloggte einer von der Uni Hamburg. Behrs These fanden die Kriminologen dort so interessant, dass sie den Zeitungsartikel sofort am Schwarzen Brett aufhängten.

Kollegen kämpfen auch gegen Kollegen

Behr gilt als einer der führenden Polizeiwissenschaftler in Deutschland. Davor war er außerdem fünfzehn Jahre lang Polizeibeamter, fuhr Streife. Seit 2008 ist er Professor. Kollegen beschreiben ihn als „ruhigen Charakter, mit dem man gut reden kann“. Dass man ihm den „Weg zurück in die Realität“ weisen müsste, hat außer den Gewerkschaften noch niemand gefordert. Vielleicht, weil Behrs Realität für niemanden so unangenehm ist wie für sie.

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