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Gesundheitssystem „Auf Solidarität verzichten“

 ·  Der Chef der Berliner Charité, Karl Max Einhäupl, hält das Gesundheitssystem auf Dauer nicht mehr für finanzierbar. Ein F.A.Z.-Gespräch über Solidarität und ihre Grenzen, schwere ethische Entscheidungen und Missbrauchsfälle im Krankenhaus.

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© Julia Zimmermann Vergrößern Charité-Chef Einhäupl

Herr Professor Einhäupl, Sie standen in der Kritik in Zusammenhang mit einem mutmaßlichen Missbrauchsfall in der Charité. Ein Pfleger soll ein sechzehnjähriges Mädchen missbraucht haben. Sie haben das erst öffentlich gemacht, als es schon in die Presse geraten war. Haben Sie sich etwas vorzuwerfen?

Ich habe eine Information zu spät erhalten, das will ich nicht beschönigen. Doch diese Kommunikationsprobleme haben für niemanden zu einem Schaden geführt. Wir wollten Anzeige erstatten, aber die Öffentlichkeit zunächst nicht informieren. Denn selbst wenn sich herausstellt, dass an einer Sache nichts dran ist, bleibt an dem Menschen, der als Täter gegolten hat, immer etwas hängen. Mehr noch: Das Leben eines in Verdacht geratenen Menschen und das seiner Familie wird zerstört. Es galt also auch, den vermeintlichen Täter zu schützen.

Sie haben aber dann den Täter gewissermaßen vorverurteilt, ihm wurde sogar gekündigt.

Ich habe von früheren Ereignissen aus dem Berufsleben des Mannes erfahren. Das hat mich darin bestärkt, Anzeige zu erstatten. Darauf beruhte die Aussage, dass wir bei ihm eine Täterschaft für wahrscheinlich halten. Das müssen aber die Polizei, die Staatsanwaltschaft und letztlich ein Gericht klären.

Welche Konsequenzen zieht die Charité aus dem Fall?

Zunächst: Die Charité ist kein Hort sexuellen Missbrauchs an Kindern oder Patienten. Es ist der dritte mir bekannte solche Fall, seit ich im Herbst 2008 die Leitung übernommen habe. Eine Klinik ist auch ein Abbild unserer Gesellschaft. Die Probleme, die es dort gibt, finden sich auch bei uns.

Im Krankenhaus kommen sich Menschen besonders nahe. Muss es hier nicht eine hohe Sensibilität für das Thema Missbrauch geben?

Im Krankenhaus ist die natürliche körperliche Distanz, die es zwischen nicht vertrauten Menschen gibt, aufgehoben. Das kann Missbrauch begünstigen. Wir wollen nun in einer Studie anhand aller Fälle von Missbrauch, sexueller Belästigung und Gewalt, die es in der Charité gegeben hat, klären: Wie oft kommt so etwas vor? Welche Bedingungen haben das befördert? Und was können wir im Krankenhaus präventiv tun? Wir müssen eine Atmosphäre des Hinschauens schaffen. Das gilt übrigens auch für Übergriffe von Patienten oder Ärzten beispielsweise gegenüber Krankenschwestern.

Im Oktober tauchten an der Charité Serratien, also Darmkeime, auf einer Station mit Frühgeborenen auf. Auch dort wurde angeblich zu spät informiert.

Die Fälle sind nicht zu vergleichen, wenn es um die Frage geht, ob man die Öffentlichkeit informiert. Bei einem Missbrauchsfall in einem Krankenhaus muss das geschehen,wenn sich der Verdacht erhärtet hat. Der Ausbruch von Serratien in einem Krankenhaus ist aber nichts Ungewöhnliches. Alles Notwendige, in der Hygienetechnik und an Tests, wurde sofort gemacht. Das Kind, das gestorben ist, ist nicht an den Darmkeimen gestorben. Uns wurde vorgeworfen, den Ausbruch nicht der Öffentlichkeit mitgeteilt haben. Ich frage mich nun: Welche Ereignisse soll ich zukünftig der Öffentlichkeit mitteilen? In einem so großen Krankenhaus gibt es immer Dinge, die zum medialen Aufreger taugen.

In Deutschland öffnet sich die Schere zwischen dem, was medizinisch machbar, und dem, was finanzierbar ist, immer weiter.

Die Gesellschaft muss sich die Frage stellen, wie sie damit zukünftig umgehen will. In vielen Bereichen haben wir immer mehr Möglichkeiten und immer weniger Geld, um eine neue Behandlung dem Patienten anzubieten. Was wollen die Menschen? Innovationen sollen schneller ans Krankenbett kommen. Sie wollen Transparenz und Information - der neue Patient ist informiert. Gesundheitsgüter sollen zudem bezahlbar bleiben und gerecht verteilt werden. Das alles herzustellen wird sehr schwierig.

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Das Gespräch führten Christiane Hoffmann und Markus Wehner.

Quelle: F.A.S.
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