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Gesundheitspolitik Arme Ärzte, arme Patienten

„Deutschland hatte in der Welt das beste Gesundheitssystem, jetzt wird es systematisch kaputtgespart“, sagt ein Münchner Kardiologe. Ein Blick in die ganz alltäglichen Abgründe der Honorarreform für Fachärzte.

© F.A.Z.-Greser&Lenz Vergrößern

Winterlich kalt war es in der Oberpfalz und spiegelglatt der Weg, auf dem die 52 Jahre alte Frau ausrutschte. Als nach einigen Tagen das Knie immer noch schmerzte, ließ sie sich zu Dr. Kian bringen, ihrem Orthopäden in Eschenbach, dessen Patientin sie ohnehin war. Die laienhaftesten Gedanken huschten ihr durch den Kopf, etwa der, dass nunmehr der Facharzt nicht nur an ihrer rechten Schulter verdiene, sondern auch noch an einem Gelenk weiter unten.

Roswin Finkenzeller Folgen:  

Bass erstaunt gewesen wäre sie, wenn ihr in der Praxis jemand die gesundheitspolitische Wahrheit aufgetischt hätte, dass ihr verletztes Knie kostenlos behandelt werden müsse. Denn seit 1. Januar zahlen die gesetzlichen Kassen pro Patient und Quartal einen bestimmten Betrag und damit basta. In der Orthopädie sind das 29 Euro und 28 Cent. Mit diesem Sümmchen waren bereits die Bemühungen um die Schulter, genauer um die abgenutzte Rotatorenmanschette, auf betriebswirtschaftlich verheerende Weise abgegolten.

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Verwirrende Details

Alle Leistungen sind inbegriffen, vom Tastbefund über den Ultraschall bis zu den guten Ratschlägen. Röntgen allerdings ist eine Sonderleistung, zu vergüten mit fünf Euro. Oder, sofern es der Therapeut pfiffig anstellt, mit zwölf Euro. Die neuen Tarife gestatten ein paar Schlaumeiereien und damit wiederum staatliche Ausreden wie die, Beschwerdeführer könnten nicht rechnen. Das ändert aber nichts an der Einführung der „Regelleistungsvolumina“, der nach medizinischen Fachgebieten und Bundesländern fein gegliederten Kopfpauschalen für drei Monate.

Patienten - streikende Fachärzte © dpa Vergrößern Streikende Fachärzte Mitte Februar in München: Nicht nur von Luft und Liebe leben

Das bisherige Punktesystem war für niedergelassene Fachärzte der Regen, aus dem sie in die Traufe kamen. Zu ihrer Kenntnis gelangten die unzähligen, von Neujahr an geltenden Details nicht etwa im vergangenen Herbst, sondern kurz vor Weihnachten, einem für das Studium fachspezifischer Einkommensverhältnisse etwas ungeeigneten Zeitabschnitt.

Einkommen, Honorare, Vergütungen - der Vorsitzende des bayerischen Kardiologenverbandes beschwört die Deutschen, solche irreführenden Vokabeln zu vermeiden. Welchen Plural hält Professor Silber für angebracht? „Umsätze.“ Stimmt insofern, als die Beträge nicht in die Taschen des Arztes fließen, ja nicht einmal die Betriebskosten decken, am wenigsten die einer kardiologischen, mit modernsten Geräten ausgestatteten Praxis.

All-Inclusive Behandlung für 72 Euro

So ergeht es auch dem Münchner Professor Schön, der wie fast alle Kollegen dem jeweiligen Patienten nicht gleich auf die Nase bindet, was der gesetzlichen Krankenversicherung ein bayerisches Herz vierteljährlich wert ist. Ein 35 Jahre alter Patient, der sich kürzlich nach zweitägiger Behandlung nach den Kosten erkundigte, konnte es kaum glauben: Am Donnerstag hatte er auf dem Bildschirm ein Stück seines Innenlebens gesehen, aber nur in Form von Tabellen und Grafiken - das Ergebnis der Sonographie. Am Freitag lag er zweimal, jeweils 17 Minuten lang, unter einer sich nähernden, sich entfernenden, von links nach rechts pendelnden und wieder zurückschwenkenden Kamera. Szintigraphie.

Dazwischen trug er die für ein Langzeit-EKG nötigen Schnüre mit sich herum, die längst nicht mehr so zahlreich und unbequem sind wie früher. Persönlich lernte er Professor Schön kennen, der sich ihm ebenfalls zweimal widmete, wahrscheinlich auch jeweils 17 Minuten lang. Es war da noch ein zweiter Arzt, der die Sonographie besorgte und dabei behauptete, die besondere Art von Ultraschall ersetze einen Teil der ebenso klassischen wie schmerzhaften Katheteruntersuchung erst seit ein paar Jahren.

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Veröffentlicht: 06.03.2009, 08:08 Uhr